Fürs Publikum vor Ort: Theaterärztin Dr. Angela von Elling

„Man sollte es immer als Bereicherung empfinden“

Angela von Elling ist Fachärztin am Medizinicum Hamburg – und Opernenthusiastin. Seit Jahren ist sie als freiwillige Theaterärztin an der Hamburger Staatsoper und anderen Kulturhäusern im Einsatz. Künstler und Publikum nimmt sie daher aus einer ganz besonderen Perspektive wahr und erzählt anlässlich unserer Suche nach dem Publikum des Jahres 2022 von ihren Erfahrungen.

© MEDIZINICUM Hamburg

Regelmäßig fürs Publikum im Einsatz: Fach- und Theaterärztin Dr. Angela von Elling

Regelmäßig fürs Publikum im Einsatz: Fach- und Theaterärztin Dr. Angela von Elling

Frau von Elling, wenn Sie als Theaterärztin im Einsatz sind, können Sie die Vorstellung dann überhaupt genießen oder stehen Sie durchweg unter Anspannung?

Angela von Elling: Das ist immer eine Frage der Professionalität. Wenn ich mich in die Vorstellung setze, habe ich zuvor schon alles genau durchdacht: Was kann passieren, welche Ausstattung steht mir zur Verfügung, was habe ich vor Ort für Möglichkeiten? Ich plane quasi in jedem Haus den logistischen Ablauf für verschiedene Worst-Case-Szenarien. Wenn man sich ein Konzept zurechtgelegt hat, das man dann im Notfall abrufen kann, dann kann man sich auch in der Vorstellung trotzdem entspannen und die Dinge auf sich zukommen lassen. Man sollte es für sich auch immer als Bereicherung empfinden, wenn es tatsächlich etwas zu tun gibt. Wer das als lästig empfindet, während der Vorstellung gestört zu werden, oder sogar Angst davor hat, der sollte diesen Dienst nicht machen. Es sind ja zum Teil kuriose Geschichten die da passieren können.

Zum Beispiel?

von Elling: Einmal kam gleich zu Anfang der Vorstellung jemand zu mir und sagte, ihm sei so übel. Im Opernhaus gibt es ein richtiges Ärztezimmer mit Liege, Infusionsständer, Medikamentenschrank, Notfallkoffer und so weiter. Dort habe ich ihn erstmal hingelegt und untersucht, konnte aber das Problem zunächst nicht feststellen. Dem Mann ging es währenddessen immer schlechter und schlechter. Bei der Medikamentenanamnese kam dann endlich raus, dass er Hustentropfen genommen hatte. Allerdings nicht nur ein paar, wie eigentlich vorgeschrieben, sondern er hatte die ganze Flasche ausgetrunken! Da war die Sache klar. Ich habe dann sicherheitshalber einen Rettungswagen gerufen, damit er erst einmal unter ärztlicher Aufsicht bleibt.

Was sind denn die häufigsten Fälle, bei denen Sie gerufen werden?

von Elling: Kreislaufzwischenfälle, vor allem bei älterem Publikum. Die Leute trinken zu wenig, haben zum Teil längere Anreisen hinter sich, dann ist es womöglich noch sehr warm. Viele trinken auch vorher extra wenig, weil sie Angst haben, dass sie es in der Pause nicht schaffen, auf die Toilette zu gehen oder weil man beispielsweise bei so einem „Fliegenden Holländer“ auch mal zwei Stunden am Stück aushalten muss. Und wenn man sowieso schon Volumenmangel hat, dann aber trotzdem ein Glas Sekt trinkt, das wiederum die Gefäße weitet, kann es schnell zu einem Kreislaufkollaps kommen. Das ist im Prinzip harmlos, aber muss eben behandelt werden. Gerade in der Oper habe ich aber schon einige Treppenstürze erlebt. Nach einem ereignisreichen Abend übersehen die Leute manchmal die letzte Treppenstufe, stolpern und verstauchen sich den Fuß. Oft muss das nur gekühlt werden, aber wenn nur der leiseste Verdacht einer Fraktur oder eines Bänderrisses entsteht, schicke ich die Leute ins Krankenhaus. In vielen Vorstellungen gibt es aber auch gar keine Zwischenfälle.

Sind Sie denn als Ärztin im Publikum zu erkennen oder mischen Sie sich unter’s Volk?

von Elling: Ich habe mal auf dem Flohmarkt eine schöne alte Arzttasche gefunden. Mit der bin ich eigentlich ganz gut zu erkennen. Außerdem sind wir angehalten, uns in der Pause immer in der Nähe des Arztzimmers aufzuhalten, damit man uns im Notfall schnell findet. Generell bleibe ich auch immer in Sichtweite des Personals. Man muss ja auch dem Personal immer die Sicherheit geben. Gerade für die erzeugen solche Notfälle ja nochmal einen ganz anderen Stress. Die sind dann froh, wenn jemand da ist, der sich schnell kümmert oder ihnen im Falle des Falles klare Ansagen macht.

Schauen Sie sich das Publikum schon im Vorfeld genauer an, wenn Sie durch die Foyers gehen?

von Elling: Tatsächlich ja, das ist sozusagen meine Déformation professionnelle. In dem Moment, wo ich mit einem Auftrag unterwegs bin, habe ich automatisch den klinischen Blick eingeschaltet und sehe, wo es möglicherweise Probleme geben könnte. Ich sehe, wenn Besucher gestresst sind, ich sehe Leute mit Kreislaufproblemen, ich sehe am Gang, wenn jemand Knieprobleme hat oder wenn jemand zu viel Alkohol getrunken hat – das nehme ich alles wahr, zum Teil gar nicht bewusst. Ich checke im Saal dann beispielsweise auch automatisch auch Risiken auf der Bühne, wo dort möglicherweise Gefahren oder Stolperfallen liegen könnten. Ich bin ja als Theaterärztin nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Künstler zuständig.

Gibt es Opern, die gesundheitsgefährdender sind als andere?

von Elling: Fürs Publikum eigentlich nicht, ansonsten ist es ja bekannt, dass die Wagner-Opern sehr gefährlich sind, vor allem für die Dirigenten (lacht). Aber der traurige Worst Case, dass ein Dirigent bei Wagner tatsächlich zusammenbricht, ist während meiner Dienste zum Glück noch nicht eingetreten.

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