Opern-Rezension: Bayerische Staatsoper – Written on Skin

Sanglicher Seelen-Seismograph

Kent Nagano weist mit der Deutschen Erstaufführung der berückend kantablen Oper „Written on Skin“ von George Benjamin in die Zukunft – und verabschiedet sich aus München.

© Wilfried Hösl

Iestyn Davies

Kent Nagano setzte mit seiner letzten Münchner Premiere nochmal ein Zeichen in Richtung Zukunft: Nicht mit den Hausgöttern Wagner oder Strauss, sondern mit der Erstaufführung Written on Skin des Briten George Benjamin sagt er Servus – in der ihm eigenen leisen Bestimmtheit. Der lange Jubel hernach galt aber nicht nur dem scheidenden, in zwei Jahren an die Hamburgische Staatsoper wechselnden Maestro und dem wunderbaren Ensemble, sondern gerade auch einer hochkarätigen Partitur: Neue Musik muss eben gar nicht schrecklich klingen. Sie kann die Menschen sehr wohl erreichen. Musikalische Mehrheitsfähigkeit heißt dabei glücklicherweise nicht Anpassung an einen mutmaßlichen Massengeschmack. George Benjamin beherzigt einige ewige Grundwahrheiten, die eben nicht nur für einen Opernmacher des Barock oder des Belcanto gelten sollten. Zuallererst heißt das: Er vermag eine berückende Kantabilität zu entfalten. Gleich einem Seelen-Seismographen verzichtet er in seinen Vokallinien ganz auf die inzwischen zum Avantgarde-Klischee verkommene Zickzack-Unsanglichkeit, komponiert nicht gegen die Sänger, sondern für sie. Oft sind es unerhörte Töne der Zartheit, die selten veristisch benennen, sondern eher impressionistisch andeuten, unterschwellig evozieren und Gesagtes und Verhandeltes klarsinnig in der Schwebe lassen.

Wobei wir bei der Geschichte der Oper wären, die hier tatsächlich einmal wieder erzählt wird. Keine postmodernen oder postdramatischen Gedankensplitter also sind es, sondern es ist eine Story, die Drama und Epos raffiniert mischt. Die Protagonisten der auf eine anonyme Romanze des 13. Jahrhunderts zurückgehenden Dreiecksgeschichte treten im Libretto von Martin Crimp oftmals neben sich, erzählen von sich in der dritten Person. Ein gewaltsamer Gutsbesitzer engagiert einen jungen Buchmaler, der die guten Werke des reichen Mannes kunstvoll illustrieren soll. In seiner Werkstatt gibt der Maler aber auch den Bitten von Agnès, der unterdrückten Gattin des Protektors, nach, eine „echte Frau“ zu malen. Der Junge illuminiert ihre Körperlichkeit. Die Bilder werden zum Beweis einer aufkeimenden wahren Liebe. Agnès setzt damit das Leben ihres Liebhabers aufs Spiel. Der Ehemann entdeckt die Affäre, tötet den Nebenbuhler und serviert seiner Frau schließlich das Herz des Geliebten zum Abendmahl.

Die Personenkonstellation erinnert natürlich an Debussys Pelléas et Mélisande. Und Debussys Meisterwerk hat Benjamin in der Tat beeinflusst. Barbara Hannigan als Agnès verbindet denn auch die milde Sopran-Zaubrigkeit der Mélisande mit dem dramatischen Flackern einer sinnlich Liebenden. Der eindringlich klare Countertenor von Iestyn Davies als „Boy“ mischt sich berührend mit Hannigans Stimme. Wie es sich für einen Opernbösewicht gehört, ist der Protektor ein eloquenter Bariton, dem Christopher Purves finstere Präsenz verleiht. Die Stärke von Musik und Text ist hier, das sie jeden simplen Gut-Böse-Schematismus meidet, dass sie der Drastik der grausamen Handlung nur in Ausnahme-Ausbrüchen nachgibt und als modernes Dramma lirico ganz auf eindringliche Farben setzt, die der Komponist in seiner handwerklich hochkarätigen Partitur orchestral evoziert. Kent Nagano kostet sie mit dem exquisiten Klangforum Wien mit maximaler Delikatesse aus.

Es ist eine Oper, die dem asketischen Ästheten Nagano so ganz entspricht. Die enorme emotionale Ausdrucksskala des holzbläserintensiven Orchesterapparats ist faszinierend, gelegentlich greift Benjamin eine archaisierende Intervallik auf, als ferne Allusion an die mittelalterliche Vorlage. Letztlich hat George Benjamin hier –  Alban Bergs Wozzeck kommt einem mitunter in den Sinn – so etwas wie einen modernen Klassiker geschrieben, dem das seltene Opernglück, oft nachgespielt zu werden, hold sein dürfte. Die Uraufführungs-Inszenierung von Katie Mitchell arbeitet die Charaktere klar heraus, bleibt aber insgesamt doch etwas blass. Denkbar wären jetzt aber auch ganz andere Regiehandschriften: Sowohl Robert Wilsons bildintensive Zurücknahme als auch ein mutig zupackender Zugriff wären denkbar. Die nun anstehende Bonner Neuproduktion kann in dieser Hinsicht auch szenisch neue Akzente setzen.

Written on Skin ist an der Bayerischen Staatsoper abgespielt. Eine Neuinszenierung des Werkes können Sie in Bonn erleben:

 

Beethovenfest Bonn

Written on Skin (Neuinszenierung)

Ausführende: Hendrik Vestmann (Leitung), Alexandra Szemerédy & Magdolna Parditka (Inszenierung), Miriam Clark,Terry Wey, Susanne Blattert, Tamás Tarjányi, Avaz Abdullayev, Beethoven Orchester Bonn

Termine: 29.9., 18:00 Uhr; 4.10., 19:30 Uhr

Weitere Termine des Beethovenfests Bonn finden Sie hier.

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