Opern-Kritik: Aalto-Musiktheater – Hans Heiling

Kapitalistische Erdgeister

(Essen, 28.2.2018) Regisseur Andreas Baesler zeichnet ein schichtübergreifendes Ruhrpanorama und liefert mit Dirigent Frank Beermann ein glänzendes Plädoyer für Marschners Geistergeschichte

Hans Heiling/Aalto-Theater Essen © Thilo Beu

Szenenbild aus "Hans Heiling"

Henrich Marschners romantische Oper „Hans Heiling“ ist unterschätzt, und ihren Komponisten stellt man gern in die Abstellkammer des Biedermeier, weil er vorgeblich abfällt – neben Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ und neben Richard Wagners „Der fliegende Holländer“. Nach Produktionen des Theaters an der Wien und des Theaters Regensburg beweist auch das Aalto-Musiktheater, dass diese in Berlin 1833 uraufgeführte Oper Tiefe hat, dazu echte Spannung und, zumindest in Essen, etwas realgeschichtliche Nostalgie.

Aus dem böhmischen Erzgebirge an die Ruhr

Erstaunlich ist, wie gut die Verlagerung der Handlung dieser Geistergeschichte, eine solche ist die Quelle von Christian Heinrich Spieß, aus dem böhmischen Erzgebirge im 14. Jahrhundert an die Ruhr um 1960 funktioniert. Auch da gab es neben Schwerindustrie Brauchtum wie den bekannten „Steigermarsch“. Zu dem tritt das Bergwerkorchester Consolidation auf der Bühne des Aalto-Theaters an, wenn Anna lieber ihren Jäger Konrad heiratet und den Millionenerben aus dem Ruhradel voller Ängste zurückgewiesen hat.

Szenenbild aus "Hans Heiling"

Hans Heiling/Aalto-Theater Essen © Thilo Beu

Der wichtigste Schauplatz: Eine gegen Ende immer mehr ausgekargte Fabrikhalle, in die Bühnenbildner Harald B. Thor zum Zeichen des wirtschaftlichen Niedergangs der Zechen Arbeitskleidung von Galgen herabhängen lässt. Doch noch wird getanzt und Mutter Gertrude will den Besten für ihr „Anneken“. Das ist der menschenscheue Hans Heiling im blauen Edelanzug, der im Kaminfeuer seines Luxusbungalows sein ihm die Herrschaft über die Erdgeister und Zechenarbeiter sicherndes Zauberbuch verbrennt.

Schüchtern schauen sich Mutter und Tochter in Heilings Edelbleibe um zum ersten Besuch, denn sie selbst leben in einer nur kleinen, aber blitzblanken Arbeiterstube. Da vertreiben ein Krimi von der schwarzweißen Mattscheibe und ein Likör die Sorgen der Mutter um die nicht heimkommende Tochter. Anna hat ein Grauen vor dem geisterhaft eleganten Heiling und flüchtet sich zum kalkulierbar korrekten und blassen, in jeder Hinsicht überraschungsarmen Konrad. Nach seinen vielen „Tristanen“ zeigt sich Jeffrey Dowd hier einmal mehr von erstaunlicher Wandlungsfähigkeit.

Szenenbild aus "Hans Heiling"

Hans Heiling/Aalto-Theater Essen © Thilo Beu

Bei der Hochzeit verzichtet Heiling auf Rache und kehrt wieder zurück an die Seite der mütterlichen Königin der Erdgeister, die hier auffallende Ähnlichkeit mit der immer wieder in den Liebesbeziehungen ihres Sohnes Alfried mitmischenden Bertha Krupp hat. Etwas zeitversetzt ist der Essener Hans Heiling also eine Reinkarnation Alfried Krupps.

Nostalgischer Realismus

Dieses schichtübergreifende Ruhrpanorama stellen Andreas Baesler liebevoll und seine Kostümgestalterin Gabriele Heimann mit der Präzision eines Dokumentarfilms dar. Beider nostalgischer Realismus macht in genau richtiger Dosierung nicht vor satirischer Überspitzung halt, Referenz an Loriots „Ödipussi“ inbegriffen. Denn Rebecca Teem legt als Königin der Erdgeister ihre mütterliche Autorität in einschüchternde Spitzentöne und zeigt sich in altdeutschen Prunkräumen von statuarischer Dominanz. Anders als ihr Sohn hält sie Abstand zu niederen Sphären. Sie ist neben Hans Heiling auch die einzige, die kein Ruhrdeutsch spricht, in das Hans-Günter Papirnik die hochdeutschen Dialoge aus dem Textbuch Eduard Devrients überarbeitete.

Szenenbild aus "Hans Heiling"

Hans Heiling/Aalto-Theater Essen © Thilo Beu

Gesamtkunstwerk aus Dialog und Musik

Diese Produktion macht aber vor allem deshalb Eindruck, weil Regisseur Andreas Baesler im Dirigenten Frank Beermann einen kongenialen Mitdenker hat. Das heikle Terrain der Dialogoper wird sinnfällig und faszinierend, weil die musikalische Seite nicht vor den vermeintlichen Banalitäten Heinrich Marschners zurückschreckt und dessen ausgedehnte Szenenblöcke, die Urzellen zum späteren Musikdrama Richard Wagners sind, ebenso wie die Genreszenen und zahlreichen Spielmomente genussvoll ausbreitet. Szenen wie das Erschaudern Annas vor dem Zauberbuch, die geerdete Melodik im Part ihres geradlinigen Wunschbräutigams Konrad und Gertrudes Angst in der nächtlichen guten Stube werden packend realisiert. Die Essener Philharmonie und der von Jens Bingert hervorragend einstudierte Opernchor des Aalto-Theaters machen aus den als konventionell und weniger inspiriert geltenden Szenen überaus lebendige Studien.

