Oper-Kritik: Salzburger Festspiele – Idomeneo

Rettet die Welt!

(Salzburg, 2.8.2019) Peter Sellars naiver Regie-Appell zur Solidarität aller Völker enttäuscht, Spannung gewinnt Mozarts faszinierende Opera seria erst durch Dirigent Teodor Currentzis.

© Ruth Walz

Issachah Savage (Gran Sacerdote), musicAeterna Choir of Perm Opera

Issachah Savage (Gran Sacerdote), musicAeterna Choir of Perm Opera

Ist das sich in „Idomeneo“ aus den Fluten erhebende Meeresungeheuer der an der Umweltzerstörung leidende Ozean? Spiegelt Mozarts Musik den Klimawandel? Diese Überlegungen inspirierten Peter Sellars bei seiner nach „The Indian Queen“ (2016) und „La clemenza di Tito“ (2017) dritten Zusammenarbeit mit Teodor Currentzis zu einer akzentuiert subjektiven Realisierung der zwischen Revolution und Restauration stehenden Opera seria „Idomeneo“. In der Felsenreitschule hört man, dass Mozart seine 1781 in München entstandene Partitur für das fortschrittlichste Orchester Europas komponierte. Regie und Choreographie fallen neben der Leistung des in großer Besetzung mit fast 60 Musikern auftretenden Freiburger Barockorchesters allerdings stark ab. Ärgerlich ist auch die mehr ornamental als essentiell auf die Produktion wirkende Programmheftdramaturgie und die fast sektiererische Apologie der Musikwissenschaftlerin Susan McClary.

Licht und Plastik

Viel szenischen Leerlauf gibt es zwischen den hängenden, liegenden, verschiebbaren Gebilden des Multi-Artists George Tsypin im bunten, das einmalige Ambiente der Felsenreitschule kaum zur Geltung bringende Licht von James F. Ingall. Gewinnendes Stimmmaterial, aber matte Diktion zeigt der musicAeterna Choir of Perm Opera. Das Ensemble krümmt sich zusammen, wenn rote und blaue Lichtwogen über die Massen hinwegbrausen oder transparente Säulen sich bedrohlich hochschrauben. Aber die erschütternde Wirkung bleibt aus. Die Teilung in eine ethnische Gruppe aus dem Osten und Trojaner in uniformen Overalls, pigmentiert wie der durch Plastikpartikel verseuchte Blaue Planet, bleibt Staffage. Die Frage drängt sich auf: Verdienen Robby Duivermans Kostüme ein Zertifikat für ressourcenschonende Fertigung?

© Ruth Walz

Ying Fang (Ilia), musicAeterna Choir of Perm Opera

Ying Fang (Ilia), musicAeterna Choir of Perm Opera

Harmlose Regie-Arrangements

Viel guten Willen verraten die von Sellars, wie es scheint, im Goetheanum Dornach studierten, symmetrischen und recht harmlosen Arrangements. Spannung gewinnt Mozarts faszinierende Opera seria aber vor allem durch Currentzis. Die Heimkehr des kretischen Königs Idomeneo, der nach Rettung aus einem Sturm Poseidon das Opfer des ersten ihm begegnenden Menschen gelobt und deshalb seinen eigenen Sohn Idamante opfern muss, wäre ein passendes Sujet zur Spiegelung der drohenden Apokalypse. So belastet ein Potentat von heute seine Nachkommen mit dem existenzbedrohenden Risiko eines zerstörten Ökosystems. Doch das naive Ende von Sellars‘ Appell zur Solidarität aller Völker, die gemeinsam an der Notbremse ziehen sollen, irritiert: Laut Inhaltsangabe beginnt mit der Vereinigung Idamantes und der traumatisierten Trojanerin Ilia eine bessere Zeit. Diese kündigt sich an durch parallele Soli der polynesischen Künstlerin Brittne Mahealani Fuimaono und des Tänzers Arikitau Tentau aus Samoa. Beide stammen aus Regionen, in denen Inseln unter dem steigenden Meeresspiegel versinken. Doch zwischen dem empathischen Anlass und dem exklusiven Festspielambiente kommt es in der langen, vom Choreographen Lemi Ponifasio mit symbolischen Bewegungsmaterial seiner Heimat gefüllten Ballettmusik nicht zu Reibungswärme – leider.

