Interview Alan Gilbert

„Man muss an jedes einzelne Stück glauben“

Alan Gilbert über Orchesterklänge, Gipfelbesteigungen und warum er so gerne auf Tournee geht

© Chris Lee/New York Philharmonic

Alan Gilbert

Alan Gilbert

Für viele kam es aus heiterem Himmel: Zur Saison 2009/10 wurde Alan Gilbert, damals Chefdirigent des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, zum Music Director des New York Philharmonic berufen, auf einen der prestige­trächtigsten Posten der Musikwelt überhaupt. 
Mr. Gilbert, wie klingen die New Yorker Philharmoniker?

Man spricht gern vom New Yorker Klang, vom Wiener Klang, vom NDR-Klang, aber die Unterschiede sind gar nicht groß. Der Klang wird bestimmt durch das Repertoire, die Musik. Jedes Orchester sollte sich auf die Musik einstellen können, die es spielt.

Es gibt also keine grundsätzlichen Klang-Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Orchestern?

Ich denke nicht. In den USA sagt man mir, ich hätte einen europäischen Klang. Ich weiß nicht genau, was das bedeuten soll. Aber sicherlich hat es mich geprägt, dass ich als Dirigent sozusagen in Europa aufgewachsen bin. Ich finde, jedes Orchester sollte flexibel im Klang sein. Mein großes Ziel bei den New Yorker Philharmonikern ist, dass sie in der Lage sind, die Qualität und die Textur des Klangs ganz schnell ändern zu können.

Wie sehr kann ein Dirigent den Klang beeinflussen?

Sehr. Es gibt Veränderungen, die über viele Jahre vor sich gehen, und Veränderungen, die ganz schnell gehen. Für mich hat Dirigieren vor allem mit Klang zu tun. Das ist so ziemlich das wichtigste, womit sich ein Dirigent beschäftigen muss. In einer Dirigierklasse, wo zehn Dirigenten das gleiche Stück dirigieren, ändert sich der Klang sofort, wenn jemand anders dirigiert. Ganz offensichtlich und sofort. Jeder Dirigent verändert den Klang allein schon mit seiner physischen Präsenz – das ist faszinierend. Und irgendwie paradox, denn der Dirigent erzeugt ja selbst keinen Klang.

Gibt es einen idealen Beethoven- oder Wagner-Klang?

Darüber denke ich zur Zeit sehr viel nach. Ich glaube, in der Praxis gibt es keinen idealen Beet­hoven-Klang oder eine ideale Interpretation von Beethovens Fünfter. Aber auf einer philosophischen Ebene gibt es das sehr wohl. Es sind zwei Kunstwerke, die man erlebt, wenn man Musik hört: Das Stück selbst und die Realisation, die Interpretation. Und die größten Aufführungen sind die, in denen das Stück und seine Realisierung übereinstimmen, d.h. in denen die Interpretation das Werk möglichst vollkommen versteht. Es muss eine Synergie geben zwischen der Aufführung und dem Stück. Die ideale Situation ist für mich die, in der der Aufführende nicht wirklich sichtbar ist. Er ist nur das Medium, durch das die Musik fließt. Aber das heißt nicht, dass der Aufführende passiv sein darf. Denn es gehören auch Geschmack, Energie, Mut dazu, die vom Aufführenden kommen müssen, sonst funktioniert es nicht. Das Bild, das ich habe, ist das eines Berges. Die größten Aufführungen befinden sich auf dem Gipfel. Man kann auf der Südseite des Berges stehen, wo es regnet, oder auf der Nordseite, wo die Sonne scheint und es warm ist. Von beiden Seiten sieht man den Gipfel völlig unterschiedlich, aber er ist gleich weit entfernt. Und je näher man von beiden Seiten dem Gipfel kommt, desto ähnlicher wird das Wetter. Es gibt eine ideale Aufführung, aber nur als Ideal in unseren Träumen. Das hat auch keine Bedeutung, denn von Tag zu Tag sind die Umstände so unterschiedlich. Tut mir leid, dass ich so philosophisch abirre.

Wo ist der Komponist in dem Bild?

(lacht) Ich glaube, wir werden noch Stunden hier sitzen. Ich denke, die Intentionen des Komponisten sind sehr wichtig. Aber Komponisten sind nicht immer die besten Interpreten ihrer Werke. Musik ist kraftvoll genug, einer Interpretation zu widerstehen. Das ist ein Satz, den ich sehr mag. Wer kann sagen, Bach müsse auf eine bestimmte Weise gespielt werden? Man kann ihn sehr gut mit einem Saxophon-Quartett spielen. Es klingt immer noch wie Bach und kann sehr bewegend sein. Aber der Komponist bleibt der Schöpfer. Wenn man weiß, wo der Komponist herkam, was er oder sie dachte, was seine Einflüsse waren, das hilft.

