Opern-Kritik: Wiener Staatsoper – Der Rosenkavalier

Tradition ohne Schlamperei

(Wien, 16.6.2021) Das Repräsentationsstück für das Haus am Ring ist für ihn Chefsache: Philippe Jordan zelebriert Richard Strauss mit fast allen musikalischen Tugenden seiner Wahlheimat Wien.

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Alles wie immer? Das Orchester der Wiener Staatsoper, das zu großen Teilen aus Mitgliedern den Wiener Philharmonikern besteht, sitzt in mitnichten reduzierter Richard Strauss-Riesenbesetzung und gar nicht zur Distanz gezwungen im hoch gefahrenen Graben. Auf der Bühne steht das große bewährte Sängerensemble des Hauses am Ring – ergänzt durch einige Star-Debütanten, wie die grandiose Marlis Petersen als Marschallin, in den Hauptrollen. „Der Rosenkavalier“ wird in der Inszenierung von Otto Schenk gegeben, die anno 1968 Premiere hatte, 2010 vom Wiener Kammerschauspieler höchstpersönlich aufgefrischt wurde und nun seine – man liest und staunt – 387. Aufführung feiert, wie der Besetzungszettel unumwunden zugibt.

Das Zelebrieren des Gewesenen

Das Virus, das die Welt verändert hat, ist zwar auch hier, wo alles wie immer ist, nicht besiegt, doch die Philharmoniker sind das erste internationale Spitzenorchester, das komplett durchgeimpft wurde und daher bereits im Mai gemeinsam mit Riccardo Muti auf Italientournee gehen konnte. Jetzt sorgt Philippe Jordan am Pult dafür, dass die Beschwörung der Vergangenheit dieses schönsten Anachronismus der Operngeschichte, „Der Rosenkavalier“, nicht einfach nur ein Zelebrieren des Gewesenen ist und nicht nur zu melancholiegetränkten Tränen rührt.

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Von der (fehlenden) Balance aus Orchestersüffigkeit und Sängerpräsenz

Denn der neue Musikdirektor, der von der Seine an die Donau gewechselt ist, legt sich am Pult mächtig ins Zeug, um zu verhindern, was einer seiner Vorgänger einst als eine Wiener Untugend diagnostizierte, um die Lösung des Problems freilich gleich mitzuliefern. Gustav Mahler soll gesagt haben: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Problem und dessen Behebung liegen im Jahr 2021 so nah beisammen wie zur Endzeit des Habsburger Reichs, als der Traditionstanker des Musiktheaters noch Hofoper hieß und Europa gerade in den 1. Weltkrieg schlitterte. Jordan setzt sein Feuer zunächst im Sinne der klassischen Kapellmeistertugenden ein: Er setzt auf Präzision und Detailarbeit, in seiner deutlichen Schlagtechnik auch auf Fehlervermeidung. Als einfühlsamer Sängerdirigent tariert er die erwartete Orchestersüffigkeit mit der ebenso nötigen Sängerpräsenz aus. Das funktioniert, zumal für alle jene im Publikum, denen die Ehre widerfahren ist, im Parkett zu sitzen, nicht immer. Denn wenn das Orchester eine Forte und Fortissimo spielt, wie es in den Noten steht, dann versteht man von Daniela Sindrams symphatischem Octavian kein Wort mehr und hört nur mehr wenige Töne ihres Mezzo. Da zeigen die Blechbläser, welche Potenz sie besitzen. Das klingt gut und rund und opulent – hat aber eben auch Folgen für die Balance.

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Das Wunder des Leisen, das immer auch Erinnern, also Nachsinnen ist

