Mit seiner bombastisch großformatigen „Turandot“ hat Giacomo Puccini der Nachwelt eine Oper hinterlassen, die es in mehrfacher Hinsicht in sich hat. Schon, weil er sie nicht mehr vollenden konnte. Dabei kann es gut sein, dass nicht nur der Tod des Komponisten daran schuld war, sondern sich auch das Stück selbst seiner Vollendung mit irgendeiner Art von Happyend verweigert hat. Wie soll man sich denn auch eine Liebe auf einem Berg von Leichen zwischen zwei so gründlich verkorksten Persönlichkeiten vorstellen? Um die Aufgabe, zu den nachkomponierten Schlüssen von Franco Alfano (1926) oder von Luciano Berio (2002) so oder so eine szenische Lösung zu finden, ist kein Regisseur zu beneiden. Nicht nur Turandot, auch Calaf ist ohne mit der Wimper zu zucken bereit, Menschen zu opfern, wenn er nicht bekommt, was er – warum auch immer –will. Liù opfert immerhin nur sich selbst. Sie hat mit der unerfüllten und unerfüllbaren Liebe zu Calaf wenigstens einen nachvollziehbaren Grund. Selbst der alte Kaiser leidet unter dem mörderischen Wahnsinn seiner Tochter, auf den er sich da eingelassen hat und den er nicht stoppen kann. Was in einem Kaiserreich allein schon seltsam ist. Alles in Allem ist in diesem von Europäern in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts aus der Ferne erfundenem Opern-Peking der Wahnsinn Staatsraison.

Andrea Breths hohe Regieschule
Dass sich Andrea Breth bei ihrer Inszenierung an der Oper Frankfurt nicht auf ästhetische Chinoiserien einlassen würde, das war klar. Zusammen mit Johannes Leiaker (Bühne) und Ursula Renzenbrink (Kostüme) bleibt sie in einem nüchternen Schwarz-Weiß-Stil. Mit Grautönen versteht sich. Wie sie dem Blick ins Innere, vor allem von Turandot und Calaf, ausweicht und stattdessen vor allem die Verhältnisse analysiert, in denen sie handeln, das ist hohe Schule und zeigt die Regisseurin (anders als bei ihrer betont zurückhaltenden „Butterfly“ in Aix-en-Provence vor zwei Jahren) in Hochform.

Lucia Ronchettis Prolog
Das Aufregende und zugleich Entsetzliche dieser Oper sei, so die Regisseurin im Programmheft-Interview, dass alles auf einen durchorganisierten terroristischen Staat hinweist. Diese Gewalt zu untersuchen, sei der Kern ihrer Konzeption.
Hier leistet der von Lucia Ronchetti im Auftrag der Oper Frankfurt komponierte Prolog „Io tacerò“ („Ich werde schweigen“) mit einem kurzen, bei geschlossenem Vorhang und von den Foyers aus beginnenden Großeinsatz von Kinderchor, gemischtem Chor und Streichorchester mit einer Melange aus Verschreckendem, unruhigem Gemurmel und Vokalisen eindrucksvolle atmosphärische Vorarbeit.

Durchchoreografierte Bilder von Parteitagen oder Volkskongressen wie im heutigen Peking oder Pjöngjang
Die Bühne, die mit dem Einsetzen der Musik von Puccini sichtbar wird, liefert den Raum dazu. Der setzt auf die zurückhaltende Nüchternheit bei der Verwendung von Versatzstücken, die die Wirklichkeit in heutigen „Musterdiktaturen“ nie plakativ übernehmen, wohl aber in eine beklemmende Bühnenwirklichkeit übersetzen. Das fängt mit den Schreitischen für die drei Minister Ping (Liviu Holender), Pang (Magnus Dietrich), Pong (Michael Porter) an. Sie bewegen sich in ihrem Bürozivil nicht nur äußerlich gleichgeschaltet, sondern auch vom Abnehmen der Telefonhörer über das Tippen auf der Schreibmaschine bis zum Blick in die Aktenordner, die man ihnen vorlegt, synchron. Wahrscheinlich als Ersatz für die drei berühmten Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen, hat jeder seinen Ich-weiß-von-Nichts-Hasen dabei. In kleiner Ausführung in der Ecke dieser bürokratisch-technokratischen Welt gibt es einen kleinen und für Auftritte des „Volks“ einen riesigen, gar zweistöckigen Gefangenenkäfig, der in den Raum gezogen wird. Wenn alle in Reih und Glied nebeneinandersitzen, erinnert das unwillkürlich an die durchchoreografierten Bilder von Parteitagen oder Volkskongressen im heutigen Peking oder Pjöngjang, wo ja selbst die Teetassen für die „Delegierten“ in atemberaubender Synchronität hergerichtet werden. Es gibt aber auch explizite Gewalt. Die drei Leibwächter von Turandot, (Jun Azuma, Tomoya Kawamura und Atsushi Takahashi), die in traditionellen Gewändern und mit Langwaffen die Gegenwart von Gewalt sozusagen historisch legitimieren, sind das eine. Die Art, wie die Schergen Liù die Knochen brechen, sind das andere. Wenn dem Volk von Peking der Schlaf verboten wird und alle auf Liegen wie in einer Notunterkunft campieren, weitet sich der Blick im Bühnenhintergrund in die Tiefe von vergitterten Räumen.