© Ruth Walz

Paula Murrihy (Idamante), Russell Thomas (Idomeneo)

Paula Murrihy (Idamante), Russell Thomas (Idomeneo)

Buhruffe statt Betroffenheit

Am Ende steht die ökologische und psychologische Rettung: Die göttliche Stimme (Jonathan Lemalu) fordert den dynastischen Wechsel. So wird alles besser. An keiner Stelle verdeutlicht Sellars‘ positive Utopie, dass Kollektive nicht nur dulden, sondern für die Wende zum Guten auch handeln müssen. Der nach der zweiten Vorstellung von etlichen Buhrufen sekundierte Jubel zeigt wenig Betroffenheit und bricht schnell ab.

Kontrastreiche Solisten

Spannender Akzent im flauen Umfeld: Idamante schwankt lange zwischen Ilia und der durch die Mordkette in ihrer Familie verhärteten, sich nach Liebe verzehrenden Elettra. Das Solisten-Ensemble war sich bei der Einstudierung offenbar weitgehend selbst überlassen, und Currentzis sucht an nur wenigen Stellen den Blickkontakt zur Bühne. Ying Fang und Paula Murrihy als den Schluss der „Zauberflöte“ vorwegnehmende Hoffnungsträger singen betörend. Schöner geht es nicht, undramatischer schwerlich. Etwas stilistische Unterstützung für die höllisch schwere Titelpartie (mit kurzer Variante der Bravourarie „Fuor del mar“) hätte dem seine Grenzen im Ziergesang mit gen Ende gaumigen Piani verbergenden Verdi-Tenor Russell Thomas gut getan.

© Ruth Walz

Nicole Chevalier (Elettra), Paula Murrihy (Idamante), Ying Fang (Ilia), Ensemble

Nicole Chevalier (Elettra), Paula Murrihy (Idamante), Ying Fang (Ilia), Ensemble

Auf Höhe von Mozarts genialer Partitur glänzen neben David Steffens, der als Prolog zum zweiten Teil das kurze Solo „Ihr Kinder des Staubes“ aus „Thamos, König von Ägypten“ singt, zwei weitere Interpreten: Für Levy Sekgapane bleibt nach dem Strich beider Arien des Arbace nur ein expressives Rezitativ. Bei Nicole Chevalier enthält jede Phrase Süßes und Bitteres. Mit starker Persönlichkeit setzt sie berückende oder, stimmig zu den emotionalen Extremmomenten, schneidende Akzente. Ihre Piani haben Autorität, die Forte-Stellen den unerlässlich langen, gefassten Atem. Eine auch vom Publikum angemessen gewürdigte, großartige Leistung, deren dramatische Sensibilität und stimmliche Hochspannung an Julia Varady erinnern. Nicole Chevalier bewegt sich als einzige mit der Intensität, die Mozarts Zukunftsoper erfordert.

© Ruth Walz

Nicole Chevalier (Elettra), Paula Murrihy (Idamante), musicAeterna Choir of Perm Opera

Nicole Chevalier (Elettra), Paula Murrihy (Idamante), musicAeterna Choir of Perm Opera

Orchester zwischen Zukunft und Vergangenheit

Die Pizzicati der Streicher und auffallend runden Blech-Intonationen des Freiburger Barockorchesters sind erstaunlich. Daneben haben Windgebläse und Donnerblech eine exponierte solistische Funktion. Die um 1780 aus allmählich aus Orchestern verschwindende Laute (Andrew Maginley) als konservatives und das zeitgleich neben dem Cembalo zukunftsfähig erstarkende Hammerklavier (Marija Shabashova) macht Currentzis zu Symbolen einer musikalischen Zeitenwende. Doch der Verzicht auf viele Rezitative, die zu Mozarts bedeutendsten Vokalkompositionen gehören, befremdet. Auch deshalb hinterlässt der Abend einen zwiespältigen Eindruck. Diese Produktion gleicht einer riesigen Eisbombe, bei der allenfalls das Dekoschirmchen dem Verzicht-Postulat zum Opfer fällt. Wenn überhaupt.

