Essay Friederike Holm

Die Welt ist abhanden gekommen

Elitärer Zirkel? Intendanten und Musiker diskutieren, wie sie Konzerte für mehr Menschen öffnen können. Es wird Zeit, dass sie auch handeln

© Frank Stefan Kimmel

Die Suche nach Innovation: Diskussion beim „Heidelberger Frühling"

„Ich glaube, wir Künstler müssen viel mehr auf Augenhöhe mit dem Publikum kommunizieren. In Kontakt treten, auch mal etwas erklären und mit allen Mitteln die eigene Leidenschaft transportieren.“ Was der Schlagzeuger Martin Grubinger hier am Rande einer Konferenz über Innovation im Konzertleben beim Heidelberger Frühling formulierte, kreist um ein wichtiges Thema: Partizipation. Was damit gemeint ist: Das Publikum soll teilhaben, soll sich involviert und angesprochen, in den künstlerischen Prozess einbezogen fühlen. Es beschreibt die Herausforderung, die sie alle umtreiben sollte, die Orchester, Festivals und Konzerthäuser, die sich ihr zukünftiges Publikum sichern wollen. Denn: Es gibt nicht außerordentlich viele Musiker, die willens und in der Lage zu dieser Art von Kommunikation sind.

Konzertbesuch im Bildungskanon? Fehlanzeige

Warum das ein Problem ist? Während sich die moderne Gesellschaft rasant verändert, zelebriert das klassische Konzert seit über 100 Jahren das immer gleiche Ritual. Gehörte es im 19. Jahrhundert zum Selbstverständnis des Bildungsbürgertums, sich im Konzertsaal zu zeigen, hat diese gesellschaftliche Gruppe heute ganz andere Orte der Repräsentation und Kommunikation gefunden: Wo sind sie, die gut ausgebildeten, gut verdienenden Leute zwischen 30 und 60, die Zielgruppe, die jeder Konzertveranstalter gerne erreichen würde? Jedenfalls selten im Konzertsaal – es gibt schließlich zig alternative Formen der Zerstreuung und Freizeitgestaltung. Alternativen, die dem demokratischen Anspruch unserer Zeit entsprechen, weil man nicht zunächst – wie im klassischen Konzert – einen Verhaltenskodex verstehen und lernen muss, um daran teilzuhaben.

Kommunikation allerorten – nur nicht im Konzert

Nehmen wir zum Vergleich ein Jazz-Konzert: Hier ist es üblich, dass einer der Musiker das Wort an das Publikum richtet, mit den Zuhörern einen Kontakt herstellt. Was für eine Wirkung dies auch im klassischen Konzert hat, kann man in den seltenen solcher Fälle beobachten, etwa wenn ein Solist seine Zugabe ankündigt und vielleicht sogar mit einem Halbsatz kommentiert: Sofort geht ein aufgeregtes Raunen durch die Reihen – das Publikum fühlt sich auf ganz andere Weise angesprochen. Und noch ein kleines Beispiel: Wurden Kinder etwa in den 1950er Jahren bei Mahlzeiten, in der Schule oder Kirche zum Stillsitzen erzogen, verlor diese Disziplin nach und nach an Bedeutung. Das heißt nicht, dass dieses Verhalten heute in einem Konzert nicht mehr erwartet werden kann und sollte. Aber bei der Frage, inwiefern klassische Musik in einem Konzert mit einem Wohlbefinden rezipiert wird und welche Aufmerksamkeitsspannen man voraussetzen kann, müssen solche gesellschaftlichen Faktoren bedacht werden.

