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Porträt Cantus Thuringia & Capella

Gesänge für die Himmelsburg

Cantus Thuringia & Capella gehören zu den spannendsten Musikarchäologen Mitteldeutschlands.

vonRoland H. Dippel,

Die musikhistorischen Stränge außerhalb von Familie Bach und Weimarer Spätromantik sind der künstlerische Schwerpunkt von Capella und Cantus Thuringia. So konzentrieren sich die 1999 und 2000 gegründeten Ensembles auf Werke des 16. bis 18. Jahrhunderts aus der mitteldeutschen Kulturlandschaft und wildern bei großen Festivals wie den Händel-Festspielen Halle und in einer imponierenden CD-Reihe bei cpo mit Vorliebe in abgelegenen Nischen. Organist und Cembalist Bernhard Klapprott als Gründer sowie Altist und Cembalist Christoph Dittmar leiten das Doppelensemble durch den Thüringer Musik-Urwald. Partner ist der 2008 gegründete Verein Musikerbe Thüringen, der im gleichnamigen Editions- und CD-Projekt insbesondere unveröffentlichte Kompositionen aus Residenzen, städtischen Kantoreien und vor allem der dörflichen Adjuvanten hörbar machen will. Oft ermöglichen Abschriften und Gebrauchskompositionen vergessener Musiker neue Erkenntnisse zu bekannten Werken. Cantus Thuringia & Capella segelt durch ein unbekanntes Universum, das bis nach Bayreuth, Coburg, Halle, Leipzig, Braunschweig und Hamburg reicht.

Der Name beinhaltet wie das lateinische Wort „cantus“ alle Anordnungen der Alten Musik. Die offene Struktur ermöglicht Besetzungen vom Soloquartett bis zu Kammerchören mit zwanzig Sängern und Solisten. Zu den Schwerpunkten des Ensembles, das mit renommierten Gästen wie Monika Mauch, Hans Jörg Mammel oder Dominik Wörner zusammenarbeitet, gehören Anthologien wie das Dowland-Programm „Time Stands Still“ (deutsche harmonia mundi), der einzige Blockbuster im Repertoire von Cantus Thuringia. Melchior Francks „Geistliche Gesäng und Melodeyen“ (ebenfalls deutsche harmonia mundi), waren nur im frühen 17. Jahrhundert Spitzentitel der Sakralmusik. Mehrere Werke dieser Sammlung sind Weltersteinspielungen.

Auf Entdeckungsreise: Cantus Thuringia & Capella

Die bisher aufwändigste Entdeckung von Cantus Thuringia & Capella steht auch für deren offenes Konzept: Pfarrer Bernd Kramer in Wandersleben bei Gotha vermittelte den Kontakt zu der Musikwissenschaftlerin Christine Blanken. So kam es 2010 und 2017 zur Aufführung von Reinhard Keisers Skandaloratorium „Der blutige und sterbende Jesus“, ursprünglich konzipiert für die Hamburger Zuchthauskirche. 2018 folgte die mit einem Diapason d’Or ausgezeichnete CD-Aufnahme. Schon mit der Einspielung der „Matthäus-Passion“ von Johann Christoph Rothe (Sondershausen 1697) hatte Cantus Thuringia & Capella ein Passionsoratorium wiederbelebt. An den beiden Entdeckungen werden Unterschiede zwischen einer dramatischen und einer episch-spirituellen Haltung erlebbar.

Auf Schloss Großkochberg und im Goethe-Theater Bad Lauchstädt wiederum gestaltete Cantus Thuringia & Capella Aufführungen von Herzogin Anna Amalias Singspiel „Erwin und Elmire“ nach Goethe, Telemanns „Pimpinone“ und Purcells „Dido and Aeneas“ mit historisch korrekter Inszenierung, die seinerzeit eher Choreografie als Personenregie war.

In näherer Zukunft stehen spannende Projekte an: fünf Messen des Gothaer Hofkapellmeisters Gottfried Heinrich Stölzel, das Himmelfahrtsoratorium mit zwei Kantaten des Merseburger Kirchenmusikdirektors Georg Friedrich Kauffmann und die Gesamteinspielung des Vokalwerks von Händels Lehrer Friedrich Wilhelm Zachow. Bisher gelangte nur Bach zu einer bei den leider ausgefallenen Thüringer Bachwochen 2020 geplanten Virtual Reality der 1774 abgebrannten Himmelsburg in Weimar. Die Einspielung seiner Kantate „Himmelskönig sei willkommen“ für die mit Kopfhörer und VR-Brille begehbare Installation, deren Erst-Präsentation zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt wird, stammt von Cantus Thuringia & Capella. Es gibt eben sehr viele Möglichkeiten für die Revitalisierung Alter Musik.

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