OPERN-KRITIK: WINTER IN SCHWETZINGEN – ULYSSES

Barockes Sperrstunden-Nocturne

(Schwetzingen, 3.12.2022) Mit gleich zwei szenischen Enden bestraft Regisseurin Nicola Raab ihren Odysseus für sein Sichdavonstehlen eines nur mal eben Zigaretten holenden Mannes. Reinhard Keisers burleske Barockoper wird so gewitzt zum frühen Musical.

© Susanne Reichardt

Jubel in Schwetzingen für Keisers 1722 entstandene Barockoper „Ulysses“

Jubel in Schwetzingen für Keisers 1722 entstandene Barockoper „Ulysses“

Im (Musik-)Theater ist derzeit Odysseus-Hochkonjunktur. Am Staatstheater Nürnberg verlegte Cosmea Spelleken „Odysseus.Live“ in eine Talkshow für physisches und digitales Publikum, Genf bereitet als Koproduktion mit der Deutschen Oper am Rhein Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ vor, das Theater Erfurt lockt im Frühjahr 2023 mit Glucks früher Opera seria „Telemaco“. Einen Odysseus-Boom gab es auch um 1720. Gleich vier Opern nach Homer und Adaptionen seiner Zeit komponierte der an der Hamburger Gänsemarkt-Oper nie um satte und sensationelle Stoffe verlegene Reinhard Keiser aus Teuchern. Beim Barockfest „Winter in Schwetzingen“ gelangt Keisers 1722 für Kopenhagen entstandener „Ulysses“ nun zur Premiere und wurde bejubelt.

Ein Anthony Quinn ähnelnder Seebär bastelt an Homers Handlungsstrippen

Insgesamt gibt es in Keisers „Circe, oder des Ulysses erster Teil“ (1702), „Penelope und des Ulysses ander Teil“ (1703), „Ulysses“ (1722) und „Circe“ (1734) reichlich Musik für mehr als einen Abend. Clemens Flick übernahm in den nicht vollständig erhaltenen „Ulysses“ mehrere Arien, Rezitative und Instrumentalsätze aus Keisers anderen Odysseus-Vertonungen. Nicola Raab versetzte das Spielgeschehen in eine „Bar Ithaka“. Dort bastelt ein Anthony Quinn in „Alexis Sorbas“ ähnelnder Seebär (Klaus Brantzen) an Homers Handlungsstrippen. Die Figuren und Traumfiguren entschwinden und erscheinen immer wieder aus der Damen- und Herrentoilette.

© Susanne Reichardt

Winter in Schwetzingen: Henryk Böhm und Jutta Böhnert in Keisers „Ulysses“

Winter in Schwetzingen: Henryk Böhm und Jutta Böhnert in Keisers „Ulysses“

Die Zauberin Circe wird bei Keiser von einer Episoden- zur Hauptfigur, gewinnt dadurch mehr Attraktivität als die eigentlich schönere, aber monoton traurigere Arien singende Penelope. Fürwahr: „Ulysses“ wäre – hätte es die Gattungsdefinition im frühen 18. Jahrhundert bereits gegeben – ein Musical, in dem die Musiknummern nicht nur spezifisches Original, sondern auch Paradigma für Stimmen und Stimmungen sind. Das schafft szenische Freiräume, in denen Erotik, Spaß und Ernst zu Humor werden könnten – oder nicht.

„Die kleine Kneipe in unserer Straße…“

Es gibt in Schwetzingen keine helfende Pallas Athene, keinen Sohn Telemach, keinen feindlichen Neptun. Aber das Heimkehrschicksal des nach 20 Jahren aus dem Trojanischen Krieg und erotischen Inselabenteuern zurückkommenden Ulysses spiegelt Friedrich Maximilian von Lersners Textbuch an dessen einzig überlebenden Gefährten Eurilochos und der treu wie Penelope wartenden Cephalia. Gleich vorausgeschickt: Ein glückliches Leben bekommen Odysseus und Penelope, die versauert und vereinsamt, von Nicola Raab nicht. Zwangsläufig ist der listige Ulysses hier eher eine frustrierte Spaßbremse – fast wie sein Gegenspieler Urilas am anderen Ende des Tresens.

Bar-Ballade mit Tristesse-Garantie

Offenbar traut Nicola Raab weder Männern noch Frauen. Ulysses erhält im Schwetzinger Rokokotheater die Attribute „ausgefuchst“ und „abgebrüht“. Das miese Männerbild dieser Bar-Ballade mit Tristesse-Garantie ist das von Kerlen auf der Flucht. Männer als vagabundierende Wesen, die ohne Grund mal schnell Zigaretten holen und dann Jahre nicht wiederkommen. Ganz durchhalten lässt sich dieses Jammertal aus den 1970ern aber nicht. Denn der Tenorino João Terleira geht als Barkeeper recht emsig, fast eine Spur zu sympathisch ans Werk und nimmt sich bei der Schichtübergabe sogar Zeit für ein Schäferstündchen mit der Kollegin Cephalia (Theresa Immerz). Eurilochos packt an, während die Herren Gäste in die Röhre gucken und in einer von Flick erfundenen Szene aneinandergeraten.