Ein Höhepunkt ist das Finale des ersten Aufzugs, das hier vom Floriansfest zum Fest der Bergbauheiligen Barbara am 4. Dezember wird. Solche kleinen Präzisierungen belegen, wie ernst es dem szenischen Team um diese letztmals 1941 in Essen gespielte Oper ist. In dieser Konzeption scheint der Charakter Hans Heilings noch vielschichtiger als im originalen Libretto, in dem auch er zu Gott ruft wie die sterblichen Menschen. Denn der Ruhradel zieht hier an einem Strang mit den Stollenarbeitern, sie alle zusammen sind von der wirtschaftlichen Flaute bedroht. Zum anderen ist die Scheu des Arbeitermädchens Anna bedingt durch den sozialen Abstand zum hohen Herrn.

Ideales Hauptpaar

Szenenbild aus "Hans Heiling"

Hans Heiling/Aalto-Theater Essen © Thilo Beu

Außerordentliche Solisten agieren in den beiden Hauptpartien und um sie ein kontrastreiches Ensemble, das diese Oper zu einer bewegenden Realisierung führt. Heiko Trinsinger ist nach seinem „Vampyr“ an der Komischen Oper Berlin und dem „Holländer“ an der Oper Halle schon längst der überregionale Experte für alle Spielarten romantischer Operngeister. Er beherrscht die großen vokalen Bögen und die feinen Pointierungen. Seine Arie „An jenem Tag“ und die Szene, in der die Zechenarbeiter und Erdgeister ihrem Herrn weitere Gefolgschaft geloben, werden Höhepunkte des Abends. Eine Entdeckung als „Anneke“-Anna ist der unerhört farbenreiche, schwelgerische und in dieser großen Partie bestens konditionierte Sopran von Jessica Muirhead. Sie gestaltet eine spannende Figur, gerade weil sie ihre Entscheidung für Konrad als die für sie richtige durchficht und noch Mut aufbringt, als Hans Heiling sie hier mit der Pistole bedroht.

Insgesamt gerät die Produktion zu einem glänzenden Plädoyer für Marschners Oper. Frank Beermann holt aus der Partitur alle klanglichen Reize und kostet die stilistische Vielfalt als kontrastreiche Vorzüge aus. Dieser „Hans Heiling“ haftet in der Erinnerung als von der ersten bis zur letzten Sekunde mitreißender Opernabend und als fast etwas wehmütig stimmendes Regionalfestspiel.

Aalto-Theater Essen
Marschner: Hans Heiling

Frank Beermann (Leitung), Andreas Baesler (Regie), Harald B. Thor (Bühne), Gabriele Heimann (Kostüme), Heiko Trinsinger (Hans Heiling), Jessica Muirhead (Anna), Jeffrey Dowd (Konrad), Rebecca Teem (Königin der Erdgeister), Bettina Ranch (Gertrude), Karel Martin Ludvik (Stephan), Hans-Günter Papirnik (Niklas), Essener Philharmonie, Opernchor des Aalto-Theaters

Sehen Sie den Trailer zu Marschners „Hans Heiling“:

Weitere Termine: 3., 9. & 22.3., 29.4., 12. & 27.5., 22.6.2018

Termine

Mittwoch, 19.12.2018 19:30 Uhr Aalto-Musiktheater

Bizet: Carmen

Sébastien Rouland (Leitung), Lotte de Beer (Regie)

Donnerstag, 20.12.2018 19:30 Uhr Aalto-Musiktheater

Tschaikowsky: Der Nussknacker

Ben Van Cauwenbergh (Choreografie), Johannes Witt (Leitung)

Freitag, 21.12.2018 19:30 Uhr Aalto-Musiktheater

Humperdinck: Hänsel und Gretel

Friedrich Haider (Leitung), Marie-Helen Joël (Regie)

Samstag, 22.12.2018 15:00 Uhr Aalto-Musiktheater
Samstag, 22.12.2018 19:00 Uhr Aalto-Musiktheater

Weber: Der Freischütz

Tomáš Netopil (Leitung), Tatjana Gürbaca (Regie)

Eine Antwort zu “Kapitalistische Erdgeister”

  1. Manfred Ungemach sagt:

    Volle Zustimmung. Nur zwei Korrekturen zur Würdigung des Bühnenbilds:

    Es handelt sich nicht um eine „Fabrikhalle“ in der Kleidung an „Galgen“ von der Decke hängt, sondern um die Waschkaue einer Kohlenzeche. Dabei handelt es sich um die Umkleide der Bergläeute, in der die Kleidung an Haken aufgehängt und mittels einer Kette zur Decke hochgezogen wird, damit dort die Bergwerkskleidung trocknen und lüften kann und – die Ketten werden an einem Ständer verschließbar angebracht – die Privatkleidung vor Staub und Diebstahl geschützt ist.

    Und bei dem prunkvollen Holzinterieur des Palastes der Berggeister handelt es sich um eine Nachbildung der „Villa Hügel“, des Familiensitzes der Krupps in Essen.

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