OPERN-KRITIK: OPÉRA NATIONAL DE PARIS – BÉRÉNICE

Gegen die Wand

(Paris, 2. Oktober 2018) Michael Jarrells Opernnovität feiert im Palais Garnier ihre erfolgreiche Uraufführung.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus "Bérénice"

Bérénice/Opéra National de Paris

Im Palais Garnier gehört die Architektur zu Überwältigungsstragie des Hauses. Die Große Treppe, der Goldprunk im Foyer, der Vorhang, die Chagall-Decke. Da braucht es schon eine zündende Idee, um eine Uraufführungsinszenierung auch noch mit einem optischen Clou zu beginnen, der nicht mit Kitsch triumphieren will. Zu den wenigen, die das ohne historisierenden Hokuspokus können, gehören Regisseur Claus Guth und sein Bühnenbildner Christian Schmidt. Die wohldosierte Opulenz von drei herrschaftlich klassizistischen Räumen wird diesmal zunächst von einem Video überblendet, das im Schwarz-Weiß eines Filmnegativs Menschen aus der Vogelperspektive zeigt. Dieser Auftakt aus dem Dunkel und ohne Auftrittsapplaus für den Dirigenten tut so, als würden diese Schatten wispern und raunen.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus "Bérénice"

Bérénice/Opéra National de Paris

Eine der faszinierenden Königinnen der Opernbühnen von heute: Barbara Hannigan

Dann blicken wir auf eine Frau, die sich in dem linken Raum in verzückter Hoffnung reckt. Es ist Barbara Hannigan. Im wirklichen Leben eine der echten, in jeder ihrer Rollen faszinierenden Königinnen der Opernbühnen von heute. Sie ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Sängerdarstellerinnen. Bei ihr wird eine Melisande genauso zum Ereignis (ob in Aix-en-Provence oder bei der Ruhrtriennale) wie eine Lulu (wie in Hamburg). Sucht man nach einer Sängerin des Jahres, ist die Kanadierin immer als Kandidatin mit dabei. Diesmal ist sie auch auf der Bühne eine Königin: mit jeder Faser ihres höchst athletischen, immer noch mädchenhaft wirkenden Körpers und mit jedem Ton ihrer zu atemberaubenden Sprüngen und Höhen fähigen Stimme. Sie ist die jüdische Königin von Palästina, Bérénice.

„Rom zuerst“ vs. Liebe seines Lebens

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus "Bérénice"

Bérénice/Opéra National de Paris

Auf sie haben in der jetzt mit großem Erfolg uraufgeführten neuen Oper des Schweizer Komponisten Michael Jarrell (60) gleich zwei Männer ein Auge geworfen. Der eine ist Titus. Im rechten der drei Räume – auch er eine der sozusagen per se majestätischen Bühnenerscheinungen von heute. Noch mit der Urne der Asche seines Vorgängers in den Händen verleiht ihm Bo Skovhus seine ganze charismatische Wucht, wenn er sich anschickt, auf dem gerade eben verwaisten römischen Kaiserthron Platz zu nehmen. Wenn es nach ihm ginge, mit der geliebten Bérénice als Kaiserin an seiner Seite. Aber so weit geht die Macht eines Kaisers und das „Rom zuerst“ in den Köpfen von Senat und Volk dann doch nicht. Sie müssten die Wahl seines Herzens wenigsten tolerieren. Da sie das nicht tun, muss sich Titus entscheiden. Anders als noch in diesem Jahrhundert der Onkel der amtierenden englischen Queen entscheidet er sich gegen die Liebe seines Lebens – und für den Thron. Was natürlich nicht wirklich so ungewöhnlich war, wie es der Blick der Dichter oder unsere Perspektive von heute aus suggerieren.

