Welch ein Privileg ist es doch für jeden klassischen Musiker, wenn die Musik höchstselbst – hier verkörpert durch das Mannheimer Ensemblemitglied Shachar Lavi – nicht nur von den Höhen des Helikon und dem Quell des Permessos herabsteigt, um von der nun folgenden, einzigartigen Geschichte des so entschlossenen wie tragisch an sich selbst scheiternden Titelhelden Orfeo zu berichten, sondern dabei jedes Instrument – jeden Zink, jede Posaune, die Harfe, das Cembalo – liebevoll würdigt und der Erzählung Vers für Vers ein charaktervolles Eigenleben einzuhauchen versteht. Regisseur Markus Bothe lässt für seine Inszenierung von „L’Orfeo“, der zweiten Opernproduktion der Schwetzinger SWR Festspiele, die Grenzen zwischen Beobachter und Akteur verschwimmen: Publikum, Orchester, La Musica und die Figuren dieses ursprünglichen Mythos bilden einen fließenden Übergang, der im kleinen, traditionsreichen Schlosstheater von Schwetzingen, einem der ältesten Europas, fast notwendig erscheint. Ein üppigeres Instrumentarium zusätzlich zu den vielen Darstellern fände da nicht genug Platz – und gerade deshalb funktioniert das so überzeugend.

Wenn die Bilder erwachen
Bothes Bühnenbild spielt mit jenem Geist, aus dem heraus Claudio Monteverdis musikhistorisch frühes Meisterwerk geboren wurde, und eröffnet mit einem üppig überfüllten Tableau vivant im Stil von Sandro Botticellis „Primavera“, Sinnbild sorgloser Idylle und immerwährenden Glücks, vor dem die Musik nun als Museumswärterin wacht. Das Publikum wird zum Betrachter dieser musealen Szenerie, in die nun auch der nicht minder unbeschwerte Orfeo – bei den Festspielterminen Julian Prégardien – hineinstolpert und aus der Hirten und Nymphen heraustreten, um mit ihm zu feiern, zu lieben und schließlich, nach dem schicksalhaften Schlangenbiss Euridices, zu leiden. Bothe zwingt dem Werk kein enges Regiekonzept auf, sondern versteht sich als stringenter Erzähler mit präzise gesetzten Bildern: Ein Stillleben mit Totenkopf, Sanduhr, zerbrochenem Glas und morbidem Renaissanceporträt, in dem Plutone und Proserpina thronen, markiert die Schwelle zur Unterwelt.

Die vierte Wand durchbrechen
Für die Unterwelt hebt sich der Museumsvorhang, und der Blick fällt in die nebulöse, verlorene Dunkelheit des weitläufigen Bühnenraums, in dem kleine Spiegel das Licht brechen und die Posaunen des Ensembles – zuvor mehrchörig von den Balkonen herab – nun aus fernen Tiefen erschallen. Gedanklich reizvoll wäre es, ließe man Orfeo nicht aus Sehnsucht zurückblicken, sondern am Spiegelbild Euridices scheitern; für das stark am charaktervollen Gesang orientierte Spiel bleibt dies jedoch zweitrangig. Gegen Ende wird der rastlose Held von Apoll erlöst – nicht als Sternbild, sondern von den Hirten und Nymphen, nunmehr Museumsbesucher, als sein eigenes, an die Wand geheftetes und zum Schweigen gebrachtes Kunstwerk. In der Titelpartie legt Julian Prégardien die Messlatte hoch: mit enormen dynamischen Reserven, gestalterischer Lust und der Bereitschaft, seiner Stimme mit Häme, Verwunderung und Lebensfreude scharfe Konturen zu geben.

