„M’Orpheo“ am Theater Regensburg

Technoide Expedition zum Ursprung des Musiktheaters

Das Kollektiv „Hauen und Stechen“ schickt Monteverdis „L’Orfeo“ in die Unterwelt.

© Yassu Yabara

Figurine aus „M'Orpheo“

Figurine aus „M'Orpheo“

Immer wieder gibt es Versuche, Werke aus dem Kanon der Klassik in die Populärkultur zu überführen, also die eine Ästhetik in der anderen auszuprobieren und zum Beispiel aus alten Arien neue Songs zu machen. Das ist nicht ganz ungefährlich, können so doch die Klassik-Fans ausbleiben, ohne dass die Pop-Fans sofort begeistert Eintrittskarten kaufen. Den heutigen Komponisten freilich kann man es kaum verübeln, wenn sie sich auf ihre Art mit Meistern aus anderen Zeiten auseinandersetzen. Mit Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ wagt man nun auch am Theater Regensburg ein Experiment in Richtung Crossover. Der Intendant Jens Neundorff von Enzberg ist sich des Risikos sehr bewusst, nennt die Uraufführung aber dennoch sein „Lieblingsprojekt“. Diese wird im Velodrom stattfinden und heißt „M’Orpheo“. Musikalisch verantwortlich dafür ist Thies Mynther, geboren 1968 in Bamberg und als Produzent, Sound­designer, Texter und Komponist zwischen unterschiedlichen Welten unterwegs – nicht nur in der Techno-Szene, sondern überdies in diversen Theatern, wo er Musik für Inszenierungen etwa von Jan Bosse, Nicolas Stemann oder Sebastian Baumgarten schrieb.

„M’Orpheo“ befragt den antiken Mythos neu

In Regensburg kennt man ihn seit den Stücken „Lehman Brothers“ von Stefano Massini, zu dem er die Komposition und Songtexte beisteuerte, sowie „Winterreise“ von Elfriede Jelinek, für die er die Arrangements und Tongestaltung übernahm. Diesmal arbeitet er mit dem Kollektiv „Hauen und Stechen“ zusammen, das 2012 von den Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth gegründet wurde und sich als „Labor für ein grenz- und genreübergreifendes Musiktheater“ definiert. Jetzt wird in dieser „Musiktheaterperformance nach Motiven von Claudio Monteverdi“ der antike Mythos neu befragt: Der Sänger Orpheus trauert um seine verstorbene Geliebte Eurydike. Die Schönheit seiner Stimme rührt die Götter, weshalb sie ihm erlauben, sie aus dem Reich der Toten zurückzuholen, solange er sich dabei nicht nach ihr umblickt. Doch Orpheus scheitert daran. Die Trennung wird endgültig. Die Geschichte um Macht und Ohnmacht der Kunst wie der Liebe bleibt, die Musik indes wird sich gehörig ändern und mit „elektronischen, technoiden Klängen“ versetzt, die Thies Mynther selbst spielt.

Auch interessant

Opern-Kritik: Staatsoper Unter den Linden – Lohengrin

Er ist der Schwan!

(Berlin, 13.12.2020) Noch eine Premiere ohne Publikum im Saal: Calixto Bieito deutet Wagners romantische Oper als packenden Politthriller. weiter

Opern-Kritik: Oper Köln – Die tote Stadt

Im Banne des Vergangenen

(Köln, 4.12.2020) Die Oper Köln streamt die Premiere von Tatjana Gürbacas Neuinszenierung von Korngolds „Die Tote Stadt“ gratis im Netz. weiter

Opern-Feuilleton: Inszenierung während der Corona-Krise

Visionäre und Verwalter

Ist die Pandemie auch eine Chance, um der alten Dame Oper eine Frischzellenkur zu verpassen? Mutige Macher setzen Hoffnungszeichen. Eine Zwischenbilanz. weiter

Kommentare sind geschlossen.