„Bérénice“: Ein Kammerspiel des Abschiedsnehmens

Jean Racines Tragödie aus dem Jahre 1670 lieferte für Jarrell die literarische Vorlage, um sich daraus sein eigenes Libretto zu basteln. Er hat seine 17 Szenen für die anderthalb Stunden in vier Sequenzen gruppiert, die ihre Spannung ohne Pause entfalten und das Publikum in den Bann ziehen. Was auf ein Kammerspiel des Abschiedsnehmens und der vor allem weiblichen Revolte dagegen hinausläuft, wird angereichert durch den dritten im Bunde.
Der Freund des Titus, Antiochus, ist nämlich der andere Mann, der heimlich seit langem selbst in Bérénice verliebt ist. Was doppelt tragisch ist, da er damit die Freundschaft des Kaisers riskiert und bei Bérénice auch nach dessen gefassten und durchgesetzten Entschluss, sie fortzuschicken, keine Chance hat. Ivan Ludlow ist dafür genau die richtige Besetzung.

© Monika Rittershaus

Szenenbild aus "Bérénice"

Bérénice/Opéra National de Paris

Jarrells Musik zieht langsam ihre Kreise

Die Musik beginnt wie aus dem Nichts, zieht langsam ihre Kreise, so wie die Wellen, die sich ausbreiten, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Sie trägt mühelos ariose Aufschwünge und das Parlando des Leidens. Sie eskaliert, wenn Bérénice gegen die Wand springt. Oder wenn sie in ihrer Verzweiflung über das Aus all ihrer Hoffnungen erst mit den Fingern wie mit Pfeilen und dann mit vollem Körpereinsatz auf Titus losgeht. Dass die beiden in diesem Kampf bis zur Erschöpfung auch noch ihre Töne mit hoher Präzision herausschleudern können, spricht für ihre Extraklasse als Sängerdarsteller.

Claus Guth ist genau der richtige Regisseur

Das sozusagen ergänzende und stärker als die Hauptakteure mit der Welt außerhalb der Mauern der Macht verbundene Personal ist mit Alastair Miles (Paulin), Julien Behr (Arsace) und der Rina Schenfeld (Phénice ist die hebräisch sprechende Vertraute Bérénices) ebenso sorgfältig besetzt wie die Rollen im Zentrum dieses atemberaubenden Kammerspiels im Großformat. Claus Guth ist genau der Richtige, um stets präzise die Balance zwischen den inneren Stürmen und den äußeren Begrenzungen zu wahren. Die Videos von rocafilm (Roland Horvath und Carmen Zimmermann) sind diesmal für diese Ästhetik, die mit ihrem instinktsicheren inneren Maß fasziniert, unverzichtbar.

Philippe Jordan profiliert sich als Könner in Sachen moderner Musik

Nicht zuletzt hat der musikalische Chef der Pariser Oper (und für diesen Posten in Wien designierte) Philippe Jordan die Chance genutzt, sich auch als Könner in Sachen moderner Musik zu profilieren. Er und sein Orchester haben einen erheblichen Anteil am Erfolg, den diese Uraufführung auch beim Publikum in Paris verbuchen konnte.

Barbara Hannigan in ihrer Rolle als Bérénice:

Opéra national de Paris
Michael Jarrell: „Bérénice“

Philippe Jordan (Leitung), Claus Guth (Regie), Christian Schmidt (Bühne), Christian Schmidt & Linda Redlin (Kostüme), Fabrice Kebour (Licht), rocafilm: Roland Horvath & Carmen Zimmermann (Video), Konrad Kuhn (Dramaturgie), Bo Skovhus, Barbara Hannigan, Ivan Ludlow, Alastair Miles, Julien Behr, Rina Schenfeld, Orchestre de l’Opéra national de Paris

Weitere Termine: 5., 8., 10., 14. & 17.10.2018

Termine

Mittwoch, 11.09.2019 20:00 Uhr Philharmonie Berlin
Samstag, 21.12.2019 18:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Abrahamsen: The Snow Queen (Premiere)

Barbara Hannigan (Gerda), Rachael Wilson (Kay), Helena Zubanovich (Grandmother/Old Lady/Finn Woman), Peter Rose (Snow Queen/Reindeer/Clock), Cornelius Meister (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Donnerstag, 26.12.2019 18:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Abrahamsen: The Snow Queen

Barbara Hannigan (Gerda), Rachael Wilson (Kay), Helena Zubanovich (Grandmother/Old Lady/Finn Woman), Peter Rose (Snow Queen/Reindeer/Clock), Cornelius Meister (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Samstag, 28.12.2019 19:30 Uhr Bayerische Staatsoper

