Wie sähe wohl eine Welt aus, der das Glück vollständig abhandengekommen ist? Wählte man Farben, um sie zu illustrieren, wären es wohl Schwarz, Braun oder ein tiefes Dunkelgrau. Und wie klänge diese Welt? Sicher niederdrückend, entseelt, schlicht unerbittlich. Möglichkeiten, sich ihr anzunähern, gibt es viele. Doch einer, der dieser Vorstellung mit beinahe chirurgischer Präzision nahekommt, ist Wolfgang Fortner in seiner Oper „Bluthochzeit“, die nun als zweite Fortner-Produktion innerhalb von drei Jahren an der Oper Frankfurt Premiere feierte. Die literarische Vorlage stammt von dem spanischen Dramatiker und Lyriker Federico García Lorca, der hier gleichermaßen aus beiden Disziplinen schöpft und von der Unversöhnlichkeit zweier Familien in der spanischen Provinz erzählt. Voraus geht der Handlung eine ewige Fehde, der zahlreiche Söhne beider Familien zum Opfer gefallen sind und die vor allem in der Mutter Skepsis und Verlustangst genährt hat.
Familienfehde
Mit der Hochzeit von Braut und Bräutigam soll der Zwist überwunden werden. Doch ausgerechnet am Tag der Vermählung flammt die Leidenschaft der Braut zu ihrem ehemaligen Geliebten Leonardo erneut auf, der sie schließlich entführt. Der Bräutigam folgt beiden in den Wald, wo es zum tödlichen Zweikampf kommt. Lorca verbindet Elemente des epischen Theaters mit jenen des magischen Realismus. Abgesehen von Leonardo bleiben die Figuren Typen, wodurch das Drama eine zeitlose Allgemeingültigkeit erhält, die Lorca exemplarisch für die Brutalität seiner Epoche empfand. Gleichzeitig wirkt die Handlung stets vollkommen realistisch. Die Beweggründe der Figuren bleiben auf ihre verkommene Weise menschlich, die Tragödie entsteht im Affekt, und das dörfliche Milieu spiegelt sich in Hochzeitsbräuchen, Tänzen und markigen Tischgesprächen der Alten wider, die sich etwa die gegenseitige Samenqualität der eigenen Sippe bestätigen.

Erzählerischer Totalitarismus und angewandter magischer Realismus
Diese Ebene des Realismus durchdringt wiederum die symbolistische Waldszene kurz vor Schluss, in der der Tod als Bettlerin und der Mond als Holzfäller auftreten und jene zusammenführen, die sich in tödlicher Vorsehung in der Dunkelheit suchen. Es ist die erste Szene, die Fortner für seine „Bluthochzeit“ vertonte – und zugleich die spannungsreichste. Zwei Violinen spielen im Kanon, als wolle Fortner die stille Heimeligkeit der nächtlichen Waldluft selbst hörbar machen. Ein geisterhafter Zustand, der scharf kontrastiert mit der aufpeitschenden, aggressiven und stets unheilvollen Orchestersprache.
Mit reduzierten, aber gezielt gesetzten Hieben wirkt sie alarmierend, insbesondere in den Zwischenmusiken, die die sieben Szenen voneinander trennen. Schmuckstückhaftes Lokalkolorit interessiert Fortner dabei nicht. Umso bemerkenswerter ist, wie präzise er mittels melodischer Einschübe und rhythmischer Grundmuster spanische Folklore als eine Art Radierung in Militärtrommel und Kastagnetten gleichsam konzentriert aufscheinen lässt; ein wenig so, als saugte man einer Orange das Wasser ab und es bliebe nur noch das hochverdichtete Konzentrat über.

Transparenz und Fassade
Alex Ollés Regieansatz besteht darin, die Musik im Bild zu spiegeln. Die wenigen Requisiten und die geschmackvollen Kostüme in traditioneller andalusischer Bauernkleidung von Lluc Castells genügen vollkommen, um der Handlung einen glaubwürdigen realen Ursprung zu verleihen. Auch Ollé verweigert sich der Genreschilderung, lässt sie aber noch als blasses Echo etwa im Flamencotanz des Bühnenhintergrunds aufleuchten. Entscheidender Ausgangspunkt seiner Inszenierung ist vielmehr der Satz der Mutter an die Braut im Finale: „Ein Laken aus schimmernder Seide schwebe herab auf dich.“ Ein ungeklärter Symbolismus, der gleichermaßen als Trauerschleier wie als Grabtuch lesbar bleibt. Ollé übersetzt dies in bemerkenswerter Stofflichkeit architektonisch. Schleierartige Vorhänge lassen das Licht diffus hindurchschimmern, können zugleich aber wie massive Granitwände beleuchtet werden. Drei Schauplätze lagert er dabei wie eine Matroschka ineinander: das Haus der Mutter und des Bräutigams, jenes der Braut und ihres Vaters sowie das Zuhause Leonardos und seiner Frau.
Seelenspiegel
So spiegelt die Bühne die psychische Verfasstheit der Figuren gleichsam materiell wider. Alle wollen Stärke und Undurchdringlichkeit demonstrieren, doch Skepsis, Misstrauen und emotionale Verletzbarkeit liegen jederzeit offen zutage. Da Fortner in seiner „Bluthochzeit“ vor allem die ohnehin hochmusikalische Sprache Lorcas potenzieren will, bleibt der Anteil gesprochener Sprache ungewöhnlich groß; die Rollen des Vaters der Braut und des Bräutigams sind gar als reine Sprechrollen angelegt. Umso eindrucksvoller wirkt Claudia Mahnke als Mutter, die mit fundierter Energie jene Skepsis verkörpert, die von diesem Leben nichts Positives mehr erwartet. Mahnke trägt den Fatalismus im Denken dieser Figur ebenso glaubhaft nach außen wie den Totalitarismus ihres Herzens – jenen Zustand, der die Mutter wünschen lässt, ihr Sohn wäre als Mädchen geboren worden, damit er nicht sterben müsse. Niemand ist glücklich in dieser Oper, niemand geht als Sieger hervor. Doch bei der Mutter wird Verlust zur Pathologie.