Turandot als Marionette der Verhältnisse
Es ist eine Welt hinter Gittern. Es ist, wenn man so will, metaphorisch zugleich eine Welt am Draht. Denn auch die von Elza van den Heever mit lodernder Intensität gesungene Turandot selbst ist hier nur eine Marionette der Verhältnisse. Sie ist hier von einem echten Menschen äußerlich weiter entfernt denn je. Mit einer Maske, die ihr Gesicht zur Hälfte verdeckt, bewegt sie sich wie die stilisierte Figur einer Robert-Wilson-Inszenierung durch die Szene. Im Grunde ist sie die spiegelbildliche Personifizierung patriarchalischer Gewalt. Die verkörpert aber auch Calaf (mit Kraft ohne Selbstzweifel: Alfred Kim) mit der selbstbewussten Attitüde eines künftigen Herrschers. Während Guanqun Yu als Liù gefühlvoll das Menschliche dieser Figur beglaubigt, komplettieren Inho Jeong als Timur, Michael McCown als Kaiser Altoum und Erik van Heyningen als Mandarin das Protagonistenensemble. Für den analytischen Stil der Breth ist Thomas Guggeis am Pult des Frankfurter Opern-und Museumsorchesters genau der adäquate musikalische Partner. Er setzt so auf eine sozusagen kühle Transparenz, dass man manches neu zu hören glaubt. Vor allem, wenn das Bedrohliche im Bombastischen aufscheint. Nach pausenlosen zwei Stunden und einem fälligen Durchatmen: Jubel für alle!
Oper Frankfurt
Puccini: Turandot
Thomas Guggeis (Leitung), Andrea Breth (Regie), Johannes Leiacker (Bühne), Ursula Renzenbrink (Kostüme), Alexander Koppelmann (Licht), Manuel Pujol (Chor), Álvaro Corral Matute (Kinderchor), Maximilian Enderle (Dramaturgie), Elza van den Heever (Turandot), Alfred Kim (Calaf), Guanqun Yu (Liù), Liviu Holender (Ping), Magnus Dietrich (Pang), Michael Porter (Pong), Inho Jeong (Timur), Michael McCown (Kaiser Altoum), Erik van Heyningen (Ein Mandarin), Chor, Extrachor und Kinderchor der Oper Frankfurt, Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Do., 16. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Elza van den Heever (Turandot), Alfred Kim (Calaf), Guanqun Yu (Liù), Liviu Holender (Ping), Magnus Dietrich (Pang), Michael Porter (Pong), Inho Jeong /Thomas Faulkner (Timur), Thomas Guggeis (Leitung), Andrea Breth (Regie)
So., 19. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Elza van den Heever (Turandot), Alfred Kim (Calaf), Guanqun Yu (Liù), Liviu Holender (Ping), Magnus Dietrich (Pang), Michael Porter (Pong), Inho Jeong /Thomas Faulkner (Timur), Thomas Guggeis (Leitung), Andrea Breth (Regie)
Sa., 25. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Elza van den Heever (Turandot), Alfred Kim (Calaf), Guanqun Yu (Liù), Liviu Holender (Ping), Magnus Dietrich (Pang), Michael Porter (Pong), Inho Jeong /Thomas Faulkner (Timur), Thomas Guggeis (Leitung), Andrea Breth (Regie)
Fr., 01. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Olesya Golovneva (Turandot), Alfred Kim (Calaf), Guanqun Yu (Liù), Liviu Holender (Ping), Magnus Dietrich (Pang), Michael Porter (Pong), Thomas Faulkner (Timur), Thomas Guggeis (Leitung), Andrea Breth (Regie)
So., 03. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Elza van den Heever (Turandot), Alfred Kim (Calaf), Guanqun Yu (Liù), Liviu Holender (Ping), Magnus Dietrich (Pang), Michael Porter (Pong), Inho Jeong (Timur), Thomas Guggeis (Leitung), Andrea Breth (Regie)




