Blind gehört Asya Fateyeva

„Es jault ein bisschen“

Die Saxofonistin Asya Fateyeva hört und kommentiert CDs von Kollegen, ohne dass sie weiß, wer spielt.

© Neda Navaee

Asya Fateyeva

Die Musikanlage in der Hamburger Redaktion von concerti war bereits eingeschaltet, die Playlist lag schon bereit, als plötzlich das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Asya Fateyeva mit der Nachricht, dass der Autoschlüssel der Saxofonistin nicht auffindbar sei, das Interview sich zeitlich verzögern würde. Doch kurze Zeit später klingelt es an der Tür. Von Aufregung keine Spur, nur ob sie die Stücke der Kollegen erkennen würde, da war sich Asya Fateyeva nicht so sicher.

Chatschaturjan: Variation of Aegina and Bacchanal aus „Spartacus“
Alliage Quintett
Sony Classical 2018



Ich bin nicht hundertprozentig sicher, wer es spielt. Obwohl, warten Sie! Vier Saxofone und ein Klavier. Das klingt nach dem Alliage Quintett. Es muss von dem aktuellen Album sein, das ich zugegebenermaßen noch nicht ganz gehört habe. Auf jeden Fall erkennt man hier die unglaubliche Qualität der Ensembles und den Sopran-Klang von Daniel Gauthier. Sein Ausdruck ist stark. Ich habe bei ihm studiert und auch auf dem Vorgängeralbum mitgespielt. Auch die Einheit des Quartetts ist wirklich besonders. Alles ist insgesamt sehr stimmig. Eine schöne Aufnahme, nur welches Stück ist es? Es muss etwas Russisches sein. Ist das Chatschaturjan? Ach ja! Es ist die Ballettmusik zu „Spartacus“!

Larsson: Concerto – 1. Satz
Nobuya Sugawa, BBC Philharmonic, Yutaka Sado (Leitung)
Chandos 2000

  



Wer mag das spielen? Nobuya Sugawa ist es nicht. Vielleicht eher John-Edward Kelly – es ist doch Sugawa!? Ich dachte, er hätte es wesentlich fließender gespielt. Es klingt viel mäßiger, als ich es von ihm im Ohr hatte. Interessant. Das Werk kenne ich sehr gut. Als Saxofonist ist man ein bisschen stolz darauf. Es hat diese romantische Farbe, die vor allem in dem irrsinnig schönen zweiten Satz hervorsticht. Ist es Sugawas Aufnahme mit dem BBC Philharmonic Orchestra? Insgesamt spielt er eine große Rolle für das Saxofon. Auch für mich persönlich. Ich habe ihn mehrfach getroffen, das erste Mal vor elf Jahren in Japan, wo ich verschiedene Meisterkurse bei ihm belegt habe. Eine unglaubliche Person. In Japan genießt er Kultstatus. Ein richtiger Superstar.

Schmitt: Légende
Claude Delangle
BIS 2007

  



Spielt das Arno Bornkamp? Nein? Es ist sehr gut gespielt. „Légende“ ist so ein wundervolles Stück. Jedes Mal wenn ich es höre, denke ich, was für ein tolles Instrument das Saxofon doch ist. Ich frage mich gerade, ob ich diese Interpretation schon einmal gehört habe, Ach, jetzt weiß ich, wer es spielt: Es ist Claude Delangle! Sein Spiel ist sehr direkt, äußerst präzise und nicht unbedingt flexibel. Insgesamt sehr geradlinig. Im Übrigen eine tolle Persönlichkeit, die für das Saxofon sehr viel getan hat.  Er unterrichtet heute am Pariser Konservatorium. Zudem ist er sehr engagiert in der Neuen Musik und unterstützt junge Komponisten.

