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Opern-Kritik: Festspielhaus Baden-Baden – Elektra

Die Geburt der Tragödie aus dem Taktstock Kirill Petrenkos

(Baden-Baden, 22.3.2024) Bei den Osterfestspielen Baden-Baden fusionieren das Bühnenbild zu „Elektra“ und die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko zu einem gewaltigen Klangbollwerk. Die Geschwister Elektra (Nina Stemme) und Chrysothemis (Elza van den Heever) fräsen sich indes in die Requisite und in das Gehör der Zuschauer und werden dafür frenetisch gefeiert.

vonPatrick Erb,

Der Vorhang öffnet sich im Festspielhaus Baden-Baden. Noch bevor Kirill Petrenko zum ersten Streich mit seinem Taktstock ansetzt, donnert die erste für „Elektra“ so markante Fanfare aus dem Orchestergraben. Bei den Osterfestspielen wird die musikalische Tragödie aus der Hand Richard Strauss‘, auf das Konto ihrer modernistischen Züge einzahlend, zur brutalistischen Funktionsarchitektur – gewaltige bewegliche Steinplatten, von denen die Darstellenden beinahe erdrückt werden, erheben sich so zu einem Amphitheater der Moderne. Die nicht minder in ihrem expressiven Klang geifernde Musik bekommt von Regisseur Philipp Stölzl ein inszenatorisches Ebenbild.

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und Nina Stemme in Strauss' „Elektra“ am Festspielhaus Baden-Baden
Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und Nina Stemme in Strauss‘ „Elektra“ am Festspielhaus Baden-Baden

Primadonnenpaar

Eine steingewordene Perversion wie diese verzeiht keine sängerischen Fehler – eine detailverliebte Requisite, die zum Gedankenschweifen einlädt, gibt es nicht. Und daher braucht das kahle Bild Darstellende, die sängerisch wie schauspielerisch den Fokus auf sich ziehen können. Mit Nina Stemmes beispiellosem dramatischen Sopran ist das Wagnis auch geglückt. In gewaltigen Klangeskapaden, die noch bis in die letzten Reihen schallen, verwirklicht sich Stemme in der Rolle der von Mord- und Rachegelüsten zerfressenen Königstochter. Die Mimik dabei nicht minder sensationell, wenn sich das Gesicht der Elektra am Boden zerstört und dem Wahn nah schmerzlich verzerrt.

Nicht minder erstaunlich ist Elza van den Heever als Chrysothemis, denn ihr stechender Sopran reicht an den Stemmes heran. Van den Heever verleiht ihrem Gesang ein Maß an Virtuosität, wie es die Rolle auf den ersten Blick nicht vermuten lässt. Gekonnt beweisen die Geschwister auf der Bühne durch ihre Technik, warum nicht nur in der Handlung die Männer fehlplatziert sind.

Johan Reuter, Elza van den Heever, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und Nina Stemme in Strauss' „Elektra“ am Festspielhaus Baden-Baden
Johan Reuter, Elza van den Heever, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke und Nina Stemme in Strauss‘ „Elektra“ am Festspielhaus Baden-Baden

Tragisches und Allzutragisches

Dieser Sachverhalt erhärtet sich durch Michaela Schuster, die als Klytämnestra die Trias der dynamischen Ausnahmesopranistinnen komplettiert. Ihre Differenziertheit im Gestus übersteigt sogar noch den der anderen beiden, obschon die schauspielerische Expressivität von Stemme hier unerreicht bleibt. Tragischerweise hat Richard Strauss der Mutter und Mitintrigantin um den Tod Agamemnons nicht mehr Couplets zugestanden – Schusters qualitativ hochwertiger Gesang macht Lust auf mehr.

Wie man mit dem Hammer musiziert

Der verdiente Star am Premierenabend war indes Kirill Petrenko, der die Berliner Philharmoniker zu Höchstleistungen animierte. Wenige andere Orchester sind fähig dazu, maßlose Lautstärke und Brutalität eines tragischen Musiktheaters so fein und nuancenreich auszudifferenzieren. Der bebende Orchesterklang, vor allem des dominanten Bläserapparats, setzt Akzente – wer hat noch Respekt vor einer Betonfassade, wenn Kirill Petrenko mit dem Hammer darauf einschlägt. Petrenko und sein Orchester werden zur Symbiose, durch die eine in einem Stück gegossene musikalische Tragödie überhaupt erst wirken kann. Dieser darf sich dann auch mit den Berliner Philharmonikern wohlverdient vom Publikum feiern lassen.

Nina Stemme und Johan Reuter in Strauss' „Elektra“ am Festspielhaus Baden-Baden
Nina Stemme und Johan Reuter in Strauss‘ „Elektra“ am Festspielhaus Baden-Baden

Elektra-Dämmerung

Zum Nachdenken regt schließlich ein weiterer Aspekt der Inszenierung an. Ähnlich der Übertitel bei einer gewöhnlichen Opernvorstellung, lässt Regisseur Stölzl den gesamten Sprechtext sukzessiv in weißer Schrift auf die Steinstufen einblenden, nicht gleichmäßig in Form und Schriftgröße, sondern in besonderer Stilistik der Groß- und Kleinschreibung, mal eine, mal mehrere Stufen überspannend. Das gesprochene Wort ist jedoch immer präsent, und es wird damit gespielt, wie auch mit den Steinplatten selbst und dem Licht gespielt wird. So verbleibt zum Schluss der Tragödie in Rot nur noch „Elektra“. Das Publikum ist mit dem Konzept zufrieden, die Vorstellung wird gefeiert – und die Osterfestspiele Baden-Baden hiermit eröffnet.

Festspielhaus Baden-Baden
R. Strauss: Elektra

Kirill Petrenko (Leitung), Philipp Stölzl (Regie, Bühne & Licht), Philipp M. Krenn (Regie), Kathi Maurer (Kostüm), Franziska Harm (Co-Bühnenbild), Judith Selenko & Peter Venus (Video), Lukas Vasilek (Chor), Nina Stemme, Elza van den Heever, Michaela Schuster, Johan Reuter, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Anthony Robin Schneider, Prager Philharmonischer Chor, Berliner Philharmoniker

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