Mit dem Auftritt der idealen Marschallin unserer Tage indes entsteht jene musikalische Magie, die sich wohl nur hier so ohne großen Probenaufwand einstellen kann. Marlis Petersen wägt die Worte der weltweisen, früh emanzipierten Frau mit dem sehr jungen Liebhaber, und sie wagt Pianissimi, die fast jedes andere Opernorchester überhören würde. Nur in Wien also schmiegt sich die silbrig süße Delikatesse der Violinen und das lukullische Holz so traumhaft dem Sopran der Marlis Petersen an. Philippe Jordan setzt dazu auf genüssliche Rubati dieser Partitur des „Es war einmal“. Und der ganze Strauss-Zauber ist da, von Petersen und Jordan gemeinsam getragen und gegenseitig inspiriert. Das Wunder des Leisen, das immer auch Erinnern, also Nachsinnen ist, entfaltet sich im Zeitmonolog der Marschallin ganz selbstverständlich. Jordan geht seinen Strauss gleichermaßen flink, flüssig und filigran an. So gewinnt er Zeit, die er an den rechten Stellen für das agogische Atemholen nutzen kann, für das Stillstehen alles Werdenden, für die Philosophie im Klanggewand, die Marlis Petersen mit Hofmannsthals Worten im finalen „Hab mir’s gelobt“ verkündet, wenn sie das so leicht zu sagende und so schwer zu lebende Liebesgeheimnis enthüllt, das im rechten Verhältnis von Halten und (Los-)Lassen liegt.

Im Schlussduett von Sophie und Octavian feiern die Sänger in schönstem Einvernehmen mit dem Orchester das große innere G-Dur-Leuchten der Liebe, das womöglich nur die Wiener so verströmen, wenn sie die silberzarte Süße mit jenem Hauch einer Bitternote abschmecken. Das sind die Gänsehautmomente, die sich nur im Hier und Jetzt des analogen Musikerlebens einstellen – und die uns die Verlusterfahrungen während der Pandemie körperlich unmittelbar verdeutlichen. Das unerhört vielsagende „Ja, ja“ der Marschallin bereitet Philippe Jordan mit der punktgenau empfundenen Verzögerung des Zeitmaßes vor. So werden die zwei knappen Silben zur alles sagenden Welterkenntnis. Überhaupt versteht sich der Schweizer am Pult von Österreichs Tempel der Tradition auf jene Dialektik, die Strauss braucht – und die sich im rechten Maß aus Vorwärtsdrängen und Verweilen ereignet. Tradition ohne Schlamperei ist möglich, gerade hier.

© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Knallchargen-Komödiantik trifft Strauss-Zelebrieren

Nicht alles ist Gold und Silber an diesem Abend. Auf der Habenseite steht die Sophie der Louise Alder mit ihrem gut durchgebildeten, technisch versierten Sopran, auch der herrliche Tenor des Freddi De Tommaso als italienischer Sänger im Lever der Marschallin, der einfach auftritt, singt und siegt – ohne Klischees und Attitüden. Kleine feine Charakterportraits des Ensembles geben dem Abend Authentizität: Marcus Pelz als Notar, Jörg Schneider als Wienernder Wirt. Albert Pesendorfer, der wunderbare Wagnerbass, hat sich als Ochs sichtlich mit der Videoaufzeichnung seines großen Rollenvorgängers Kurt Moll beschäftigt, bis in Details des Gestischen und Mimischen erinnert er an den einst weltbesten Ochs, der dem alternden, prä- oder doch schon postpotenten Don Giovanni stets einen Rest an Würde bewahrte. Doch ausgerechnet die satte Tiefe fehlt dem Bassisten. Pesendorfer bewältigt die gigantische Partie, doch er überwältigt nicht, formt noch kein eigenständiges Portrait des dicken Barons. Und das „Wie immer“ der Inszenierung von Otto Schenk? Die sich über die Jahre verfestigende Knallchargen-Komödiantik übersieht man am besten einfach, erfreut sich an der klugen Grandezza und musikalisch-szenischen Intelligenz einer Marlis Petersen, die ihrer Marschallin Modernität im Gewand des Pseudohistorischen verleiht, und genießt das orchestrale Strauss-Zelebrieren.

Wiener Staatsoper
Strauss: Der Rosenkavalier

Philippe Jordan (Leitung), Otto Schenk (Regie), Rudolf Heinrich (Bühne), Erni Kniepert (Kostüme), Marlis Petersen, Albert Pesendorfer, Daniela Sindram, Adrian Eröd, Louise Alder, Regina Hangler, Thomas Ebenstein, Monika Bohinec, Wolfgang Bankl, Freddi De Tommaso, Jörg Schneider, Orchester der Wiener Staatsoper

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