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Opern-Kritik: Staatsoper Unter den Linden – Chowanschtschina

Zar Peter ante portas

(Berlin, 2.6.2024) An der Staatsoper Unter den Linden kam jetzt mit vier Jahren Verspätung Modest Mussorgskis „Chowanschtschina“ in der Inszenierung von Claus Guth mit Simone Young am Pult auf die Bühne. Als Geschichtsdiskurs auch über die russische Gegenwart.

vonJoachim Lange,

Natürlich ist Modest Mussorgskis Opernunikum „Chowanschtschina“ vor allem ein Geschichtsdiskurs. Also auch einer über die russische Gegenwart. Wenn die Handlung einsetzt, ist der als der Große in die (auch Opern-) Geschichte eingegangene Peter Romanow schon am Leben. Aber noch lange nicht der vom Großfürsten und Zaren zum Kaiser aufgestiegene Herrscher an der Macht. Auch seine Körpergröße von über zwei Metern hat er noch nicht erreicht. Die wird in der Inszenierung von Claus Guth an der Berliner Staatsoper Unter den Linden aber immer wieder mal vermessen und mit einem Kreidestrich an der Wand markiert.

Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden

In einem Arbeitszimmer des Kreml an einem Schreibtisch

Ein direkter Bezug zur Gegenwart wurde in den vier Jahren, in denen die Oper pandemiebedingt verschoben werden musste, natürlich unumgänglich. Bei Guth, Christian Schmidt (Bühne) und Ursula Kudrna (Kostüme) beginnt und endet alles in einem Arbeitszimmer des Kreml an einem Schreibtisch, der vor einem Standbild Peter I. platziert ist. Da ein Bediensteter auch einen Hundenapf mit Futter füllt, ist (nach Putins unsäglichem Hundestresstest mit der deutschen Kanzlerin) ziemlich klar, wer hier residiert. 

Zwischen dem umfangreichen Personal von Mussorgskis Gesichtspanorama zwischen rebellischen Strelizen, ehrgeizigen Bojaren und gläubigen Volksmassen und nicht zuletzt der Kirche wird dieser Zar im Wartestand gleichsam immer mehr zu einem Hoffnungsträger, auf den die Sehnsucht nach Größe projiziert wird. Bei Guth taucht er in drei verschiedenen Größen bzw. Lebensaltern als tatsächliche Person auf. 

Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden

Die Sehnsucht nach der starken Hand

Außerdem wird der Abfolge der Szenen aus dem historischen Russland eine Truppe von heutigen Forschern in Laboranzügen beiseitegestellt. Es sollen wohl Historiker sein, die sozusagen im Auftrag des Kreml herausfinden sollen, warum es einer starken Hand wie der von Peter dem Großen bedurfte, um damals wie heute (!) Ordnung in das Chaos der russischen Geschichte zu bringen. In einem von Roland Horvath beigesteuerten Video, das die Klage von Schaklowity illustriert, die er im dritten Akt über das schwere Schicksal von Mütterchen Russland anstimmt, sind zwischen die historischen Russlandbilder auch einige Aufnahmen montiert, die knüppelnde Polizei von heute zeigt. Darüber hinaus hält sich Guth mit einer oberflächlichen Aktualisierung wohltuend zurück. Vor allem die Kostüme spielen historische Opulenz aus. Eingeblendete Informationen zu den einzelnen Figuren nimmt man freilich als Orientierungshilfe im Gestrüpp des Personaltableaus dankbar zur Kenntnis. 

Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden

Suggestion durch Klarheit

So wie sich Claus Guth einer direkten Überschreibung der historischen Episoden durch deren Einrahmung entzieht, versucht auch Simone Young mit der Staatskapelle Berlin für eine Suggestion durch Klarheit zu sorgen. Eine, die die Stimmen blühen lässt und auf den dunkel leuchtenden Zauber von Mussorgskis Musik in der Instrumentierung von Dmitri Schostakowitsch mit dem Schluss von Igor Strawinsky setzt. So kommen die marodierenden Strelitzen, die Intrigen der politisch Mächtigen und der ambitionierten Kirchenmänner im Kampf um die Macht, aber auch die volkstümlich zupackenden Sauflieder bis hin zur pathetischen Selbstverbrennung von fanatischen Altgläubigen musikalisch zu ihrem Recht. Es gibt jedenfalls viel von dem, was man hierzulande so für russische Seele hält. Außerdem hat die Staatsoper Berlin das Dutzend wichtiger Rollen durchweg exzellent besetzt. Von Mika Kares, als ein vokal und darstellerisch wuchtiger Iwan Chowanski und Najmiddin Mavlyanov als dessen Sohn Andrei, über Taras Shtonda als Dossifei und Georg Gagnidze als Bojar Schaklowity bis zu der wunderbar mezzosatt strömenden und berührend gestaltenden Marina Prudenskaya als Marfa.

Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden
Szenenbild aus Mussorgskis „Chowanschtschina“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden

„Chowanschtschina“: ein musikalisches und szenisches Unikum

Nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch bleibt Mussorgskis „Chowanschtschina“ jedoch eine Herausforderung. Es ist ein musikalisches und szenisches Unikum, das mehr auf Szenen als auf eine durchgängige Handlung setzt, nicht nur ohne eine echte Liebesgeschichte, sondern auch ohne eine klar strukturierte Handlung auszukommen versucht. Mit dem Untergang der Altgläubigen, die ihre Selbstverbrennung zelebrieren, ist der Blick auf die Bühne wie der in einen Abgrund der Geschichte. Dass der auch auf uns blickt, hat leider nicht nur was mit dieser Oper zu tun, sondern mit dem Gegenstand, den sie behandelt. So wie das Stück in Berlin auf die Bühne kommt und musikalisch umgesetzt wird, übt „Chowanschtschina“ eine Faszination aus, die zum Weiterdenken anregt. 

Staatsoper unter den Linden
Mussorgski: Chowanschtschina

Simone Young (Leitung), Claus Guth (Regie), Christian Schmidt (Bühne), Ursula Kudrna (Kostüme), Olaf Freese (Licht), Sommer Ulrickson (Choreographie), Roland Horvath (Video), Dani Juris (Chor), Yvonne Gebauer & Rebecca Graitl (Dramaturgie), Mika Kares, Najmiddin Mavlyanov, Stephan Rügamer, George Gagnidze, Taras Shtonda, Marina Prudenskaya, Evelin Novak, Andrei Popov, Anna Samuil, Roman Trekel, Andrés Moreno García, Taehan Kim, Friedrich Hamel, Dmitri Plotnikov, Staatsopernchor, Kinderchor der Staatsoper, Staatskapelle Berlin



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