Theater Magdeburg: Uraufführung von „Grete Minde“

Vom Stolperstein zur Opernaufführung

Mit der Uraufführung von „Grete Minde“ verneigt sich das Theater Magdeburg vor einem Komponisten, dessen Name in keinem Musiklexikon steht. Eugen Engel wurde 1943 von den Nazis ermordet und hinterließ ein Werk, das ein echter Operndauerbrenner werden könnte.

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Sopranistin Raffaela Lintl als Grete Minde

Sopranistin Raffaela Lintl als Grete Minde

Die Gesellschaft, in der wir leben, schreibt oft grausame Geschichten. Das lässt sich sowohl an Theodor Fontanes Novelle „Grete Minde“ ablesen, die der gleichnamigen Oper von Eugen Engel zugrunde liegt, als auch an der Biografie des Komponisten selbst, der von den Nazis ermordet wurde. Bilderbuchartig erzählt sich dagegen die späte Entdeckung dieses Komponisten und seiner Oper, deren Manuskript neunzig Jahre lang unbeachtet in einem Schrank im sonnigen Kalifornien lag und die im Februar am Theater Magdeburg ihre Uraufführung feiert. Buchstäblich gestolpert sei man über diesen spätromantischen Tonsetzer, dessen Name in der Musikwelt völlig unbekannt ist, erzählt Generalmusikdirektorin Anna Skryleva und spielt damit auf den Stolperstein an, der seit Oktober 2019 in der Charlottenstraße 74/75 in Berlin-Mitte an den Komponisten und dessen Wohnort erinnert. Obwohl Engel seinen Lebensunterhalt als Kaufmann verdiente, hinterließ er ein Werk, dem Skryleva das Potenzial zuspricht, sich neben den Opern Humperdincks, Wagners und Strauss’ zu einem „sehr guten Repertoirestück des deutschen Musiktheaters“ entwickeln zu können.

„Ein guter Bekannter von mir und meinem Mann hat uns bereits im Frühjahr 2019 über die Stolpersteinverlegung für Eugen Engel informiert“, erinnert sich Skryleva. Wegen eines Gastdirigats in Stockholm konnte sie selbst dem Ereignis nicht beiwohnen. Anwesend waren aber Intendantin Karen Stone und Dramaturgin Ulrike Schröder sowie die beiden Enkel Eugen Engels aus Kalifornien mit ihren Kindern und Enkelkindern. Janis Agee und Claude L. Lowen hatten die Steinverlegung initiiert und Noten von Liedern ihres Großvaters zur Verfügung gestellt, die in der nahegelegenen Musikhochschule „Hanns Eisler“ aufgeführt wurden und durch ihre hohe musikalische Qualität neugierig machten auf weitere Schätze dieses unbekannten Komponisten. So wurde der damals gerade neu angetretenen Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg zugetragen, dass Engel auch eine abendfüllende Oper im spätromantischen Stil komponiert habe, die noch niemals aufgeführt wurde.

„Ich habe mich sofort in diese Musik verliebt“

„Ich habe den Klavierauszug durchgespielt und -gesungen und mich sofort in diese Musik verliebt“, berichtet Skryleva. „Dramaturgisch war das sehr gut gemacht, aufwändig, mit viel Chor und großem Orchester. Die Musik war aber auch gut für die Sängerstimmen geschrieben. Unsere Intendantin war von der Qualität des Stücks ebenfalls sofort überzeugt. Zum Glück gab es auch eine Partitur, weil der Komponist sie vor dem Klavierauszug geschrieben hat. Oft geschieht es ja umgekehrt.“

