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Opern-Kritik: Semperoper Dresden – Dialogues des Carmélites

Die Angst endet nie

(Dresden, 31.1.2026) An der Dresdner Semperoper feiern Francis Poulencs „Dialoge der Karmelitinnen“ als Import aus Zürich ihre bejubelte Premiere. Musikalisch bleiben keine Fragen offen, szenisch schon – aber das ist eher eine Stärke der Produktion, die sich niemand entgehen lassen sollte.

vonChristian Schmidt,

Das Opernpublikum war schon immer in zwei Lager geteilt: Je eindeutiger die Charaktere und je eindimensionaler die Botschaften der verhandelten Konflikte, desto größer mag bei Hedonisten der Genuss des Abtauchens aus dem Alltag sein. Dann gibt es aber auch jene, die nach Denkanstößen und Erkenntnis dürsten, und für sie sind die Stücke mit doppelten Böden ideal, deren Botschaften sich nicht so leicht erschließen lassen, die sozusagen Hausaufgaben mit auf den Weg geben. Aus dieser Charge stammen „Dialogues des Carmélites“, Francis Poulencs „Dialoge der Karmelitinnen“, die nun als Eins-zu-eins-Import aus Zürich erstmals in der Dresdner Semperoper zu sehen sind.

Eine wahre Geschichte

Nach einer wahren und mehrfach literarisch wie filmisch adaptierten Begebenheit verhandelt das Libretto des Komponisten das Schicksal karmelitischer Nonnen kurz nach der Französischen Revolution, die wegen ihrer Glaubensfestigkeit als Zeichen ihrer „konterrevolutionären Treue“ zum Establishment der den Adel stützenden Kirche zum Tode verurteilt werden. Ihr Martyrium-Gelübde, freiwillig unter dem Eindruck des Mobs abgelegt, verpflichtet sie, sich lieber erhobenen Kopfes der Guillotine zu opfern, als verräterisch zu fliehen.

Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“
Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“

Charakterliche Diversität der Ordensschwestern

Spannend macht diesen auf den ersten Blick vermeintlich banalen geistlichen Heroismus in der Bühnenadaption vor allem die musikalische wie charakterliche Diversität der Ordensschwestern. In der Erfindung gesellt sich ihnen die Novizin Blanche zu, die zeitlebens unter Todesangst leidet, weil ihre Mutter bei der Geburt verstorben ist. Wohlstandsverwahrlost im Rokoko-Schloss aufgewachsen, versucht sie im Kloster erfolglos, ihrer Angst zu entfliehen. Damit wird sie ungewollt zum Spiegelcharakter der Oberin Madame de Croissy, die im Angesicht ihres unwürdigen Todes und aller Gebetsstrenge zum Trotz („Gott prüft nicht die Stärke, sondern die Schwäche“) ihrer eigenen verdrängten Todesangst anheim- und darüber sogar in blasphemischen Wahn verfällt.

Gruppendynamischer Zwang

Dieses Grundmotiv der Angst, gespiegelt auch in der Biographie des Komponisten, zieht sich durch das gesamte Werk, aber dominiert es nicht. Vielmehr schwebt dieses vielleicht stärkste aller Gefühle in beständiger Wechselwirkung mit aufrechter Glaubenstreue und allzu menschlichen Verhaltenskodizes wie Machtmissbrauch und Konformität in einer geradezu toxischen Trias. Dass die Ordensschwestern letztlich fast ausnahmslos durch gruppendynamischen Zwang zu ihrem Gelübde finden, spiegelt letztlich nur die Wut der selbsternannten Revolutionäre, die ihre einst hehren Ideale in nur fünf Jahren längst zum Dogma blinder Gewalt gemacht haben.

Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“
Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“

Die Partitur als roter Faden der Regie

Es ist interessant, dass die vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten in diversen Ankündigungen, Programmhefttexten und Vorabinterviews immer wieder einander ablösen und überlagern, so dass der Eindruck entstehen könnte, Regisseurin Jetske Mijnssen habe für ihre Deutung den roten Faden nicht zu fassen bekommen. Tatsächlich aber ist ihr roter Faden schlicht die Partitur, erzählt sie im zeitlosen und schnell wandelbaren Bühnenrahmen von Ben Baur die Geschichte, wie sie dasteht – selten genug im Regietheater unserer Zeit.