Ganz abgesehen davon war es etwa im 17. Jahrhundert üblich, zur Musik auch Speis und Trank zu konsumieren. Fortwährend veränderten sich seitdem die kulturellen, soziologischen und ökonomischen Bedingungen, unter denen Musik gespielt und gehört wurde. Vor gut 100 Jahren jedoch nahm diese Evolution ein Ende – jedenfalls in Bezug auf das klassische Sinfoniekonzert. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele junge Menschen dieses als anachronistisch und überholt empfinden. Lässt sich diese Generation jedoch nicht für die Musik begeistern, weil sie überhaupt gar nicht erst damit in Berührung kommt, wird das klassische Konzertleben in wenigen Jahrzehnten ein Problem haben.

Das ewige Ritual: Hörst Du noch oder schläfst Du schon? 

Genau um diese Themen ging es bei der schon erwähnten Heidelberg Music Conference im März, bei der das Intendanten-Who is who des gesamten deutschsprachigen Raums versammelt war – vom Schleswig-Holstein Musik Festival bis zur Tonhalle Zürich, vom Konzerthaus Berlin bis zur Alten Oper Frankfurt. Inwiefern ist Kunst ein Spiegel gesellschaftlichen Wandels? Welche Relevanz hat sie für jetzige und zukünftige Generationen? Welche Innovationen im Konzertleben gibt es, um genau diese zu stärken? Zu letzterem Thema wurden alle Besucher der Konferenz bereits im Vorfeld befragt. Die Antworten kreisen immer wieder um die gleichen Punkte: neue Konzertformate kreieren, Rituale aufbrechen, mehr Kommunikation mit dem Publikum: „Kein Frontalunterricht, Publikum beteiligen, andere Künste einbeziehen“. Womit wir wieder beim Schlüsselwort wären: Partizipation. Oder wie es Architekt Daniel Libeskind, Stargast auf der Konferenz, formulierte: „Man muss die Aura demystifizieren.“ Die Aura des unantastbaren Meisterwerks und Künstlers. Was er damit fordert, ist nicht weniger, als Risiken einzugehen, Außenstehende in den Schaffensprozess zu involvieren, Neues auszuprobieren – auch auf die Gefahr hin, damit zu scheitern.

Erlauben Subventionen innovative Gedanken?

Was in den darauf folgenden Panels diskutiert wurde, klang weit weniger revolutionär. Über Marketing und Verpackung wurde viel diskutiert, konkrete Beispiele von innovativen Konzertideen kamen so gut wie nicht vor. Nach zwei Tagen geballtem Intendanten-Austausch bleibt vor allem eine Erkenntnis: Dass Innovationen nicht unbedingt in den subventionsgesicherten Tankern zu suchen sind. Ja, es gibt sie, die öffentlichen Generalproben, die Kinder-, Teatime-, Lunchkonzerte und wie sie alle heißen. Aber wird hier wirklich ein neues Publikum angesprochen oder bleibt man nicht lieber unter seinesgleichen?  Und wie nachhaltig sind solche Formate? Sehen die Konzerthäuser vielleicht auch gar nicht ihre Aufgabe darin, ein anderes als das „Premium“-Segment anzusprechen?

Das wäre gefährlich: Erst kürzlich hat wieder eine Studie belegt, dass es gerade in der jungen Generation längst nicht mehr selbstverständlich ist, klassische Musik live zu konsumieren: Jeder fünfte Deutsche hat im vergangenen Jahr ein Konzert besucht, bei den unter 30-Jährigen nur jeder zehnte. Das Positive jedoch: 88 Prozent der Befragten gaben an, dass klassische Musik in ihren Augen ein wichtiges kulturelles Erbe sei. Aber wenn es so wichtig ist, warum gehen sie dann nicht ins Konzert? Die Totschlagargumente: Keine Zeit, kein Interesse, zu teuer. Aber nennenswerte Anteile der Befragten nennen auch Gründe, die den Veranstaltern zu denken geben sollten: Ich nehme die Werbung dafür nicht wahr (25%), die Inhalte werden nicht verständlich erläutert (19%) oder die elitäre Atmosphäre (13%). So kommen 65 Prozent der Befragten zu dem Schluss, dass Konzerthäuser mehr dafür tun müssen, klassische Musik zugänglich zu machen.

