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Opern-Kritik: Saarländisches Staatstheater – Die Walküre

Wagner als Wissenschaftsthriller

(Saarbrücken, 11.2.2024) Wagners Bühnenfestspiel als Menschheitsexperiment, in dem eine wissenschaftliche Elite am Homo sapiens manipuliert und ethische Basiskonflikte ausficht: Das gewagte Konzept geht auf geradezu verblüffende Weise auf.

vonRoland H. Dippel,

Es ist fast beängstigend, wie klar und voll logisch das Regiekonzept des Saarlänischen Staatstheaters in Saarbrücken für Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in „Das Rheingold“ und der am Sonntagabend herausgekommenen „Walküre“ aufgeht. Die Idee eines Bühnenfestspiels als Menschheitsexperiment, in dem eine wissenschaftliche Elite am Homo sapiens manipuliert und ethische Basiskonflikte ausficht, entstand schon lange vor Corona. Insofern waren Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka mit ihren WL/+LL Laboratories eigentlich früher dran als zum Beispiel Dmitri Tcherniakov, der an der Berliner Lindenoper den „Ring“ ebenfalls zum Science Thriller machte. Schon in der Saarbrücker „Rheingold“-Premiere im September 2022 zeichnete sich ab, dass mit einer Besetzung überwiegend aus dem eigenen Ensemble unter GMD Sébastien Rouland die existenziellen Fragen zur Gegenwart und nahen Zukunft mit orchestraler Feinheit und viel Lyrizismus erörtert werden. Auf einige verstörte Buhs nach dem ersten Akt endete die Premiere mit rückhaltloser Begeisterung und Applausexplosionen.

Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater
Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater

Götter mit weißen Kitteln und Spritzbesteck

Die Lichtalben tragen auch in „Die Walküre“ weiße Kittel, notieren auf Plexiglas-Ipads Untersuchungsergebnisse, hantieren mit Injektionsspritzen und geraten in Panik, wenn die Androiden anders agieren als programmiert. Dabei proben die Walküren nicht einmal den Aufstand. Bekanntermaßen ist Wotans von Wagner mit beträchtlichen Text- und Monologfluten dargestellter Wille das Entstehen einer bedingungslos freien Nachkommenschaft, welche trotzdem die Interessen ihres Schöpfers ausficht. Dieses Dilemma, welches das 1870 in München uraufgeführte und beliebteste „Ring“-Teilstück in dramatischer Hochspannung hält, haben Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka mit Schärfe, aber ohne Anspruch auf konzeptionelle und moralische Gewissheiten in Szene gesetzt. Also geht es im großen Disput von Wotan und seiner Frau Fricka weniger um die Sühnung eines vormodernen Strafbestands wie Ehebruch als um Blutschande als genetisches Dynamit im Labor und ethische Konflikte bei Fragestellungen über das menschliche Genom. Dabei sind die Götter – erkennbar am uniformen Platinblond – offenbar selbst bereits eine frühe Optimierungsstufe und wollen nur das Beste für den Arterhalt.

Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater
Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater

Brünnhildes (künstliche) Intelligenz

Wie in Wagners Dichtung scheitert Wotans Plan in „Die Walküre“ in zwei Stufen. Zum einen durch die Liebe der Zwillinge Siegmund und Sieglinde, welche den moralischen Weltenplan erschüttert und deshalb gewaltsam gestoppt werden muss. Hier liegen die Zwillinge in zwei Schlafzellen an Drähten und sind noch erschöpft von einem Mind Uploading. Dieses gibt ihnen ein paralleles Gedanken-Inneres und treibt die beiden noch mehr zueinander als ihre manipulierte Erzeugung am Ende von „Das Rheingold“. Später floppt auch noch Wotans Walküren- und Brünnhilde-Projekt. Denn die (künstliche) Intelligenz Brünnhildes übertrifft, seit sie Wotan im Schach schlägt, die ihrer menschlichen Schöpfer. Es ist einfach gefährlich, wenn der Android Brünnhilde richtig denkt und deshalb die zum aktuellen Stand der Zivilisation falschen Schlüsse zieht. Die Walküren und Brünnhilde wandern beim Feuerzauber vorerst in die Abstellkammer des Labors, weil die nächste, aus ihnen recycelte Androiden-Generation B dümmer und devoter programmiert werden soll.

Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater
Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater

Statt Speer und Schwert gibt’s einen DNA-Stamm in der Schauvitrine

Eine Story also wie für die Digitale Sparte des Staatstheaters Nürnberg. Das, was Szemerédy und Parditka auf die Bühne bringen, ist dabei mindestens ebenso spannend. Aber statt mit moralischem Exhibitionismus agieren sie objektiv und mit feinsinniger Gelassenheit. Sie geben nicht vor, klüger zu sein und stellen deshalb wie Wagner mustergültige Fragen zum nicht gerade ungefährlichen Ist-Zustand einer Gesellschaft im Wandel. Es gibt keinen Speer, kein Schwert, wohl aber etwas anders funktionalisierte Beruhigungsmittel, einen DNA-Stamm in der Schauvitrine und ein offenbar evolutionär modifiziertes Skelett. Die zunehmend rebellischen Androiden erkennt man an Leuchtdioden und – sofern es Eingriffe von außen gibt – am gequälten Griff ihrer Hände an den Nacken. Im Kampf gegen die Androiden hält hier die sonst ziemlich streitbare Gemeinschaft der Wissenschaftler noch zusammen.

Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater
Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater

Fricka und ihr genetisches Double Waltraute

„War Ist Wird“ orakeln Wort- und Buchstabenornamente in klarem Funktionsdesign auf den Wänden. Nicht nur das schafft eine Beziehung zu Wagners Zerfalls- und Entwicklungsprozesse in mehreren Zeitebenen modellierender Musik. Selbst wenn sich das Wissenschaftsteam auch in der „Walküre“ an die Gesundheitstipps Freias hält (pantomimische Hauptrolle und Höhentorpedo im Walküren-Oktett: Elizabeth Wiles) und regelmäßig Äpfel isst, sitzt Staub in den Ritzen. Hinter den Monitoren für digitale Kurvenprotokolle sieht man neben Plastiksäcken für Organreserven kalten Beton. Die Labor-Luft wird allmählich dick, aber nach wie vor arbeiten Loge, Doktor Hunding (angemessen trocken statt toxisch: Hiroshi Matsui), Fricka und ihr genetisches Double Waltraute äußerst konzentriert.

Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater
Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater

Wagner-Feinschliff mit Sängerfest

Das einzige Paradox des Abends ist, warum die Androiden mit ihrem synthetisch generierten Intelligenz-, Gefühls- und Hormonhaushalt weitaus emotionalere, affektiertere und berückendere Musik haben als die verbliebenen Menschen mit ihrem ent-emotionalisierten Teamgeist. Man hört Wagners hier verführerisch schöne Klangfarbendramaturgie mit an Höhepunkten ins Nervöse getriebener Hochspannung. Das Saarländische Staatsorchester glänzt mit einer Fülle kammermusikalischer Details, Sébastian Rouland entfesselt beim Androiden-Notschlachten im Feuerzauber melodische Lava. Wenn Thomas Johannes Mayer als Wotan an einem kleinen Plexiglastisch sitzt und Brünnhildes Leuchtdioden das geschichtliche Datenmaterial aufsaugen, ist das ein ganz großer Moment. Ein weiterer, wenn Fricka als Ethik-Beauftragte die Versuchsnotbremse zu ziehen versucht (stark: Judith Braun). Der Bewegungschor und die Walküren haben umfangreiche Aufgaben im Androidenpark. In der Liebesszene von Siegmund und Sieglinde macht sonst oft musikalischer Rausch vergessen, dass diese Ekstase Resultat eines strategischen Kalküls ist. Hier zappeln die mental aufgepoppten Genkonstrukte an medizinischen Schläuchen, werden mit manipulierten Hirnströmen zueinander getrieben. Verständlich, dass Teile des Publikums die Szene mit Buhs bedachten.

Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater
Szenenbild aus „Die Walküre“ am Saarländischen Staatstheater

Triumph der subtilen Genauigkeit und berührenden Details

Peter Sonn als Siegmund und Viktorija Kaminskaite haben durch die Umdeutung ihres Erkennensmoments den Vorteil, dass sie die große Szene weniger selbstvergessen als mit lyrischer Bewusstheit und vokalem Feinsinn durchmessen. Als Brünnhilde agiert und singt Aile Asszonyi ebenbürtig: Glanzvoller Stimmstrahl und hohe Bewusstheit in der Dialogführung zeichnen diese „Walküre“ aus. Asszonyi und Mayer hätten die Kraft und Kondition für lautere und straffere „Ring“-Lesarten. Aber hier hört man einen Triumph der subtilen Genauigkeit und berührenden Details. Der Wissenschaftsthriller und halbe Science fiction forderte dazu heraus, Wagners Partituren in Saarbrücken besonders genau zu lesen. Mit einem kammermusikalisch leuchtenden Resultat, das grobe Wirkungen und Lärm verschmäht. „Siegfried“ folgt ab Februar 2025.

Saarländisches Staatstheater
Wagner: Die Walküre

Sébastien Rouland (Leitung), Alexandra Szemerédy, Magdolna Parditka (Regie, Bühnenbild & Kostüme), Benjamin Wäntig (Dramaturgie), Leonard Koch (Video), Thomas Roscher (Licht), Peter Sonn, Ingegjerd Bagøien, Moe Viktorija Kaminskaite, Hiroshi Matsui, Thomas Johannes Mayer, Aile Asszonyi, Magdalena Anna Hofmann, Judith Braun, Elizabeth Wiles, Liudmila Lokaichuk, Merit Nath-Göbl, Judith Braun, Maria Polańska, Valda Wilson, Joanna Jaworowska, Clara-Sophie Bertram, Carmen Seibel, Statisterie des Saarländischen Staatstheaters, Saarländisches Staatsorchester




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