Bruckner: Sinfonie Nr. 5 B-Dur WAB 105

(UA Graz 1894)

Seine Fünfte hat Bruckner nie gehört. Bei der einzigen Aufführung zu seinen Lebzeiten war er sterbenskrank – so blieb ihm eine von seinen Beratern entstellte Bearbeitung erspart. Vorsorglich hatte er das Manuskript in Sicherheit gebracht – dieses wurde erst 1937 gedruckt.

Bruckners Fünfte – Mittelpunkt seines Werkes – ist unangetastet, Gott sei Dank! Wer weiß – vielleicht gab es in höheren Sphären ein besonderes Interesse an ihr, denn sie ist sehr spirituell: Die geistigen Flammen, von denen sie beseelt ist, legen den Namen Pfingstsymphonie nahe ...

Andächtig betreten wir einen sakralen Raum – zwei Themen durchhallen das Gewölbe: Das erste ist rhythmisch – wie ein Gebot, das zweite hymnisch – wie eine Verheißung. Ein Brausen erhebt sich, der Orchesterklang strahlt wie in Erleuchtung ... so weit die Einleitung. Einzig die Fünfte hat eine langsame Einleitung. Das Hauptthema des folgenden Allegro – das „Ich“-Thema – wird in der Durchführung mit dem Gebot-Thema der Einleitung in Konflikt geraten, aber das Thema der Verheißung wird es wieder erheben ... Im Seitenthema klingen Einsamkeit und Sehnsucht an, die Schlussgruppe atmet Kraft und Zuversicht.

Zweiter und dritter Satz gehören zusammen. Die „wandernde“ Pizzicato-Begleitung im Sechsvierteltakt und dazu die „schlendernde“ Melodie im Viervierteltakt erfordern Geduld: Mal müssen sechs langsame Noten gegen vier Taktschläge und mal vier langsame Noten gegen sechs Schläge gespielt werden. Plötzlich beginnt das wandernde Pizzicato zu tanzen, und der dritte Satz hat begonnen. Sein Charakter wechselt spielerisch zwischen Scherzo und Ländler. Das Trio beginnt mit einem dissonanten Hornakzent, der die folgende heitere Episode infrage stellt.

Der vierte Satz scheint mit derselben langsamen Einleitung wie der erste zu beginnen, nur erschallt kein feierliches Gebot-Thema, sondern – völlig überraschend – ein keckes Klarinettenmotiv. Das Themenzitat des ersten Satzes ruft zur Ordnung auf, aber die Trompete pflichtet der Klarinette bei; das Themenzitat des langsamen Satzes mahnt Ernst an, aber die Flöte kichert wie die Klarinette. Es herrscht eine gespannte, lauernde Atmosphäre – und nun bricht das größte Fugenfinale des 19. Jahrhunderts los: Violoncelli und Kontrabässe machen aus dem Scherzmotiv der Klarinetten ein ungestümes Fugenthema. Das Seitenthema bringt Entspannung. Die Schlussgruppe setzt kraftvoll mit dem vergrößerten Fugenthema ein, da hält plötzlich alles den Atem an – und in völlig unerwarteter Tonart fährt der Pfingstchoral wie der heilige Geist herab – wo waren wir die ganze Zeit über? Wie benommen geht die Exposition zu Ende.

Mit der Durchführung beginnt die eigentliche Doppelfuge über Choral- und Finalthema. Nacheinander geraten die Bauteile der Themen – Kopf, Korpus, Kadenz – in den Fokus, werden vergrößert, verkleinert, umgekehrt, verschoben und in der grandiosen Reprise kombiniert.

In der Coda erfolgt dann die krönende Kombination von Choralthema und Fugenthema mit dem Hauptthema des ersten Satzes. Der Pfingstchoral weitet sich zum Hymnus, dann schließt die Symphonie stolz mit dem „Ich“-Thema wie mit der Signatur des Meisters – gut gemacht, Bruckner! Wie bitte? „Nicht für tausend Gulden möchte ich das noch einmal schreiben.“

(Mathias Husmann)

 

bitte auch aufrufen:

Bruckner: Die Neun Sinfonien / allgemeine Einführung