Nach zweieinhalbjähriger Vorbereitungszeit – die Erstellung der Orchesterstimmen kostet rund 40.000 Euro – beginnen während des Lockdowns 2021 die Proben. Erstmals erklingt in kleinen Instrumentalgruppen, was Eugen Engel bis 1933 zu Papier brachte und woran er vielleicht schon ab Mitte der 1920er-Jahre gearbeitet hat. Einflüsse und sogar einige Zitate von Wagners „Meistersingern“ fallen hier ebenso ins Ohr wie die Nähe zu Strauss’ „Rosenkavalier“. Zur Zeit einer „Salome“ oder „Elektra“, eines Schönbergs und Strawinskys ziert Eugen Engels Oper sicher nicht die Speerspitze neuester musikalischer Wagnisse. Trotzdem ist seine Tonsprache faszinierend, seine Orchestrierung professionell, sein Sujet dramaturgisch exzellent gewählt.

© Nilz Böhme

Anna Skryleva

Anna Skryleva

Brandstifterin aus Verzweiflung

Grundlage des Librettos ist die Novelle „Grete Minde“, mit der Theodor Fontane die Vorgeschichte des Tangermünder Stadtbrandes von 1617 erzählt. Die gleichnamige historische Figur wurde wegen Brandstiftung verurteilt, grausam gefoltert und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Fontane behandelt die historischen Ereignisse jedoch mit dichterischer Freiheit. Seine Protagonistin wird von ihrem Halbbruder und vom Rat der Stadt um ihr rechtmäßiges Erbe gebracht. Aus Rache an einer Gesellschaft, die der Außenseiterin Grete gleichgültig gegenübersteht und ein großes Unrecht an ihr begeht, zündet diese die Stadt an und besteigt mit ihrem kleinen Kind den brennenden Kirchturm, auf dem beide vor aller Augen in den Flammen umkommen. Das Libretto wurde von keinem Geringeren verfasst als von Hans Bodenstedt, dem Direktor der Nordischen Rundfunk AG, der Vorläuferin des heutigen NDR. Was mag der deutsch-jüdische Eugen Engel wohl gedacht haben, als sein Librettist nach der Machtergreifung als Verlagsleiter und Mitglied der NSDAP nationalsozialistisches Gedankengut verbreitete?

Man weiß es nicht, wie überhaupt vieles rund um die Person des Komponisten im Dunkeln liegt. Seit über zwei Jahren jedoch bemüht sich die Magdeburger Dramaturgin Ulrike Schröder mit unbändiger Energie und historischem Spürsinn, etwas Licht in dieses Dunkel zu bringen.

Für die Oper eines „Nicht-Ariers“ gab es keine Aufführungsmöglichkeit

„Eugen Engels Tochter ist sehr alt geworden und erst 2006 gestorben, hat aber wenig erzählt. Die Quelle für die biografische Erzählung sind Erinnerungen der Enkel“, berichtet Schröder. Engel wird am 19. September 1875 im ost-preußischen Widminnen geboren und zieht mit seiner Familie 1892 nach Berlin. 1910 bringt seine Frau Lea Tochter Eva zur Welt. Eugen ist Kaufmann, aber seine große Leidenschaft ist die Musik. Er hat Komposition studiert, schreibt Lieder und Kammermusik und widmet sich viele Jahre lang seiner Oper „Grete Minde“. Obwohl er in Kontakt mit berühmten Musikern wie Bruno Walter, Wilhelm Backhaus, Engelbert Humperdinck, Leo Blech und Edwin Fischer steht, sieht Engel nach Fertigstellung der Partitur im Jahr 1933 als „Nicht-Arier“ keine Möglichkeit mehr, das Werk in Deutschland zur Aufführung zu bringen. Mit einem Bittschreiben – vermutlich an die Witwe Hans von Bülows – bemüht er sich um eine Aufführung im Ausland, doch ohne Erfolg. Sechs Jahre nach dem frühen Tod der Mutter emigriert Eugens Tochter Eva nach Amsterdam, wo sie Max Herbert Löwenberger heiratet und 1937 ihr Sohn Klaus-Leopold geboren wird. In San Francisco, wohin die Familie 1941 immigriert, folgt rund zehn Jahre später die Geburt ihrer Tochter Janice Ann.

