Geiger Emmanuel Tjeknavorian im Porträt

Tjek it out!

Geiger, Rising Star und jetzt auch Radiomoderator: Emmanuel Tjeknavorian geht in die Charmeoffensive

Emmanuel Tjeknavorian © Uwe Arens

Emmanuel Tjeknavorian

Die Sachertorte. Ja, das muss natürlich eine Frage sein, wenn man einem jungen Wiener begegnet, der Süßes mag. Wie sollte sie denn beschaffen sein, diese einzigartige Kreation, die die Konditorkunst der Donaumetropole einst in alle Welt trug? „Wenn man in Wien von der Original-Sachertorte spricht, gibt es eine mysteriöse Rivalität“, erklärt Emmanuel Tjeknavorian. „Und zwar zwischen dem Hotel Sacher und dem Haus Demel. Ich mag aber beide Versionen.“

Der Unterschied besteht in der wechselnden Rezeptur des Teigs und der Zahl der Marmeladenschichten. Während das Hotel Sacher mit zwei Lagen arbeitet, beschränkt sich Demel auf nur eine, direkt unter der Kuvertüre liegend. Und wie hält es der junge Geiger Emmanuel Tjeknavorian mit der eigenen Süße – also der seiner Musik? Gut, das Feine, das Wertvolle, es darf durchaus im Ohr zergehen und eine gewisse Süße offenbaren. Dennoch bleibt die Musik ein Geheimnis – wie die beste Sachertorte, die mal mit einer, mal mit zwei Lagen Marillenmarmelade durchzogen ist. Immer jedoch trägt sie diesen schimmernden, schokoschwarzen Glanz der Kuvertüre, die das luftige, dunkle Innenleben fest ummantelt.

Die Marke Emmanuel Tjeknavorian

Tjeknavorian ist ein Wanderer zwischen den Welten. Sein Vater, der Komponist und Dirigent Loris Tjeknavorian, stammt aus dem Iran und zog als 17-Jähriger nach Wien, um Musik zu studieren. Emmanuel wurde 1995 in Wien geboren, lernte mit fünf Jahren Geige und gab sein erstes öffentliches Konzert bereits im Alter von sieben Jahren. Seit 2011 studiert er bei Gerhard Schulz vom Alban Berg Quartett an der Universität für Musik und darstellende Kunst seiner Heimatstadt. Aber auch in Armenien ließ er sich ausbilden, unter anderem bei Petros Haykazyan. Erfahrungen der Wiener wie auch der Russischen Schule prägten ihn. „Er hat aus beiden den für sich notwendigen Extrakt gezogen“, analysiert ein Kritiker des ORF: „Beherztes Attackieren und Süße des Tones gehören für ihn demnach zu jenen Fähigkeiten, die, obgleich aus unterschiedlichen Richtungen erworben, bei ihm zu einer eigenen stilistischen Marke werden.“

Emmanuel Tjeknavorian

Emmanuel Tjeknavorian © Uwe Arens

Intelligenz, Chuzpe, Schmäh

Jetzt ist er also schon eine Marke – wie die Sachertorte. Mit dem Namen Tjeknavorian assoziiert man nicht mehr den Vater, sondern den hochaufgeschossenen Sohn. Und die Marke ist begehrt. Seit September moderiert der Geiger, der eine Stradivari Cremona von 1698 spielt, auf „radio klassik Stephansdom“ einmal im Monat seine eigene Sendung. Wer den Familiennamen des Jungstars richtig ausspricht, versteht schnell das Wortspiel: Als „Klassik-Tjek“ behält er den Überblick, prüft, fragt nach – und checkt eben alles. Emmanuel Tjeknavorian hat die Stimme dazu. Mit Intelligenz, Chuzpe und Schmäh (was sonst!) charmiert er sich auf unvergleichliche Weise in die Herzen seiner Zuhörer. Das Wochenende ist gerettet, wenn auch nur für Frühaufsteher: Die Sendung läuft samstags um 9:05 Uhr nach den Nachrichten.

Allemal lohnt es sich, denn der unerschrockene „Tjek“ stellt die richtigen Fragen und öffnet die Türen zum Musikeralltag. „Braucht man für einen Violinabend immer ein Klavier?“ lautete zum Beispiel das Thema der November-Ausgabe. Es kann aber auch durchaus vorkommen, dass über Fußball gesprochen wird, denn Tjeknavorian ist bekennender Fan von Real Madrid. Er selbst spielte als Teenager in der Schülermannschaft, Position: offensives Mittelfeld. Charakterisiert das auch seine musikalische Spielweise? „Durchaus! Beim Fußball war es die einzige Position, bei der ich mich wohl gefühlt habe. Meine Aufgabe war es, präzise Pässe zu spielen, also immer taktisch für die Mannschaft zu denken. In der Musik muss und kann ich sowohl defensiv als auch stürmerisch agieren, aber diese Präzision, dieses Filigrane liegt mir. Im Positionsspiel gibt es absolut Gemeinsamkeiten.“ Fußballstar wurde er nicht. Aber „Rising Star“: Nominiert durch das Wiener Konzerthaus und den Musikverein Wien, wählte man ihn für die Saison 2017/18 für die gleichnamige Konzerttour der „European Concert Hall Organisation“ aus. Die Sternenreise wird den Geiger in die renommiertesten Konzertsäle Europas führen.

Emmanuel Tjeknavorian spielt Sibelius:

CD-Tipp

Solo
Emmanuel Tjeknavorian (Violine)
Sony Classical

Termine

Freitag, 23.11.2018 20:00 Uhr Konzerthaus Dortmund

Emmanuel Tjeknavorian, Mahler Chamber Orchestra, Musiker der MCO Academy am Orchesterzentrum|NRW, Andrés Orozco-Estrada

Martinů: Sinfonia concertante Nr. 1 G-Dur, Mozart: Violinkonzert Nr. 3 G-Dur KV 216, R. Strauss: Ein Heldenleben op. 40
Samstag, 24.11.2018 19:30 Uhr Philharmonie Essen

Emmanuel Tjeknavorian, Mahler Chamber Orchestra und Teilnehmer der MCO Academy NRW, Andrés Orozco-Estrada

Martinů: Sinfonia concertante Nr. 1 G-Dur für zwei Orchester, Mozart: Violinkonzert Nr. 3 G-Dur KV 216, R. Strauss: Ein Heldenleben op. 40
Sonntag, 25.11.2018 18:00 Uhr Kölner Philharmonie

MCO Academy

Emmanuel Tjeknavorian (Violine), Mahler Chamber Orchestra, Andrés Orozco-Estrada (Leitung)

Sonntag, 24.02.2019 Weser-Ems-Hallen

Heroisch

Emmanuel Tjeknavorian (Violine), Oldenburgisches Staatsorchester, Golo Berg (Leitung)

Donnerstag, 21.03.2019 20:00 Uhr hr-Sendesaal

Die vier Temperamente

Emmanuel Tjeknavorian (Violine), hr-Sinfonieorchester, Pablo Gonzalez (Leitung)

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Rezensionen

CD-Rezension Emmanuel Tjeknavorian – Solo

Selbstbewusst

Lupenrein, klar, prägnant in seiner Artikulation und variabel in seinen Ausdrucksmöglichkeiten zeigt Emmanuel Tjeknavorian die ganze Breite seiner Fähigkeiten weiter

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