Kehren wir auf den Boden zurück. Sie sind mit den New Yorker Philharmonikern aufgewachsen, viele Orchestermusiker kennen Sie von klein auf. Haben Sie deshalb gezögert, als man Ihnen das Amt angeboten hat?

Ich habe lange überlegt, aber nur weil ich mit meiner Familie glücklich in Schweden gelebt habe. Doch so ein Angebot kann man nicht ausschlagen. Es fühlte sich an, als würde ein Traum wahr. Aber so etwas kann man nicht träumen. Es gibt viele gute Dirigenten, die nie in die Nähe eines solchen Amtes kommen, ich weiß nicht, ob es Glück ist oder Chemie oder was auch immer. Es hat sich richtig angefühlt für mich, auch wenn es sehr einschüchternd ist, wenn man sich die Liste der Vorgänger anschaut, Bernstein, Mahler, Bruno Walter, darüber denkt man besser nicht nach. Ich kenne das Orchester sehr gut, und ich glaube an das Orchester. Es war immer ein ganz wichtiger Teil meines Lebens, weil meine beiden Eltern Mitglied waren – meine Mutter ist es ja noch immer.

Sprechen Sie mit Ihrer Mutter über Ihre Arbeit?

Wenn ich zum Beispiel ein Problem mit einem Musiker habe, das ist privat, das muss meine Mutter nicht mitbekommen. Aber sie ist eine gute Musikerin und hat viel Einblick ins Dirigieren, sie gibt mir wertvolle Anregungen.

Sie haben als Geiger und Bratscher im Orchester der Oper Santa Fe gespielt. Hilft Ihnen das heute als Dirigent?

Wenn man in einem Orchester gespielt hat, bekommt man ein Verständnis dafür, was es bedeutet, keine Fehler machen zu dürfen, dem Dirigenten folgen zu müssen, sich in die Gruppe einzupassen, es wird Ihnen ein Teil Ihres Willens genommen. Ich vergesse das nie, wenn ich dirigiere. Das kann man sich schwer vorstellen, wenn man nie in einem Orchester gespielt hat.

Sie spielen immer noch Geige und Bratsche auch im Konzert?

Manchmal, und im Sommer mache ich Kammermusik auf Festivals. Zum Glück reicht es mir, wenn ich einige Wochen vor einem Konzert beginne zu üben. Ich habe das Gefühl, es hilft mir beim Dirigieren, Musik selbst mit den Händen zu machen.

Als Music Director eines amerikanischen Orchesters müssen Sie sich auch um Sponsoren und Mäzene kümmern.

Es gibt eine ganze Kultur der Philanthropie und des Fundraising. Das wird auch in Europa mehr werden, weil die Subventionen weniger werden. Es gibt sicherlich Sponsoren, die einem ins Programm hineinreden. Aber das Problem haben wir beim New York Philharmonic nicht. Meine Rolle ist zeremoniell. Ich spreche mit Enthusiasmus über die Musik und unsere Ziele, und das ist das, was die Sponsoren wollen. Sie wollen Geld geben für etwas, was aufregend ist und hinter dem Leute mit viel Energie stehen. Ich kann aufs Programm setzen, was immer ich will. Ich bin Realist, ich versuche nicht den Geschmack der Leute zu verändern, ich versuche ihn zu formen mit der Zeit. Wovor die Leute am meisten Angst haben, ist das Unbekannte. Man muss das Unbekannte bekannt machen. Und wenn ich emotional auf ein Stück reagiere, sehe ich die Chance, dass andere Leute das auch tun.

Sie machen in fast jedem Programm neue oder unbekannte Musik. Funktioniert das, gerade in New York?

Konservativ ist das Publikum überall. Aber es gibt immer einen Teil des Publikums, der sehr neugierig und abenteuerlustig ist. Mir geht es nicht darum, in jedes Programm etwas Neues zu setzen. Mir geht es darum, einen Kontext zu schaffen, der jedes Stück zum Blühen bringt, so sehr es kann. Es kann faszinierend sein, drei Stücke von Brahms zu spielen, oder in einem Beethoven-Programm zu sehen, wie er sich entwickelt hat. Aber oft kann man etwas verdeutlichen, indem man einen Kontrast programmiert. Es gibt offensichtliche Themen, aber auch unterschwellige Bezüge. Ganz wichtig ist: Man muss an jedes einzelne Stück glauben.

