Porträt Alison Balsom

Liebe auf den ersten Blick

Alison Balsom ist seit ihrem achten Lebensjahr leidenschaftliche Trompeterin

© Jason Joyce/Warner Classics

Alison Balsom

Frauen an der Trompete sind solch eine Rarität, dass die Rechtschreibkontrolle am Computer das Wort „Trompeterin“ als Fehler markiert. Warum? Man könnte vermuten, das Trompetenspiel sei zu anstrengend für die weibliche Physis. Da aber stellt die zierliche englische Trompeterin Alison Balsom das schlagende Gegenargument dar. Sie nennt andere Gründe für den Frauenmangel unter ihren Kollegen: „Erstens saßen noch vor wenigen Jahrzehnten auch an anderen Instrumenten kaum Frauen im Orchester. Und zweitens ist die Trompete ein exponiertes, oft lautes Instrument, mit dem man immer auf dem Präsentierteller sitzt. Davor scheuen viele Frauen zurück.“

Mit der Blaskapelle unterwegs

Alison Balsom fand zur Trompete, bevor sie Zeit gehabt hätte, solche Schamgefühle zu entwickeln. Als sie sieben war, erlaubten ihr die Eltern, sich ein beliebiges Orchesterinstrument auszuwählen. Etwas anderes als die goldglänzende Königin der Blasinstrumente kam da gar nicht infrage. „Liebe auf den ersten Blick“ sei das gewesen, erinnert sich Alison Balsom.

Fortan tingelte sie neben der Schule mit der Royston Town Band durch die Gegend, der Blaskapelle ihres nördlich von London gelegenen Heimatstädtchens. Später studierte sie in London, Glasgow und Paris; einer ihrer Lehrer wurde der Schwede Håkan Hardenberger. „Bei ihm ging es im Unterricht weniger um spieltechnische Dinge. Ich lernte, mich als Musikerin zu fühlen, deren Vehikel mehr oder weniger ‚zufällig’ die Trompete ist: ein Mittel, um sich auszudrücken, die Musik zum Leben zu erwecken, mit dem Publikum zu kommunizieren.“

Repertoire mit Arrangements und Kompositionsaufträgen

Nach dem Studium ging es mit der Karriere Schlag auf Schlag. Alison Balsom gewann wichtige Wettbewerbe, wurde in das BBC-Programm „New Generation Artists“ aufgenommen, feierte 2002 mit ihrem Plattendebüt internationale Erfolge und heimste auch für die Nachfolge-Alben etliche Preise ein.

Das kleine, aber feine Repertoire für die Solo-Trompete ist zweigeteilt. „Es gibt viele Barock-Stücke, einige klassische Werke und dann die moderne und zeitgenössische Musik“, erklärt Alison Balsom. „Natürlich tut es mir manchmal leid, dass es für die Trompete keine großen Virtuosen-Konzerte aus dem 19. Jahrhundert gibt.“ Dafür erweitert Balsom ihr Repertoire in andere Richtungen: Sie stöbert in Archiven nach Raritäten, schreibt Arrangements und vergibt Aufträge an zeitgenössische Komponisten.

Eigentlich spielt Alison Balsom zwei Instrumente, so verschieden sind die barocken und die modernen Modelle. „Alte Instrumente haben einen weichen, runden Klang, fast wie eine menschliche Stimme“, sagt sie. „Die moderne Trompete klingt strahlender.“ Auch die Spieltechnik sei anders. „Moderne Trompeten haben ein kleineres Mundstück und bieten mehr Widerstand. Lippen und Körper sind höherem Druck ausgesetzt. Das ist sehr anstrengend. Man braucht körperliche Fitness, um Trompete zu spielen.“ Ein besonderes Training absolviert Alison Balsom aber nicht. „Ich bleibe durch das tägliche Üben in Form.“

Auch mit Kindern immer in Topform

Dass die Musikerin topfit ist, beweist schon die Tatsache, dass sie zehn Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Charlie schon wieder Konzerte gab. Heute ist der Einjährige – Sohn des britischen Dirigenten Edward Gardner – bei Konzertreisen und Proben meist mit dabei.

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