Abrahamsen: The Snow Queen

Barbara Hannigan (Gerda), Rachael Wilson (Kay), Helena Zubanovich (Grandmother/Old Lady/Finn Woman), Peter Rose (Snow Queen/Reindeer/Clock), Cornelius Meister (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Montag, 30.12.2019 18:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Abrahamsen: The Snow Queen

Barbara Hannigan (Gerda), Rachael Wilson (Kay), Helena Zubanovich (Grandmother/Old Lady/Finn Woman), Peter Rose (Snow Queen/Reindeer/Clock), Cornelius Meister (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Samstag, 04.01.2020 18:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Abrahamsen: The Snow Queen

Barbara Hannigan (Gerda), Rachael Wilson (Kay), Helena Zubanovich (Grandmother/Old Lady/Finn Woman), Peter Rose (Snow Queen/Reindeer/Clock), Cornelius Meister (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Montag, 06.01.2020 17:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Abrahamsen: The Snow Queen

Barbara Hannigan (Gerda), Rachael Wilson (Kay), Helena Zubanovich (Grandmother/Old Lady/Finn Woman), Peter Rose (Snow Queen/Reindeer/Clock), Cornelius Meister (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Sonntag, 02.02.2020 16:00 Uhr Staatsoper Hamburg

Berg: Lulu

Barbara Hannigan (Lulu), Anne Sofie von Otter (Gräfin Geschwitz), Sergei Leiferkus (Schigolch), Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön/Jack), Charles Workman (Alwa), Veronika Eberle (Eine Violinistin), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano (Leitung), Christoph Marthaler (Regie)

Mittwoch, 05.02.2020 18:30 Uhr Staatsoper Hamburg

Berg: Lulu

Barbara Hannigan (Lulu), Anne Sofie von Otter (Gräfin Geschwitz), Sergei Leiferkus (Schigolch), Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön/Jack), Charles Workman (Alwa), Veronika Eberle (Eine Violinistin), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano (Leitung), Christoph Marthaler (Regie)

Freitag, 07.02.2020 18:30 Uhr Staatsoper Hamburg

Berg: Lulu

Barbara Hannigan (Lulu), Anne Sofie von Otter (Gräfin Geschwitz), Sergei Leiferkus (Schigolch), Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön/Jack), Charles Workman (Alwa), Veronika Eberle (Eine Violinistin), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano (Leitung), Christoph Marthaler (Regie)

Auch interessant

concerti Mai-Ausgabe 2019

Druckfrisch: die concerti Mai-Ausgabe!

Freuen Sie sich auf unsere Mai-Ausgabe mit spannenden Interviews, interessanten Künstler- und Festivalporträts, Rezensionen, neuen Opernkritiken und vielen Termintipps. weiter

Multimedia 26.4. Deutschlandfunk Kultur Festkonzert für Hans Abrahamsen

Doppelspitze

Mit Barbara Hannigan und Tamara Stefanovich sind zwei Künstlerinnen der Stunde zu Gast beim Dänischen Radio-Sinfonieorchester, wenn Komponist Hans Abrahamsen den Léonie Sonning Musikpreis verliehen bekommt. weiter

Interview Barbara Hannigan

„Man kann ja nicht ständig Lob erwarten!“

Die Dirigentin und Sopranistin Barbara Hannigan über die Wichtigkeit von Frustration und Enttäuschung – und über ihr Förderprojekt „Equilibrium“. weiter

Rezensionen

CD-Rezension Barbara Hannigan – Vienna: Fin de siècle

Lieder an der Grenze

Das Album „Fin de siècle“ von Sopranistin Barbara Hannigan vereint Lieder von Schönberg, Zemlinsky, Alma Mahler, Berg und Webern. weiter

CD-Rezension Barbara Hannigan – Crazy Girl Crazy

Kraftvolles Selbstporträt

Barbara Hannigans erste CD, bei der sie ihre beiden Berufe – das Singen und das Dirigieren – verbindet, geht von Alban Bergs „Lulu“ aus weiter

CD-Rezension Barbara Hannigan

Verwehend und zerfließend

Sensibel und vielschichtig: Barbara Hannigan zeigt sich erneut als „Primadonna der Moderne“ weiter

Kommentare sind geschlossen.