Mozart: Idomeneo

KV 366 (UA München 1781)

Die Ouvertüre beginnt wie mit einer offiziellen Ankündigung: Der König kommt! Dann aber vernehmen wir aus wild aufschäumender Orchesterbrandung, wer der eigentliche Herr in dieser Oper ist: Das Meer – und es ist zornig!

Auf der Heimfahrt vom zerstörten Troja ist Idomeneo in einen Seesturm geraten. Aus Todesangst hat er dem Gott des Meeres gelobt, ihm den ersten Menschen, dem er nach seiner Rettung begegnen würde, zu opfern. Was für eine feige, unkönigliche Haltung! Poseidon spuckt ihn in Kreta an Land und fügt es, dass Idomeneo sofort Idamantes, seinem eigenen Sohn, begegnet, der am Strand auf ihn gewartet hat. Idomeneo verschweigt sein Gelübde. Er befiehlt, Idamantes solle die Prinzessin Elektra, welche während des Trojanischen Krieges Asyl auf Kreta genoss, per Schiff nach Hause geleiten, damit er so dem Opfer entgeht, aber ein menschenfressendes Seeungeheuer blockiert den Hafen. Idamantes, der sich in seines Vaters kriegsbedingter Abwesenheit in die gefangen gehaltene Trojanerprinzessin Ilia verliebt hat, bekämpft erfolgreich das Ungeheuer. Dann – mittlerweile weiß er um das Gelübde seines Vaters – will er sich im Tempel Poseidon opfern. Für ihn wiederum will Ilia sich opfern. Angesichts von so viel Opfermut ergeht ein Orakel: Idomeneo steige vom Thron / es herrsche Idamantes / Ilia sei ihm Gemahlin / Poseidon ist versöhnt.

Eine tolle Geschichte, die den 24-jährigen Mozart zu einer feurigen Musik inspirierte: Man hört romantischen Sturm und Drang und noch nicht die weltmännische Eleganz späterer Opern. Aber Mozart musste – wie Idamantes – mit einem Ungeheuer aus Schwierigkeiten kämpfen: Die alte Form der Opera seria war starr – und das Libretto weitschweifig. Sein Theaterinstinkt half ihm: Er ergänzte oder ersetzte Arien durch ausdrucksvolle Orchesterrezitative („darunter die Instrumenten gut malen können“) und peitschte den Orchesterpart agogisch, dynamisch, harmonisch und instrumental regelrecht auf. Die dramatischen Chöre klingen schon nach Beethoven und Wagner.

Aber die Arme des Ungeheuers aus Schwierigkeiten waren nichts gegen dessen Köpfe! Da waren die Dickköpfe des Intendanten Graf Seeau und des Ballettmeisters und Regisseurs Le Grand, mit denen es um jede Kleinigkeit „einen starken Zank“ gab, und vor allem war da Mozarts Vater Leopold, der von Salzburg aus den ansässigen Librettisten Varesco beeinflusste und seinem Sohn in die Komposition hineinredete ...

Die Schwestern Dorothea (Elektra) und Elisabeth (Ilia) Wendling müssen ausgezeichnet gesungen haben, bei den Herren wollte es der Zufall, dass Mozart es mit Sängern zu tun bekam, die ihre beste Zeit hinter sich hatten – auch der von Mozart verehrte Tenor Anton Raaff (Idomeneo). Für ihn änderte Mozart die Partie mehrfach.

Die Mannheimer Hofkapelle, die in München „gastierte“, war das erste und ist das eigentliche Mozart – Orchester. Dessen Konzertmeister und Direktor Christian Cannabich hatte Mozart den Auftrag (Scrittura) verschafft, Mozart schrieb seine Musik den temperamentvollen Mannheimern – man denke nur an einen Begriff wie das „Mannheimer Crescendo“ – auf den Leib.

Mozarts Wunsch, den Idomeneo für Wien zu einer Basspartie umzuschreiben, wurde mangels einer Aufführungschance nicht realisiert – schade! Idemeneo oder „Der Zorn des Meeres“ – mit einer dramatischen Basspartie als Titelfigur – und Mozarts genialer heroischer Erstling stünde ganz anders in den Spielplänen!

(Mathias Husmann)

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