© Susanne Reichardt

Winter in Schwetzingen: Manuela Sonntag, Dora Pavlíková und Elena Trobisch in Keisers „Ulysses“

Winter in Schwetzingen: Manuela Sonntag, Dora Pavlíková und Elena Trobisch in Keisers „Ulysses“

Penelopes Traum vom Glück lässt Madeleine Boyd als Bild mit arkadischer Landschaft vom Bühnenhimmel fallen. Sie legt mit Faveola Kett ein grobes Spinnennetz von Bändern über die Szene, eine frauliche Galionsfigur ornamentiert den Geschmack von maritimer Freiheit und Abenteuer. Dora Pavlíková ist als flotte Circe in einem Sphinx, Sirene, attraktives Freiwild unter Pailletten-Garnitur und Verliererin. Eine Magierin, die nicht auf ihrer Insel bleibt und auf Ithaka einen Urilas als Verführer Penelopes ins Flirt-Minenfeld schickt. Der kann bei Penelope, deren alltagsgraue Stimmung sich bei der ausdrucksmächtigen Jutta Böhnert sogar auf die Stimme legt, kaum ans Zielseiner Wünsche gelangen.

Trockene Gesten der Musik

Da sagt denn auch die Musik weitaus mehr als viele kleine und große Gesten auf der Bühne. Wenn Odysseus sein großes Schwert schwingt, rauscht das Philharmonische Orchester Heidelberg in erotomanischen „Rosenkavalier“-Klangräuschen auf. Wenn Ulysses‘ symbolkräftige Waffe zum Dolch schrumpft, fallen auch die musikalischen Zitate zusammen. Hier, in den komponierten Meereswellengängen und bei Keisers Naturklängen ist die mit Theorbe und Cembalo erweiterte Kammerbesetzung am besten. So dominiert ein heller, manchmal glitzernder Gesamtklang, der durch die Mehrheitsfraktion von gleich vier Sopranen (als Amoretten komplettieren Manuela Sonntag und Elena Trobisch) gegenüber nur einem Tenor und zwei tieferen Männerstimmen verstärkt wird.

© Susanne Reichardt

Winter in Schwetzingen: Henryk Böhm und Elena Trobisch in Keisers „Ulysses“

Winter in Schwetzingen: Henryk Böhm und Elena Trobisch in Keisers „Ulysses“

Henryk Böhm gibt die Titelfigur – legitim, obwohl das Fehlen einer Counterstimme heute schon eine Ausnahme ist. Kastraten waren an der bürgerlichen Hamburger Gänsemarkt-Oper und in Kopenhagen bei weitem nicht so beliebt wie in den reichen Residenzen Mitteleuropas. Bei Keiser, Händels Hamburger Opern, Graupner und Telemann war der Bariton die männliche Heldenstimme, nicht die virtuosen Kastraten. Als sich vor dem nüchternen Sperrstunden-Nocturne alle Solostimmen zu burlesken Klängen unter dem Bühnenportal ihr Stelldichein geben, klingen sie vital und sogar üppig. Zu Kurfürst Karl Theodors Zeiten standen sie dort auch vor der berühmten Mannheimer Hofkapelle in Reihe und machten beim Publikum mehr vokalen Eindruck als von der Bühnentiefe.

Der temporäre Witz, die Schärfe und die Fragezeichen, mit denen sich Kneipengäste flüchtig paaren und entzweien, kommen von allem aus Ulrike Schumanns neuen Texten. In diesem Sinn hat „Ulysses“ zwar nur einen Beginn, aber zwei Enden. Erst mischt sich der Dichter selbst unter seine Figuren, wirkt wie ein das eigene Abenteuerleben betrachtender Ulysse. Bei Ende zwei sind alle anderen weg und nur Ulysse am Tresen mit seinen Gedanken und dem letzten Bier allein. Das ist die Strafe fürs Sichdavonstehlen, wird Nicola Raab gedacht haben.

Winter in Schwetzingen
Reinhard Keiser: Ulysses

Clemens Flick (Leitung), Nicola Raab (Regie), Madeleine Boyd (Bühne & Kostüme), Faveola Kett (Mitarbeit Bühne & Kostüme), Andreas Rehfeld (Licht), Thomas Böckstiegel (Dramaturgie), Dora Pavlíková, Jutta Böhnert, Theresa Immerz, Henryk Böhm, Andrew Nolen, João Terleira, Manuela Sonntag, Elena Trobisch, Klaus Brantzen, Philharmonisches Orchester Heidelberg

Weitere Termine: 6., 8., 11., 16., 23. & 29.12.

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