Bewegung: Innovationsdruck in der freien Szene

Durchgeführt wurde die forsa-Umfrage vor einem halben Jahr von der Hamburger Körber-Stiftung, die im Januar dieses Jahres auch wieder Konzertveranstalter zum Symposium „The Art of Music Education“ zusammenrief. Im Kern ging es hier um die gleichen Fragen wie in Heidelberg: Inwiefern kann Musik die Gesellschaft, in der sie entsteht, widerspiegeln? Wie kann in Konzerten eine Atmosphäre geschaffen werden, die einlädt und nicht abschreckt? Auch hier zeigte sich: Neue Ideen kommen eher aus der freien Szene, die sich notgedrungen Gedanken um ihr Publikum macht, weil sie sich nicht auf Subventionen ausruhen kann. Hier gäbe es längst erfolgreiche Formate zu begutachten.

Zum Beispiel vom Ensemble Resonanz. Die Hamburger Musiker haben wie kaum ein anderes Ensemble die Partizipation des Publikums zu ihrem Prinzip erhoben, nicht nur aus einer ökonomischen Notwendigkeit, sondern aus einem künstlerischen Selbstverständnis heraus. Neben den Konzerten in der Laeiszhalle (und anderen Konzerthäusern Europas) bespielen die Streicher seit drei Jahren das Haus 73 im Szenestadtteil Sternschanze. Und hier hat das Ensemble nicht nur räumlich den Schritt aus dem Elfenbeinturm heraus vollzogen. Wo sonst alternative Bands spielen, „Tatort“ und Fußball geguckt oder zu lauter Musik getanzt wird, spielen die Resonanzler Cage und Pachelbel. Das Interessante: Das junge Publikum unterscheidet sich nicht von dem, was sonst an diesen Ort kommt. Das Konzert beginnt zu später Stunde, das Weinglas darf mit an den Platz und reihum moderiert einer der Musiker das Programm – keine Hochglanzperformance, sondern ein authentischer Einblick in die Musikwerkstatt.

Einladen – so klappt‘s auch mit den Nachbarn

Den gewährt das Ensemble auch in einer Probe vor jedem Laeiszhallenauftritt und erreicht damit das Publikum vor der Haustür. Zum Beispiel Antje Remglock, eine rüstige Rentnerin, die von sich selbst sagt, dass sie mit Klassik „nie was am Hut hatte“. Sie wohnt schräg gegenüber vom Haus 73, und man merkt ihr an, dass sie nicht zufällig dort wohnt, wo regelmäßig gegen die sogenannte Gentrifizierung und für das Bleiberecht von Flüchtlingen demonstriert wird. „Mich hat das einfach neugierig gemacht“, erklärt sie. „Eher zufällig im Vorbeigehen habe ich gesehen, dass man hier Musikern beim Proben zuhören kann. Die sind so voller Elan – das macht einfach Spaß!“ Seitdem verpasst sie kaum eines der Resonanz-Konzerte.

Was dem Ensemble Resonanz hier gelingt, ist das, was Partizipation im besten Sinne meint: Sich zu öffnen gegenüber der Lebenswirklichkeit, die außerhalb der Klassikenklave herrscht und so ein (neues) Publikum für klassische Musik zu begeistern. Es wird Zeit, dass wir mehr solcher Geschichten zu erzählen haben.

Wie spricht man das Publikum der Zukunft an? 

Auf den Inhalt komme es an, meint der Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Markus Fein.

Benedikt Stampa, Intendant des Konzerthauses Dortmund, setzt auf provokantes Marketing.

Elmar Lampson findet: „Studenten sollten nicht nur zu guten Musikern, sondern auch zu exzellenten Vermittlern ausgebildet werden.“

Form Follows Function: „Wir müssen kreativere Formen erschaffen, damit klassische Musik weiterhin ein Publikum findet“, fordert Folkert Uhde.

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