Lauba: Balafon
Richard Ducros, Tristan Paff (Klavier)
Adria 2018

  



Oh, wie schön! Das Stück heißt „Balafon“, richtig? Aber wer könnte das spielen? Ich denke, es müsste ein Franzose sein. Man kann es wirklich an der Stabilität des Klanges erkennen. Die Tonkontrolle ist beeindruckend, und auch diese Klarheit ist enorm. Ein gutes Beispiel für die französische Saxofonschule mit ihren besonderen Klangeigenschaften. Ein Vertreter der deutschen oder amerikanischen Schule würde das viel wärmer und mit mehr Volumen spielen. Auch nicht so fokussiert. Es würde wuchtiger klingen. Wer ist es denn nun? Ich glaube nicht, dass ich den Interpreten erkenne. Es ist auf jeden Fall ganz toll gespielt. Derjenige setzt die Musik Laubas sehr gut um, der ja immer versucht hat, das Instrument in all seinen Facetten und Klangmöglichkeiten zu präsentieren. Das Saxofon kann schließlich viel mehr, als die Meisten von uns wissen. Ich kenne keinen einzigen Saxofonisten der diese Musik nicht schätzt. Ach klar, es ist Richard Ducros!

Tanada: Mysterious Morning III
Koryun Asatryan, Enrique Ugarte (Akkordeon)
GWK Records 2014

  



„Mysterious Morning“ von Fuminori Tanada, gespielt von Koryun Asatryan, richtig? Wir haben zusammen in Köln studiert und einige Wettbewerbe zusammen bestritten. Ich möchte es vielleicht nicht als Referenzaufnahme bezeichnen, da würde ich dann eher die Einspielung von Claude Delangle nehmen, aber es ist insgesamt sehr gut gespielt. Bei diesem Stück kann man sofort erkennen, ob der Interpret der deutschen oder der französischen Schule angehört. Es ist eine gewisse Durchsichtigkeit mit verschiedenen Schattierungen nötig. Es geht dabei um Farben und Feinheiten, die hier vielleicht ein bisschen zu präsent sind. Mir klingt es zu unpersönlich. Neue Musik sollte man aber generell lieber live erleben, da nur in der Konzertsituation die Farben und Klänge der Stücke zur Geltung kommen.

Hindemith: Konzertstück für zwei Altsaxofone – 1. Satz
Carina Raschèr & Harry White
BIS 2001

  



Von der Spielweise her würde ich auf den deutschsprachigen Raum tippen. Vielleicht spielt da auch ein Amerikaner.Man kann es genau hören, es jault ein bisschen. Trotzdem ist es schön gespielt. Vielleicht etwas altmodisch interpretiert. Ist das eine alte Aufnahme? Hören Sie die Art vom Vibrato? Das ist ähnlich wie bei den Streichern, da hat sich ja auch einiges verändert. Hier schockiert mich der Vibratoeinsatz etwas. Er ist übertrieben große, fast schon in Richtung Glissando. Dadurch ändert sich einfach zu viel in der Melodieführung. Der Klang ist sehr offen und trotzdem sehr entschlossen. Der Ausdruck ist ist intensiv. Beide geben offensichtlich ihr Bestes. Ist das Carina Raschèr? – Ach, gemeinsam mit Harry White! Sehr interessant, wie sie die Raschèr-Schule fortführen. Dieser Kreis ist bis heute sehr geschlossen. Sie spielen nur auf den Instrumenten, die Raschèr selbst für richtig befunden hat. Für mich ist das zu radikal. Es gibt fast zwei Lager, einmal die Raschèr-Schule und auf der anderen Seite alle übrigen Saxofonisten. Leider gibt es kaum Zusammenarbeit, was ich sehr schade finde. Trotzdem schätze ich  Sigurd Raschèr für seine Leistungen. Und ich bin überzeugt, dass er heute selbst nicht so radikal wäre wie diejenigen, die seine Schule repräsentieren.

Villa-Lobos: Fantasia – 3. Satz
John Harle, Academy of St Martin in the Fields, Sir Neville Marriner (Leitung)
EMI 2005

  



Ich bin auf den Einsatz gespannt … Meine Referenz wird es nicht, trotzdem ist es sehr reizvoll gespielt. Ich würde es sicher anders machen. Das Stück ist toll. Man kann es mit dem Sopran- oder dem Tenorsaxofon spielen. Ich weiß nicht, wer das sein könnte. Es wird aber von einem Mann gespeilt. Es ist sehr direkt interpretiert, die Kontrolle und Beherrschung des Instruments ist ebenfalls sehr stark. Hier wurde auch einiges an der Artikulation vereinfacht. Es wird weniger gespielt als notiert ist. Verdächtig. Das ist John Harle? Ich schätze ihn eigentlich sehr. Warum er die Artikulation so sehr vereinfacht, verstehe ich hier nicht.