Salzburger Festspiele
Mozart: Idomeneo

Teodor Currentzis (Leitung), Peter Sellars (Regie), George Tsypin (Bühne),  Robby Duiveman (Kostüme), Vitaly Polonsky (Choreinstudierung), James F. Ingalls (Licht), Lemi Ponifasio (Choreografie), Antonio Cuenca Ruiz (Dramaturgie), Russell Thomas (Idomeneo), Paula Murrihy (Idamante), Ying Fang (Ilia), Nicole Chevalier (Elettra), Levy Sekgapane (Arbace), Issachah Savage (Gran Sacerdote), Jonathan Lemalu (Nettuno / La voce), Brittne Mahealani Fuimaono, Arikitau Tentau (Tänzer), musicAeterna Choir of Perm Opera, Freiburger Barockorchester

Weitere Vorstellungen: 6., 9., 12., 15., 19. August 2019 Felsenreitschule

Termine

Donnerstag, 12.12.2019 20:00 Uhr Liederhalle Stuttgart

Mahler: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis (Leitung)

Freitag, 13.12.2019 20:00 Uhr Liederhalle Stuttgart

Mahler: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis (Leitung)

Dienstag, 17.12.2019 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Mahler: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis (Leitung)

Donnerstag, 19.12.2019 20:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Mahler: Sinfonie Nr. 9

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis (Leitung)

Freitag, 20.12.2019 20:00 Uhr Konzerthaus Freiburg

Mahler: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis (Leitung)

Sonntag, 22.12.2019 19:30 Uhr Rosengarten Mannheim

Mahler: Sinfonie Nr. 9 D-Dur

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis (Leitung)

Donnerstag, 13.02.2020 20:00 Uhr Liederhalle Stuttgart

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis

R. Strauss: Tod und Verklärung op. 24, Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

Freitag, 14.02.2020 20:00 Uhr Liederhalle Stuttgart

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis

R. Strauss: Tod und Verklärung op. 24, Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

Sonntag, 16.02.2020 19:00 Uhr Konzerthaus Freiburg

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis

R. Strauss: Tod und Verklärung op. 24, Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur

Montag, 17.02.2020 20:00 Uhr Philharmonie Essen

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis

R. Strauss: Tod und Verklärung op. 24, Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur „Titan“

Auch interessant

concerti September-Ausgabe 2017

Druckfrisch: die concerti September-Ausgabe!

Freuen Sie sich auf unsere September-Ausgabe mit spannenden Interviews, interessanten Künstler- und Festivalporträts, neuen Opernkritiken und vielen Termintipps weiter

Interview mit Teodor Currentzis

„Spiritualität hat nichts mit Wellness zu tun”

Der Dirigent Teodor Currentzis wird gerne zum Phänomen, zum Sonderling der Klassik erhoben. Er selbst sieht das ganz anders – und vor allem viel entspannter weiter

Radio-Tipp: „La clemenza di Tito“ auf BR-Klassik

Zwei Wilde und die Milde

Mit Teodor Currentzis und Peter Sellars zeichnen sich für die Premiere von Mozarts „La clemenza di Tito“ bei den Salzburger Festspielen zwei Provokateure verantwortlich. BR-Klassik überträgt die Oper heute ab 18:30 Uhr im Radio weiter

Rezensionen

Rezension Teodor Currentzis – Mahler: Sinfonie Nr. 6

Irritierender Klang

Wer über die Mängel der Aufzeichnung hinweg hören kann, bekommt von Teodor Currentzis einen frischen und spannenden Mahler vorgesetzt. weiter

CD-Rezension Teodor Currentzis: Don Giovanni

Genialische Analyse

Mit einem Jahr Verspätung und anderer Ausrichtung: Teodor Currentzis‘ sorgfältiger Studio-„Giovanni“ weiter

DVD-Rezension Teodor Currentzis

Melancholisches Monstrum

Peter Sellars und Teodor Currentzis machen aus Purcell einen gut dreistündigen Bilderbogen über die Auslöschung der Maya weiter

Kommentare sind geschlossen.