2016 übernahm Simon Halsey als Chefdirigent die Leitung des Chores Orfeó Català und damit verbunden die Position des Artistic Adviser am Palau de la Música Catalana in Barcelona, dem Sitz des Chores. Geboren 1958 in London, wurde Halsey mit 22 Jahren Musikdirektor der University of Warwick. 1982 lud ihn Sir Simon Rattle ein, die Leitung des City of Birmingham Symphony Chorus zu übernehmen, die er bis heute innehat. Auch in Deutschland ist der Brite kein Unbekannter: Von 2001 bis 2015 war er Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunkchores Berlin. Seine Begeisterungsfähigkeit, sein Humor sowie sein leidenschaftliches pädagogisches Engagement machen ihn zum weltweit gefragten Chordirigenten. Im Interview erzählt er von der Faszination des Gesangs und seinen Aufgaben in Barcelona.

Warum macht Singen glücklich?

Simon Halsey: Mein Vater war Chorleiter von Benjamin Britten und meine Mutter war Sängerin. Musik war schon immer ein Teil meiner Familie. Und als kleines Kind habe ich es geliebt, im Chor zu singen. Unser Chorleiter war so leidenschaftlich und konnte das auch gut an uns weitergeben. Ich erinnere mich noch an eine Situation vor Weihnachten, als unser Dirigent während des Konzerts auf einmal anfing zu weinen. Und ich habe mir dann als Sechsjähriger gedacht: „Wow, also das muss ja schon was ganz Besonderes sein, dass es einen Erwachsenen zum Weinen bringt!“

Wissen Sie heute, was dieses Besondere ausmacht?

Halsey: Im Chor zu singen, ist vor allem dieses Gefühl, von anderen Menschen umgegeben zu sein, die das Gleiche mögen und genießen. Für manche sind regelmäßige Chorproben ein Mittel gegen die Einsamkeit. Auch die Wissenschaft hat inzwischen herausgefunden, dass beim Singen viele verschiedene Gehirnregionen beansprucht werden. Singen kann sogar gegen Depression helfen. Eine halbe Stunde Bach kann dein Leben komplett verändern. Es bringt Kindern Disziplin bei und hilft ihnen, sich zu konzentrieren und ihr Leben besser zu meistern. Und sogar das Publikum wird allein durch das Zuhören Teil dieses Erlebnisses.

© Orfeó Català

Orfeó Català

Orfeó Català

Was ist das Besondere am Orféo Català?

Halsey: Orféo Català ist sehr interessant. Das Palau de la Música Catalana wurde 1908 eigens für den Chor gebaut. Das ist weltweit einzigartig. Vor allem politisch ist der Chor wichtig, denn er wurde vor über 100 Jahren als Botschafter der katalanischen Kultur gegründet. Vor allem in der Stadt selbst ist der Chor sehr bekannt und beliebt. Wir haben insgesamt sieben Dirigenten, 36 Gesangslehrer, 500 Sänger – und 500 Gesangsstunden jede Woche. Denn jeder bekommt einmal in der Woche Unterricht! Die stimmliche Qualität der einzelnen Chöre ist unglaublich und das, obwohl fast alle Laien sind. Hochinteressant finde ich es übrigens auch, dass sich der Chor viele Sponsoren mit dem Fußballverein FC Barcelona teilt. Fußball und Chor: Das schließt sich hier nicht aus.

Worin besteht Ihr Job in Barcelona?

Halsey: Ich bin künstlerischer Berater, das heißt, ich telefoniere beispielsweise mit Daniel Barenboim und frage, ob er nicht mit seinem Orchester nach Barcelona kommen und Mahlers Zweite mit uns machen möchte. Normalerweise läuft das ja genau umgekehrt! Für mich ist es ein unglaubliches Privileg, mit den Menschen hier hier zusammenzuarbeiten.

Beschreiben Sie doch bitte die Atmosphäre bei einem Konzert im Palau de la Música Catalana.

Halsey: Der Saal ist UNESCO-Weltkulturerbe und trotz der 2.300 Sitzplätze ist das Publikum ganz nah dran. Vor kurzem erst war Simon Rattle mit dem London Symphony Orchestra hier und hat gemeinsam mit dem Orféo Calatà ein Konzert gegeben. Nach der Aufführung kam Simon ganz begeistert zu mir, denn er konnte es kaum fassen, wie intim die Atmosphäre in diesem Saal ist. Die Akustik ist super und selbst hinter der Bühne ist alles sehr schön und elegant.

© Matteo Vecchi

Konzertsaal des Palau de la Música Catalana

Konzertsaal des Palau de la Música Catalana

Was macht das Publikum in Barcelona aus?

Halsey: Das Publikum ist recht international, aber auch die Einheimischen sind sehr musikbegeistert. Eines ist aber definitiv anders als in Berlin – und das ist vor allem eine Frage des Wetters. Denn nach dem Konzert, gegen halb elf abends, ist es immer noch warm und das Publikum trifft sich vor dem Saal und plaudert mit den Musikern oder geht Tapas essen bei einem Glas Wein. Man kann vieles zu Fuß erledigen und muss nicht noch lange mit der Bahn nach Hause fahren. Das allein macht alles schon ein bisschen einfacher und entspannter.

Was erhoffen Sie sich vom neuen Barcelona Obertura Spring Festival?

Halsey: Wir suchen immer nach neuem Publikum. Und mein Job ist es, ein attraktives Programm zu gestalten, mit dem sich die Chöre bestmöglich präsentieren können. Für mich bilden sie das Herzstück dieser kulturell lebhaften Stadt.