Opern-Kritik Theater Altenburg-Gera – Die Passagierin

Grausame Erinnerungen

(Gera, 10.03.2019) Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“ bildet den Höhepunkt des Zyklus „Wider das Vergessen“ des Theaters Altenburg-Gera.

© Ronny Ristok

Szenenbild aus „Die Passagierin“

Die Passagierin/Theater Gera

Der Zyklus „Wider das Vergessen“ des Theaters Altenburg-Gera beinhaltet Produktionen des Musicals „Cabaret“ und eine Wiederaufnahme von Udo Zimmermanns „Weiße Rose“, im Mai folgt Victor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“. Soeben erschienen ist die Weltersteinspielung „Hebräische Kammeropern“ („Saul in Ein-Dor“ von Josef Tal und „Die Jugend Abrahams“ von Michail Gnesin) nach einer weithin beachteten Aufführungsserie in der Geraer Bühne am Park vor einem Jahr. Höhepunkt des Zyklus bildet Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“. Vorausgegangen war im vierten Konzert als erster Beitrag zum 100. Geburtstag ihres Komponisten.

Erinnerungskultur

Nach der szenischen Uraufführung 2010 bei den Bregenzer Festspielen folgten Produktionen von „Die Passagierin“ in Karlsruhe, Frankfurt am Main, Dresden und Gelsenkirchen. Überall hinterließ die Oper nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman „Pasażerkavon“ von Zofia Posmysz einen tiefen, wenn nicht sogar erschütternden Eindruck: Auf einer Schiffsreise nach Brasilien glaubt die Deutsche Anna-Lisa Franz in einer Passagierin eine ehemalige Gefangene in Auschwitz, wohin Lisa unfreiwillig als KZ-Aufseherin rekrutiert wurde, zu erkennen. Die so sorgfältig verdrängten Schatten der Vergangenheit greifen an, die Gegenwart von 1960 und das Lagerleben vor 1945 mit seinen unzähligen Grausamkeiten verschwimmen.

Als die Passagierin Marta beim Tanzorchester des Schiffes genau jenen Walzer bestellt, der in Auschwitz das Lieblingsstück des Lagerkommandanten war, scheint die Identitätsgleichheit für Lisa gewiss. Das Ende bleibt nach einem langen duellierenden Blickwechsel der beiden Frauen offen. Marta widmet im Epilog „Am Fluss“ ihren Schlussgesang den Gemordeten: „Ich werde euch nie vergessen.“

© Ronny Ristok

Szenenbild aus „Die Passagierin“

Die Passagierin/Theater Gera

Mieczysław Weinberg machte es sich zur Lebensaufgabe, den Untergang seiner Angehörigen in Konzentrationslagern mit seiner Musik zu erinnern und zu bewältigen. Das Geheimnis der intensiven Nachwirkung seiner Oper liegt darin, dass er Lisa nicht verteufelt, in den ausgedehnten parallelen Lagerszenen die auskomponierte Depression scheut. Melancholie und die Endlosschleife der Torturen werden von seiner Musik kommentiert, aber nicht illustriert. Meistens sind es freitonale Strukturen, in denen sich die sparsamen Klänge der Auschwitz-Bilder entwickeln. Lange getragene Töne, häufiger weich als expressiv sich zueinander tastende Rezitative. Die Diktion der expressiv starken, fast überhitzten Lisa dominiert.

Kein Entrinnen aus der existenziellen Bedrohung

© Ronny Ristok

Szenenbild aus „Die Passagierin“

Die Passagierin/Theater Gera

In der direkten Akustik des Theaters Gera gibt es kein Entrinnen vor der Gewalt dieses Sujets und seines historischen Hintergrunds. Beim Einlass und in der Pause sieht man auf dem Portalvorhang eine graue, eiskalt deutliche Projektion von Rauch. Am Ende zieht eine Unzahl von Namen mit ihren Geburts- und Sterbetagen im Konzentrationslager Auschwitz vorbei. Weiß auf Schwarz, in quälend harter Langsamkeit. Schon der Gedanke daran, dass das in der Oper dargestellte Leid und der aus Verdrängungen erwachsene Konfliktstoff in einer kaum nennbaren Vielzahl durchlebt wurde, erregt Übelkeit. Selbst ohne diesen Epilog hätte die Aufführung bemerkenswerte Dichte und affektiv starke, weil unsentimentale Eindringlichkeit. GMD Laurent Wagner mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera und Generalintendant Kay Kuntze auf der Bühne schaffen eine Atmosphäre von düster-beklemmender und dabei weicher, gefährlicher Starre.

