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Opern-Kritik: Oper Köln – Picture a Day Like This

Ein Wunder, doch anders als erwartet

(Köln, 10.5.2026) In der deutschen Erstaufführung ihrer Kammeroper erweisen sich Komponist George Benjamin und Librettist Martin Crimp erneut als Dream Team. Während der Dichter in der Knappheit des Ausdrucks Magie und Geheimnis evoziert, ersinnt der Tonsetzer eine luzide Partitur voller Suggestivkraft.

vonMichael Kaminski,

Die Aufgabe ist höchst diffizil. Anspruchsvoller noch als jene, die sich Diogenes einst stellte. Begnügte sich der griechische Philosoph damit, einen „Menschen“ finden zu wollen, so lassen Tonsetzer George Benjamin und Librettist Martin Crimp die Zentralfigur ihrer Kammeroper gar nach einem „glücklichen Menschen“ fahnden. Durchaus überraschend, verläuft die Recherche an der Oper Köln nicht ganz so erfolglos wie weiland bei Diogenes. Tröstlich für die von Trauer um ihr verstorbenes Kind heimgesuchte abstrakt „Woman“ benannte Frau, der – ob von außen oder inwendig, bleibt unklar – versichert wird, sie werde das Kleine zu neuerlichem Leben erwecken dürfen, falls sie den Knopf vom Ärmel eines oder einer Glücklichen schneide. Wiederholt trügt der Schein: Ein Liebespaar gerät in Streit, ein arbeitsloser Knopfmacher verliert den Verstand, die Starkomponistin wird von Zweifeln an der Dauerhaftigkeit ihres Ruhms heimgesucht, der Kunstsammler leidet trotz der ihn umgebenden Meisterwerke an seiner Einsamkeit. Doch erweist sich Letzterer immerhin als so mitfühlend, der Suchenden das Tor in den Garten der Zabelle zu öffnen. Die Eigentümerin des Wunderparks ähnelt der trauernden Mutter beinahe zum Verwechseln. Doch hat dies alter ego allen Widrigkeiten entgegen Frieden mit der Welt geschlossen. Ein glücklicher Mensch. Die Suchende zeigt sich verwandelt, die physische Wiederbelebung des verstorbenen Kindes gerät aus dem Blick. Gut möglich, sie hat ihre Bedeutung verloren. Final weicht die Trauer. „Woman“ empfindet sich mit ihrem Los versöhnt.

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Szenenbild aus „Picture a Day Like This“
Szenenbild aus „Picture a Day Like This“

Voller Sanglichkeit

Librettist Martin Crimp hat aus europäischen und asiatischen zum Märchenhaften tendierenden Erzählungen für „Picture a Day Like This“ Geschehen voll‘ poetischer Tiefe destilliert. Crimps dichterisches Idiom evoziert gerade aus der Knappheit des Ausdrucks Magie und Geheimnis. Wiederholt verwischen die Konturen ins Märchenhaft-Surreale. Dem Wunderbaren eröffnet Crimp weite Räume bis hin in Zabelles Zaubergarten. So verwandelt sich denn die Hoffnung der Mutter auf Wiederbelebung ihres Kindes ins Glück des Getröstetseins. George Benjamin ersinnt dafür eine kammermusikalisch luzide Partitur. Die Gesangsstimmen genießen Primat. Ganz aus Crimps poetischem Idiom erwachsen, spürt Benjamin den Worten bis in letzte Nuancen nach. Das führt etwa bei Knopfmacher und Komponistin ins pointiert Deklamatorische. Trauernde Mutter, Zabelle und anfänglich das Liebespaar agieren auf anmutigen, beinahe graziösen Gesangslinien. Dem Sammler eignen Seelenschmerz und Blaubartattitüde.

Szenenbild aus „Picture a Day Like This“
Szenenbild aus „Picture a Day Like This“

Metamorphose im Unterwassergarten

Begrüßenswert, dass Benjamins 2023 in Aix-en-Provence aus der Taufe gehobene Kammeroper in der Inszenierung der Uraufführung nun auch nach Köln gelangt, wo sie erneut ihre Suggestivkraft entfaltet. Das Regie, Bühne und Lichtdesign verantwortende Duo aus Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma verleiht dem einstündigen Werk jenen Hauch von Un- oder gar Überwirklichkeit, dessen es ganz unbedingt bedarf. Weil sich indessen das Wunderbare und Märchenhafte nie völlig verselbständigt, gibt sich das finale Wunder der Verwandlung von Trauer in Trost nicht als gänzlich wirklichkeitsfern, vielmehr als mit der Realität durchaus vereinbar. Mag sich die Metamorphose auch – wie in Aix und nun in Köln – im Unterwassergarten ereignen.

Szenenbild aus „Picture a Day Like This“
Szenenbild aus „Picture a Day Like This“

Bezwingendes Ensemble

Musikalisch kann sich der eigens zur deutschen Erstaufführung nach Köln angereiste Komponist kein vorzüglicheres Plädoyer für seine jüngste Oper wünschen. Christian Karlsen entlockt dem Gürzenich-Orchester vielfältige Farben. Die Magie der Partitur entfaltet sich vor allem im Holz. Phänomenal Adriana Bastidas-Gamboa in der zentralen Partie der „Woman“. Wärme, Leuchtkraft, lyrisches Insichgehen und dramatische Attacke, Bastidas-Gamboa gebietet über sie alle. Es ist, als habe Benjamin die Partie eigens für sie ersonnen. Hervorzuheben aus dem ebenso kleinen wie hochkarätigen und homogenen Ensemble ist ferner John Brancy, dessen wie in Eis geschlossene Einsamkeit angesichts der trauernden Mutter ein wenig zu tauen beginnt.

Oper Köln
Benjamin: Picure a Day Like This  

Christian Karlsen (Leitung), Daniel Jeanneteau & Marie-Christine Soma  (Regie, Bühne & Lichdesign), Marie La Rocca (Kostüme), Hicham Berrada (Video), Adriana Bastidas-Gamboa (Woman), Elizabeth Reiter (Lover 1 / Composer), Cameron Shahbazi (Lover 2 / Composer’s Assistant), John Brancy (Artisan / Collector), Lisa Grandmottet, Eulalie Rambaud & Bruno Roseau (Performer), Gürzenich-Orchester Köln






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