Starke Hauptrolle, noch stärkere Ensembleleistung
Dennoch verrät die knappe Probenzeit mit dem Ensemble bisweilen unsichere Bewegungen, was einen leicht artifiziellen Beigeschmack hinterlässt. Ausdrucksstark brilliert Shachar Lavi, deren Koloraturen und Madrigalismen – jene musikalisch präzis ausgelegten Wortdeutungen – ebenso feinsinnig wie nuancenreich gestaltet sind; sie empfiehlt sich als barockes Leuchtfeuer des Hauses. Auch Ruth Häde, bereits sehr präsent als Sesto in der letztjährigen „Giulio Cesare“-Produktion, überzeugt als willensstarke Proserpina, während Ilya Lapich als Apoll Leichtigkeit und Grandezza verbindet. Ilja Aksionov aus dem internationalen Opernstudio verleiht einem der Hirten profilierte Kontur über das Maß der austauschbaren Figur hinaus. Dirigent Jörg Halubek setzt mit seinem Ensemble Il Gusto Barocco ganz auf stringente, klar konturierte Erzählung ohne extrovertierte Geste und orchestrale Überzeichnung – eine im kompakten Raum schlüssige Entscheidung, die den Verzicht auf farbenreichere Exzentrik und spritzige Exotik hörbar kompensiert.
Schwetzinger SWR Festspiele/Nationaltheater Mannheim
Monteverdi: L’Orfeo
Jörg Halubek (Leitung), Markus Bothe (Regie), Robert Schweer (Bühne), Justina Klimczyk (Kostüme), Damian Chmielarz (Licht), Alistair Lilley (Chor), Julian Prégardien, Shachar Lavi, Amelia Scicolone, Marie-Belle Sandis, Nathanaël Tavernier, Ruth Häde, Thomas Berau, Ilya Lapich, Yaara Attias, Ilja Aksionovas, Raphael Wittmer, Herrenchor des Nationaltheaters Mannheim, Il Gusto Barocco
Do., 04. Juni 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Monteverdi: L’Orfeo
Julian Prégardien/Valerio Contaldo (Orfeo), Nathanaël Tavernier (Caronte), Thomas Berau (Plutone), Ilya Lapich (Apollo), Shachar Lavi (La Musica), Amelia Scicolone (Euridice), Marie-Belle Sandis (Messaggera), Herrenchor des Nationaltheaters Mannheim, Il Gusto Barocco, Jörg Halubek (Leitung), Markus Bothe (Regie)
Sa., 06. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Monteverdi: L’Orfeo
Julian Prégardien/Valerio Contaldo (Orfeo), Nathanaël Tavernier (Caronte), Thomas Berau (Plutone), Ilya Lapich (Apollo), Shachar Lavi (La Musica), Amelia Scicolone (Euridice), Marie-Belle Sandis (Messaggera), Herrenchor des Nationaltheaters Mannheim, Il Gusto Barocco, Jörg Halubek (Leitung), Markus Bothe (Regie)
So., 07. Juni 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Monteverdi: L’Orfeo
Julian Prégardien/Valerio Contaldo (Orfeo), Nathanaël Tavernier (Caronte), Thomas Berau (Plutone), Ilya Lapich (Apollo), Shachar Lavi (La Musica), Amelia Scicolone (Euridice), Marie-Belle Sandis (Messaggera), Herrenchor des Nationaltheaters Mannheim, Il Gusto Barocco, Jörg Halubek (Leitung), Markus Bothe (Regie)
Fr., 12. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Monteverdi: L’Orfeo
Julian Prégardien/Valerio Contaldo (Orfeo), Nathanaël Tavernier (Caronte), Thomas Berau (Plutone), Ilya Lapich (Apollo), Shachar Lavi (La Musica), Amelia Scicolone (Euridice), Marie-Belle Sandis (Messaggera), Herrenchor des Nationaltheaters Mannheim, Il Gusto Barocco, Jörg Halubek (Leitung), Markus Bothe (Regie)
Sa., 13. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Monteverdi: L’Orfeo
Julian Prégardien/Valerio Contaldo (Orfeo), Nathanaël Tavernier (Caronte), Thomas Berau (Plutone), Ilya Lapich (Apollo), Shachar Lavi (La Musica), Amelia Scicolone (Euridice), Marie-Belle Sandis (Messaggera), Herrenchor des Nationaltheaters Mannheim, Il Gusto Barocco, Jörg Halubek (Leitung), Markus Bothe (Regie)