Die verrosteten Wandflächen, die Lagerkleidung, die sich in Verzweiflung und manchmal mit verhaltener Aggression aneinander klammernden Insassinnen übertragen gerade deshalb so starke Intensität, weil Kuntze auf nahezu alle überdeutlichen Grausamkeiten verzichtet. Rohe Gewalt äußern nur die drei SS-Männer und die sich schier heißer brüllende Oberaufseherin.

Miriam Zubieta, Juliane Bockshagen und alle anderen Sängerinnen in den Rollen der ihrem Tod sekündlich ins Auge blickenden Opfer finden zu einer starken Ensembleleistung zusammen. Lisas Kontrahentin Marta, die in der von Lisa ermöglichten Begegnung mit ihrem Geliebten Tadeusz, dem Alejándro Lárraga Schleske die männlich starke Vokallinie im Lager lässt, gerät dadurch allerdings ins Hintertreffen. Kuntze und Wagner verschieben sogar in den Lager-Szenen den Schwerpunkt auf die Aufseherin Lisa.

Foltern aus der Vergangenheit

Das liegt auch an deren Ehemann Walter: János Oscovai spielt ihn als distanzierte und aalglatte Nichtpersönlichkeit, die sich auf keinen Fall die aussichtsreiche Diplomatenkarriere in Brasilien verhageln lassen will und deshalb auf Lisas Enthüllungen in bedrücktes, sie noch mehr bedrückendes Schweigen fällt. Mit seiner packenden Sängerdarstellerin Annette Schönmüller macht Kuntze die Steigerung von der vagen Vermutung, die Lisa bei der ersten Begegnung mit der vermeintlichen Marta auf dem Schiff hat, hinein in den Verdacht, die Verlustängste und dann in den doch aufflammenden Widerstandsgeist zum Mittelpunkt des Abends.

Man erkennt in Lisas verstehbarer Verworrenheit den zerberstenden Pragmatismus, aber auch das Leid nach dem jahrelangen Verdrängen. Ihr kalkulierter, dabei verkrampfter Verführungsakt, um die Liebe und Wertschätzung ihres Mannes zurückzugewinnen, zeigt Kampfbereitschaft. Das Schiff, in Martin Fischers Bühnenbild die nach außen weisende Schale des Konzentrationslagers, wirkt hell, denkbar einfach und begnügt sich mit Andeutungen. Alles ist bedroht und infiziert von der Begegnung mit der unauslöschlichen Vergangenheit.

Musiktheater als Forum für politische Bewusstmachung

© Ronny Ristok

Szenenbild aus „Die Passagierin“

Die Passagierin/Theater Gera

Weinbergs Musik treibt die Hörer aber nicht zum Tribunal über die Figuren. Wenn Martas Geliebter Tadeusz mit seiner Violine, die am Ende zerbrochen auf dem Boden liegt, vor dem Lagerkommandanten Bachs „Chaconne“ aus der zweiten Partita BWV 1004 spielt, wird das zu einem menschlichen Plädoyer. Lisa bleibt allein und es gibt offenbar keine Lösung für sie, die ihre Vergangenheit vergessen will und im durch die Bedrohung ausgelösten Rückblick dennoch von Marta Dankbarkeit fordert. Alexander Medwedew lässt in seinem Textbuch einiges offen.

Sieben Sprachen, unter anderem Hebräisch und Deutsch, finden in „Die Passagierin“ Verwendung. Doch keine von diesen kommt der im Rückblick verfließenden und von den Figuren nie zur Gänze ausgesprochen Wahrheit ganz nahe. Marta hat am Ende das längste und von Anne Preuß bewegend gesungene Solo. Denn die Titelfigur bleibt jener Vergangenheit verbunden, die Lisa überwinden will. Einmal mehr beweist das Theater Altenburg-Gera, dass Musiktheater als Forum für politische Bewusstmachung noch lange nicht am Ende ist. Die Leistung des Opernchors unter Gerald Krammer hat daran einen bedeutenden Anteil.

Theater Gera
Weinberg: Die Passagierin

Laurent Wagner (Leitung), Kay Kuntze (Regie), Martin Fischer (Bühne & Kostüme), Gerald Krammer (Chor), Annette Schönmüller (Lisa), János Ocsovai (Walter), Anne Preuß (Martha), Alejandro Lárraga Schleske (Tadeusz), Miriam Zubieta (Katja), Juliane Bookhagen (Krystina), Jolana Slavíková (Vlasta), Dilara Baştar (Hannah), Judith Christ (Bronka), Sujin Bae (Yvette), Ina Westphal (Alte Frau), Kai Wefer (1. SS-Mann), Ulrich Burdack (2. SS-Mann), Timo Rößner & Florian Neubauer (3. SS-Mann), Uğur Okay (Älterer Passagier), Madeline Hartig (Oberaufseherin & Kapo), Kai Wefer (Steward) Philharmonisches Orchester Altenburg-Gera, Opernchor von Theater & Philharmonie Thüringen

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