Prokofjew: Romeo & Julia – Mercutio
Asya Fateyeva, Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Ruben Gazarian (Leitung)
Berlin Classics 2019

  



Das bin ich! Ich frage mich gerade, ob ich die Einzige bin, die es bisher aufgenommen hat. Ich liebe dieses Stück. Prokofjew hat das Saxofon sehr geschätzt und auch in seinen Werken verwendet, jedoch nur das Tenorsaxofon. Dieses Stück hat so viel Ironie, und gleichzeitig ist es so fantasievoll. Ich spiele Prokofjews Werke wirklich sehr gerne, vor allem seine Flötensonate. Das Stück passt perfekt zu dem Motto meines neuen Albums „Carneval“, weil es so schön theatralisch ist. Außerdem kommen Sopran-, Alt- und Tenorsaxofon darin vor. Ich werde gleich rot, wenn ich mich noch weiter hören muss (lacht).

Ibert: Concertino da camera – 1. Satz
Marcel Mule, Philippe Gaubert (Leitung)
Clarinet Classics 1996

  



Es klingt nach einer alten Aufnahme. Das ist auf jeden Fall der erste Satz von Jacques Iberts „Concertino da camera“. Und klar, das ist Marcel Mule. Eine wirklich tolle Einspielung! Ich finde ja, es gibt nichts Besseres als den legendären Marcel Mule. Er war eine Persönlichkeit, die uns klassische Saxofonisten sehr inspiriert hat. Seine Art zu spielen, sagt einfach alles über ihn als Künstler. Er wird für immer und ewig der Saxofonist schlechthin bleiben.

Album-Tipp

Carneval – Werke von Prokofjew, Glasunow, Massenet, Milhaud, Delibes u. a.
Asya Fateyeva (Saxofon), Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Ruben Gazarian (Leitung)
Berlin Classics 2019

Termine

Freitag, 13.12.2019 19:30 Uhr Freiheitshalle Hof

Bella Italia

Asya Fateyeva (Saxofon), Hofer Symphoniker, Nicholas Milton (Leitung)

Montag, 23.12.2019 19:00 Uhr Radialsystem V Berlin

The night before christmas

Luise Enzian (Harfe), Asya Fateyeva (Saxofon)

Samstag, 25.01.2020 20:00 Uhr Kultur- und Kongresszentrum Weingarten

Asya Fateyeva, Stuttgarter Kammerorchester, Johannes Klumpp

Liszt/Wolf: Ungarische Rhapsodie Nr. 2, Rachmaninow: Vocalise op. 34/14, Glasunow: Altsaxophonkonzert Es-Dur, Mussorgski/Cohen: Bilder einer Ausstellung

Donnerstag, 12.03.2020 20:00 Uhr Residenz München

Asya Fateyeva, Württembergisches Kammerorchester, Case Scaglione

Milhaud: Scaramouche-Suite, Brahms: Serenade für kleines Orchester Nr. 2 A-Dur op. 16 & Liebeslieder-Walzer, Glasunow: Saxofonkonzert Es-Dur op. 109

Donnerstag, 02.04.2020 19:30 Uhr Konzertkirche Neubrandenburg

Asya Fateyeva, Neubrandenburger Philharmonie, Daniel Klein

Tschaikowsky: Romeo und Julia-Fantasie-Ouvertüre, Glasunow: Konzert für Alt-Saxophon und Streichorchester Es-Dur op. 109, Rachmaninow: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44

Freitag, 03.04.2020 19:30 Uhr Ernst-Barlach-Theater Güstrow

Asya Fateyeva, Neubrandenburger Philharmonie, Daniel Klein

Tschaikowsky: Romeo und Julia-Fantasie-Ouvertüre, Glasunow: Konzert für Alt-Saxophon und Streichorchester Es-Dur op. 109, Rachmaninow: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44

Sonntag, 05.04.2020 18:00 Uhr Landestheater Neustrelitz

Asya Fateyeva, Neubrandenburger Philharmonie, Daniel Klein

Tschaikowsky: Romeo und Julia-Fantasie-Ouvertüre, Glasunow: Konzert für Alt-Saxophon und Streichorchester Es-Dur op. 109, Rachmaninow: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44

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