Die Stunde der Sängerdarsteller
Mahnke gelingt es als tiefgründiger Mezzosopranistin mühelos, sich in diese Pathologie des unlösbaren Konflikts hineinzusingen. Ähnlich psychologisch zersetzend gestaltet Magdalena Hinterdobler die Braut, deren Stimme zwischen unbedachter erotischer Leidenschaft und gehorsamer Pflichterfüllung changiert, so wie die Figur selbst zwischen Bräutigam und Leonardo schwankt. Am Ende siegen Liebe und Verhängnis und sie kann der Mutter nur noch ihren Tod zur Sühne anbieten – eine zutiefst niederschmetternde Szene, mit der Hinterdobler das Frankfurter Premierenpublikum vollends bannt. Auch der junge Bariton Mikołaj Trąbka aus dem Frankfurter Ensemble reiht sich in die Trias der profilierten Sängerdarsteller ein. Seine zielsichere Auslegung des Leonardo als triebgesteuerten Gewalttäter und widerwärtigen Liebhaber verfehlt ihre Wirkung nicht. Sehr schön schließlich die lyrische Farbigkeit von AJ Glueckerts Mondarie und die geisterhaft eindringliche Daniela Ziegler, die als Tod den Bräutigam mit süßlichem Chanson ins Verderben führt.
Die Aufgabe von Dirigent Duncan Ward und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester besteht an diesem Abend darin, zwischen subtiler Folklore und expressiver Hektik zu vermitteln – und zugleich mit den ständigen Brüchen und Unterbrechungen umzugehen. Besonders dort, wo das Schweigen mehr sagt als die Musik selbst und das Verstummen zum Spiegel der inneren Zustände wird. Denn geschwiegen werden muss viel in dieser Oper.
Oper Frankfurt
Fortner: Bluthochzeit
Duncan Ward (Leitung), Àlex Ollé (Regie), Alfons Flores (Bühnenbild), LLuc Castells (Kostüm), Olaf Winter (Licht), Álvaro Corral Matute (Chor), Claudia Mahnke, Magdalena Hinterdobler, Christian Clauß, Daniela Ziegler, Mikołaj Trąbka, Zanda Švēde, Annette Schönmüller, Dietrich Volle, AJ Glueckert, Chor der Oper Frankfurt, Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Mi., 13. Mai 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Fortner: Bluthochzeit
Claudia Mahnke (Mutter), Magdalena Hinterdobler (Braut), Annette Schönmüller (Schwiegermutter), Zanda Švēde (Leonardos Frau), Karolina Makuła (Magd), Duncan Ward (Leitung), Àlex Ollé (Regie)
Fr., 15. Mai 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Fortner: Bluthochzeit
Claudia Mahnke (Mutter), Magdalena Hinterdobler (Braut), Annette Schönmüller (Schwiegermutter), Zanda Švēde (Leonardos Frau), Karolina Makuła (Magd), Duncan Ward (Leitung), Àlex Ollé (Regie)
So., 24. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Fortner: Bluthochzeit
Claudia Mahnke (Mutter), Magdalena Hinterdobler (Braut), Annette Schönmüller (Schwiegermutter), Zanda Švēde (Leonardos Frau), Karolina Makuła (Magd), Duncan Ward (Leitung), Àlex Ollé (Regie)
So., 31. Mai 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Fortner: Bluthochzeit
Claudia Mahnke (Mutter), Magdalena Hinterdobler (Braut), Annette Schönmüller (Schwiegermutter), Zanda Švēde (Leonardos Frau), Karolina Makuła (Magd), Duncan Ward (Leitung), Àlex Ollé (Regie)
Sa., 06. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Fortner: Bluthochzeit
Claudia Mahnke (Mutter), Magdalena Hinterdobler (Braut), Annette Schönmüller (Schwiegermutter), Zanda Švēde (Leonardos Frau), Karolina Makuła (Magd), Duncan Ward (Leitung), Àlex Ollé (Regie)




