Zum Tod von Sir Peter Jonas

Der letzte Jahrhundert-Intendant ist tot

Die Welt der Oper trauert um Sir Peter Jonas, der die Bayerische Staatsoper und die Welt der Oper als Ganzes mit seinen in die Tat umgesetzten Visionen prägte.

© Privat

Sir Peter Jonas

Sir Peter Jonas

Sir Peter Jonas ist am Abend des 22. April 2020 nach einem 45-jährigen Kampf gegen den Krebs verstorben. Der Engländer war vom 1. September 1993 bis 31. Juli 2006 Staatsintendant der Bayerischen Staatsoper. Er gilt als Jahrhundert-Intendant, der in seiner Zeit und der Zeit nach ihm so entscheidend und nachhaltig prägenden Wirkung nur mit Persönlichkeiten wie Rolf Liebermann und Gerard Mortier verglichen werden kann.

„Oper für alle“ war sein aus London nach München importierter Schlachtruf, der freilich niemals das qualitativ Exzeptionelle nivellierte, sondern vielmehr das Elitäre des Operngeschäfts transzendierte hin zu einer aufrichtigen Breitenwirksamkeit und echten Zugänglichkeit der Gattung. Selbst all jene Münchner, die gar keine Melomanen waren und das Nationaltheater eher von Außen betrachteten, stritten eifrig mit im Diskurs des Für und Wider, den Peter Jonas entfachte, wenn er die Regie-Revoluzzer aus seiner Heimat nicht nur einmal, sondern immer wieder einlud oder einen Peter Konwitschny an die Isar holte: Denn dieser Regieberserker aus dem einstigen deutschen Osten erntete im katholischen Süden der Republik mit seiner Sicht auf Richard Wagners „Parsifal“ in der Premiere zuerst Buhstürme, um Jahre später mit dem feinen Humanismus derselben Inszenierung – oder dann auch mit seiner Sicht auf „Tristan und Isolde“ – als Klassiker in die Interpretationsgeschichte einzugehen. Sir Peter stand eben zu seinen Visionen. Seine unbändige und ansteckende Neugierde bewahrte er sich bis zuletzt – als längst von seiner Krankheit gezeichneter Mann, der die Premieren der Staatsoper weiterhin mit glühenden Augen besuchte.

Versöhnung von Regietheater und Strarrummel

Gerade in München bewirkte Peter Jonas die Versöhnung von Regietheater und Strarrummel. Er entdeckte die Sopranistin Anja Harteros, er band den legendären Bassisten Kurt Moll an München und sorgte dafür, dass Mezzomythos Waltraud Meier in ihrer Wahlheimat auch ihr Stammhaus fand.

Das heute deutschlandweit scheinbar selbstverständlich verankerte Barock-Repertoire holte er im Zuge seiner beherzten Händel-Renaissance an die Isar. Die inhaltliche Vision entsprach dabei vollends einem gar willkommenen Effekt der Erweiterung von Zielgruppen. Denn just die poppig witzigen Inszenierungen der Alten Musik lockten ein junges Publikum an die Bayerische Staatsoper. Mit derselben Verve hat Sir Peter Jonas sich für zeitgenössische Komponisten eingesetzt, die im Spielplan gleichberechtigt neben Mozart, Verdi und Wagner standen. Die Uraufführungen der späten Opern von Hans Werner Henze gehörten gar zu den gesellschaftlichen Spitzenereignissen in der Landeshauptstadt.

Sir Peter Jonas: Verfechter der Künste im britischen Kulturleben

Sir Peter wurde 1946 in London geboren. Nach dem Besuch der Benedictine Worth School belegte er Englische Literatur an der University of Sussex. Während seiner Studienzeit arbeitete er als Statist und Bühnenarbeiter an der Glyndebourne Festival Opera, und nachdem er seinen ersten akademischen Grad erworben hatte, studierte er Oper und Musikgeschichte am Royal Northern College of Music in Manchester und später am Royal College of Music in London. Anschließend studierte er noch ein Jahr an der Eastman School of Music, Rochester, New York.

1974 ging Peter Jonas als Assistent von Sir Georg Solti, dem Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra, nach Chicago und wurde 1976 künstlerischer Betriebsdirektor dieser Institution. In dieser Position arbeitete er fast ein Jahrzehnt mit den weltbesten Dirigenten, Sängern, Instrumentalsolisten sowie Komponisten zusammen. Als Nachfolger des Earl of Harewood wurde Sir Peter 1984 zum Generaldirektor der English National Opera ernannt. Während seiner Amtszeit, ab 1985, verbesserte sich der internationale Ruf der Compagnie dank der Erweiterung des Repertoires und durch Aufführungen einer Reihe gefeierter Produktionen für ein breites Publikum. Ein Meilenstein war die Tournee der Compagnie in die Sowjetunion 1990, ein anderer die Sicherung des Eigentumsrechtes für das London Coliseum (dem Theater der Compagnie), um so der Compagnie eine stabile Zukunft zu garantieren. Während seiner Zeit an der ENO galt Sir Peter als Verfechter der Künste im britischen Kulturleben, was es ihm ermöglichte, für die beiden zentralen Ziele der heutigen Oper zu kämpfen: Zugänglichkeit und Qualität.

Großer Cricket-Fan

Sir Peter Jonas wurde „Fellow of the Royal Society of Arts“ und 1989 von HRH Elizabeth, der Königinmutter, zum „Fellow of the Royal College of Music“ ernannt. Seit dem Jahr 2000 war er außerdem „Fellow of the Royal Northern College of Music“. Für seine Verdienste um die Oper verlieh ihm Königin Elizabeth II. 1991 den Titel eines „Commander of the British Empire“. Am 31. Dezember 1999 hat ihn die Königin für seine künstlerischen Verdienste in den Adelsstand als Ritter erhoben. Im Mai 2001 hat Sir Peter Jonas die Nachfolge von Götz Friedrich als 1. Vorsitzender der Deutschen Opernkonferenz (dem Verein der Intendanten der deutschsprachigen Opernhäuser) angetreten; dieses Amt übte er bis April 2005 aus. Im Jahr 2001 wurde Sir Peter Jonas der Bayerische Verdienstorden und die Verfassungsmedaille des Freistaates Bayerns verliehen. Im Jahr 2003 erhielt er den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München.

Neben Oper, Theater und der visuellen Kunst galten Sir Peters besondere Leidenschaften der Architektur des 20. Jahrhunderts, Langstreckenwanderungen, dem zeitgenössischen Kino und, selbstverständlich, Cricket.

Auch interessant

Opern-Kritik: Salzburger Festspiele – Elektra

Schreiendes Mitleid

(Hamburg/Salzburg, 1.8.2020) Wie lief die Eröffnung der Salzburger Festspiele? Eine Ferndiagnose aus 950 Kilometern Distanz. Die Live-Übertragung der „Elektra“ in ausgewählten Kinos machte sie möglich. weiter

Opern-Kritik: Staatsoper Hannover – Le vin herbé

Liebestod mit Gartenblick

(Hannover, 21.6.2020) Die Staatsoper Hannover bespielt mit Frank Martins Anverwandlung der Liebesgeschichte von „Tristan und Isolde“ die Herrenhäuser Gärten. weiter

Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Rheingold auf dem Parkdeck

Gefühlte Wagner-Festspiele in Charlottenburg

(Berlin, 12.6.2020) Aus der Not eine Tugend gemacht: Richard Wagners „Ring“-Vorabend als Sommertheater mit Kammerorchester unter freiem Himmel. weiter

Kommentare sind geschlossen.