Dass manches dabei offenbleibt, ist also eher eine Stärke der Produktion. Die wirft ja nicht zuletzt die existenzialistische Frage auf, inwiefern wir bereit sind, das Schicksal anzunehmen, wie es ist – ob nun mit oder ohne theologischen Kitsch, den man der Stückvorlage vielleicht vorwerfen könnte. Welches Gefühl leitet uns wirklich? Sind Aufrichtigkeit und Prinzipientreue in unserer Welt individualistischer Selbstoptimierung wirklich aus der Mode? Gibt es denn wirklich nichts, was uns Orientierung geben kann? Und wenn doch – wie gefährlich ist das für alle anderen? Wie verheerend nah stehen wir dann vor neofaschistischer Gleichmacherei?

Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“
Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“

Herrlich schillernder Orchesterfarben

Fernab pädagogischer Holzhämmer wird schnell klar, dass Theater dann überzeugt, wenn es so relevant ist und noch dazu so herausragend künstlerisch umgesetzt wird. Französisches Repertoire, nach dazu dieses 1956 in der Hochzeit der Seriellen Musik trotzdem weitgehend tonal entstandene Werk, gilt nicht unbedingt als Spezialität der Sächsischen Staatskapelle, die dennoch unter der Leitung der höchst agilen Marie Jacquot mit wunderbaren Soli in herrlich schillernden Farben erblüht. Die Dirigentin arbeitet Poulencs schroffe Wechsel aus harter Akzentuierung und lyrischem Porträtieren großartig heraus, könnte vielleicht noch etwas mehr Augenmerk auf dynamische Differenzierung lenken.

Bei den Solistinnen ist allen voran natürlich Evelyn Herlitzius als alte Oberin zu nennen, die ihrer Figur stimmlich wie darstellerisch all die Widersprüchlichkeit zu verleihen vermag, dass man glauben könnte, diese großartige Sängerin wäre wirklich diese Figur. Aber auch die Ordensschwestern selbst, angeführt von Marjukka Tepponen als Blanche, glänzen durch höchst individuelle Charaktere – auch für ein Opernhaus dieser Größe eine Herausforderung, derart viele Frauenrollen gleichzeitig auf höchstem Niveau aufzubieten. Auch der bestens präparierte Staatsopernchor versteht sein Handwerk, bei aller Konformität trotzdem als Gruppe von Individuen bis zum gemeinschaftlichen Exitus wahrnehmbar zu bleiben.

Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“
Szenenbild aus „Dialogues des Carmélites“

Lebhafte Debatten in der Straßenbahn nach Hause

Ihren eindrucksvollsten Moment hat die Oper denn auch im Finale, als die Schwestern mit einem „Salve Regina“ auf den Lippen zum Schafott gehen, wobei sich der von der Guillotine durchbrochene balsamische Klang immer mehr ausdünnt, je mehr Köpfe fehlen, bis die Dialoge im wahrsten Sinne des Wortes verstummen und in einem trockenen Pianissimo-Akkord in der schon bei Bach und Beethoven „tragischen“ Tonart c-Moll enden. Wenn die Stille danach dann auch die Hedonisten im Publikum erschlagen zurücklässt und hernach lebhafte Debatten in der Straßenbahn nach Hause befeuert, wird klar: Das Stück sollte sich niemand entgehen lassen.

Semperoper Dresden
Poulenc: Dialogues des Carmélites

Marie Jacquot (Musikalische Leitung), Jetske Mijnssen (Regie), Ben Baur (Bühne), Gideon Davey (Kostüme), Lillian Stillwell (Choreographie), Frank Even (Licht), Jan Hoffmann (Chor), Kathrin Brunner & Dorothee Harpain (Dramaturgie), Marjukka Tepponen (Blanche), Evelyn Herlitzius (Madame de Croissy), Rosalie Cid (Constance), Michael Kraus (Le Marquis de la Force), Sächsischer Staatsopernchor, Sächsische Staatskapelle Dresden





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