Wie deren Eltern wollte auch ihr Großvater Eugen Engel aufgrund seiner jüdischen Abstammung 1941 von Amsterdam in die USA fliehen. Der Versuch scheitere in letzter Minute. Im März 1943 wurde Engel ins Durchgangslager Westerbork deportiert, kam mit einem Massentransport ins Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen und wurde drei Tage später, am 26. März 1943 im Alter von 67 Jahren von den Nazis ermordet, höchstwahrscheinlich in der Gaskammer.

© OTFW/Wikimedia Commons

Stolperstein von Eugen Engel in der Charlottenstraße 75, Berlin

Stolperstein von Eugen Engel in der Charlottenstraße 75, Berlin

Eine Familiengeschichte wird aufgearbeitet

Seine Enkel, die heute die Namen Janis Agee und Claude L. Lowen tragen, leben aktuell in Davis, einer Universitätsstadt bei San Francisco. Sie sprechen kein Deutsch. Der Inhalt der gesammelten, in Sütterlinschrift verfassten Briefe, die Eugen Engel an seine Tochter im Exil schrieb, war ihnen bisher unbekannt. Mit deren Übersetzung und Sichtung historischer Urkunden in öffentlichen Archiven leistet Schröder neben ihrer dramaturgischen Arbeit so auch einen wertvollen Beitrag zur Familienchronik. „Eugen hatte dreizehn Geschwister. Fünf sind in Theresienstadt umgekommen. Eine Schwester wurde nach Treblinka deportiert. Zwei Brüder sind 1941/42 in Berlin im jüdischen Krankenhaus gestorben. Das klingt auch nicht so, als wäre das mit ganz rechten Dingen zugegangen. Zumindest die Namen der Geschwister wollte ich herausfinden und inwieweit Querverbindungen zwischen den Nachkommen bestehen.“

Die Früchte ihrer intensiven Recherche wird Schröder beim musikwissenschaftlichen Symposium servieren, welches am Tag vor der Premiere im Magdeburger Opernhaus stattfinden soll. Unter den geladenen Vortragsrednern befindet sich auch Gret-Minde-Spezialistin Friederike Wein, die jüngst mit einer 750 Seiten starken Studie die Prozessakten rund um die historische Figur einer Neubewertung unterzog. Hat Margarethe von Minden am 13. September 1617 wirklich jenen Brand gelegt, der fast die ganz Stadt Tangermünde vernichtete? Bis heute sind die Historiker sich uneinig.

Ein Lichtblick im Dunkel des durch die Barbarei erzwungenen Vergessens

Die geschichtliche Dimension des Stoffs werde auch die Inszenierung von Olivia Fuchs aufgreifen und die verschiedenen Zeitebenen überblenden, erzählt Schröder: „Tangermünde im 17. Jahrhundert, das 19. Jahrhundert von Theodor Fontane und die letzten Lebensjahre Eugen Egels – dramaturgisch funktioniert das auf jeden Fall. Kneipenchor, Volkschor, Aufzug des Kurfürsten, Naturlyrik, Nonnengesang und ein Puppenspiel – von der intimen Szene bis zum großen Gepränge ist alles dabei.“

Intimes von Eugen Engel konnte man bereits im April 2021 hören, als seine Lieder zu Gedichten von Hilde Marx im Theater Magdeburg aufgeführt wurden. Wie groß der musikalische Schatz des Komponisten ursprünglich war, wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen. Viele Aufzeichnungen dürften im Zuge von Verfolgung und Migration verloren gegangen sein. Dass Eugen Engels größtes und wichtigstes Werk nach so langer Zeit seinen Weg auf eine deutsche Bühne findet, ist jedoch ein Lichtblick im Dunkel des durch die Barbarei erzwungenen Vergessens eines großen Künstlers.

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