Welche neuen Komponisten und Werke in­teressieren Sie? 

Es ist sehr simpel: Wenn es ein gutes Stück ist, spürt man das. Was ich aber verallgemeinern kann: Ich mag Komponisten, die wirklich die Kontrolle haben über die Noten, die sie zu Papier bringen. Da gibt es nichts Überflüssiges oder Ungenaues, Beliebiges. Man spürt die Kraft und das Handwerk.

Wie steht‘s mit Jazz? Sie machen auch ein Ellington-Programm.

Wir werden auch die Sinfonie von Wynton Marsalis spielen, die er in Berlin uraufgeführt hat. Auf der High School war ich Drummer einer Jazzband. Und wenn ich zu Hause Musik höre, ist es meist Jazz. Meine Tochter ist sechs, und wenn ich Cool Jazz auflege, sagt sie immer: Nein, nicht das, ich möchte fröhlichen Jazz! Sie mag auch schon Jazz.

Sie arbeiten derzeit fast nur beim New York Philharmonic.

Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit der Familie verbringen. Ich hatte gerade vier Wochen Pause, und das tut mir gut, um voller Energie zurückzukommen.

Warum gehen Sie so oft auf Tour mit dem Orchester?

Ich reise gern. Und ein Orchester kommt in besserer Verfassung zurück. Eine Tournee bedeutet eine Extraportion Anspannung, die man zu Hause nicht simulieren kann. Wenn man in Berlin oder Wien spielt, gibt das einen besonderen Kick. In unterschiedlichen Sälen und Akustiken vor immer wieder anderem Publikum zu spielen. Wir haben das Glück, dass wir als Global Sponsor Credit Suisse haben, die die Tournee unterstützen. Und natürlich ist es einfach schön, der Welt zu zeigen, was man kann. Was das New York Philharmonic kann, darauf bin ich schon stolz.

Gibt es etwas, was wir in Europa von den amerikanischen Orchestern lernen können?

So würde ich es nie formulieren. Aber was ich an den New Yorker Philharmonikern bewundere, ist ihre Flexibilität, zwischen den Stilen zu wechseln. Ich finde es großartig, wie sie Mahler spielen. Aber sie können auch Big Band Swing spielen. Und dann spielen sie Bruckner, dass man denkt, so muss es klingen. Ich glaube, die europäischen Orchester sind nicht so flexibel, die Unterscheidung in ernsthafte und „leichte“ Musik ist wichtiger hier. Dabei profitieren beide Seiten von dieser Flexibilität.

Termine

Donnerstag, 31.10.2019 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Verdi: Messa da Requiem

Angela Meade (Sopran), Daniela Barcellona (Mezzosopran), Gregory Kunde (Tenor), Riccardo Zanellato (Bass), NDR Chor, Rundfunkchor Berlin, NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert (Leitung)

Freitag, 01.11.2019 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Verdi: Messa da Requiem

Angela Meade (Sopran), Daniela Barcellona (Mezzosopran), Gregory Kunde (Tenor), Riccardo Zanellato (Bass), NDR Chor, Rundfunkchor Berlin, NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert (Leitung)

Donnerstag, 07.11.2019 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Augustin Hadelich, NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert

Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur, Bartók: Violinkonzert Nr. 2

Sonntag, 10.11.2019 11:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Augustin Hadelich, NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert

Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur, Bartók: Violinkonzert Nr. 2

Donnerstag, 14.11.2019 20:00 Uhr Gasteig München

Leonidas Kavakos, NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert

Schumann: Violinkonzert d-Moll, Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur

Samstag, 16.11.2019 20:00 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Leonidas Kavakos, NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert

Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur, Bartók: Violinkonzert Nr. 2

Montag, 30.12.2019 19:30 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Loewe: My Fair Lady

Elbphilharmonie Silvester
Dienstag, 31.12.2019 19:30 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Loewe: My Fair Lady

Elbphilharmonie Silvester
Mittwoch, 01.01.2020 19:30 Uhr Elbphilharmonie Hamburg

Loewe: My Fair Lady

Elbphilharmonie Silvester
Donnerstag, 06.02.2020 20:00  Uhr Gewandhaus Leipzig

Michael Schönheit, Gewandhausorchester, Alan Gilbert

Sibelius: Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang op. 55, Copland: Sinfonie für Orgel und Orchester. Beethoven: Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 „Pastorale“

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