Porträt Kristian Bezuidenhout

Im Herzen ein Romantiker

Kristian Bezuidenhout probt auf dem Hammerklavier die Kunst der Improvisation

© Marco Borggreve

Kristian Bezuidenhout

Kristian Bezuidenhout

Ein ausgesprochen umgänglicher Mensch ist dieser Kristian Bezuidenhout. Allüren sind ihm fremd, auf dem Konzertpodium genauso wie im Interview. Locker gekleidet in Jeans und sportlichem Hemd erscheint der Südafrikaner im Foyer des kleinen Hotels in Hitzacker, wo er am Abend noch ein Hammerklavier-Recital mit reinem Mozart-Programm spielen wird. Als ein Höhepunkt der Sommerlichen Musiktage ist dieser Auftritt auserkoren – und wie das Publikum ein paar Stunden später weiß: Die Hoffnung hat sich erfüllt.

Dass der Musiker da keine zwei Stunden vor seinen ersten Tönen noch ein Interview gibt, scheint für ihn nicht das geringste Problem: Von der Rezeption lässt er sich den Schlüssel für ein kleines Besprechungszimmer geben – und schon kann es losgehen. Bezuidenhout braucht keine Wohlfühlatmosphäre, um entspannt über die Musik und seine Karriere zu plaudern: Da ist er ganz Profi, selbst in einem äußerst nüchternen Umfeld.

Ein Mozart-Spiel, das an den legendären Gulda erinnert

Und das Eis ist schnell gebrochen, denn schon die Einstiegsfrage, ob es sein könne, dass der Journalist ihn vor mehreren Jahren im Nonnenchor des Klosters Wienhausen bei Celle auf einer Flöte gehört habe, lässt ihn aufmerken. „Da waren sie dabei?“, erwidert er fast ungläubig – schließlich wisse kaum jemand, dass er vor seiner Entscheidung für das Hammerklavier einst auch Flöte spielte. „Ja, ich habe damals – es muss wohl 1996 gewesen sein – auf einem öffentlichen Geburtstagskonzert zu Ehren einer Verwandten, die damals in Wienhausen Äbtissin war, das Mozart-Flötenquartett gespielt“, erinnert sich der heutige Pianist. „Da war ich gerade mal 16 Jahre alt. Kurz danach habe ich dann beschlossen, mich auf das Hammerklavier zu konzentrieren.“ Und auf diesem Instrument hat er mittlerweile eine eindrucksvolle Karriere hingelegt.

Bezuidenhout ist vielleicht der einzige Solist dieses Instruments, der das Hammerklavier mit der inneren Haltung eines Ausdrucksmusikers in der Tradition der Romantik spielt und dabei so transparent musiziert, dass der aufmerksame Zuhörer wirklich alles in der Musik wahrnehmen kann. Vielleicht auch deshalb ist sein Mozartspiel so erfolgreich. Und er verfügt über zwei Qualitäten, die fast alle großen Mozartspieler auszeichne(te)n: Er lässt das Instrument so singen, dass die Gedanken immer wieder zu dem legendären Friedrich Gulda wandern. Zumal der Mann mit dem jungenhaften Gesicht über die Fähigkeit verfügt, die improvisatorischen Elemente in dieser Musik nicht nur zu erkennen, sondern auch beim Spiel umzusetzen. „Das ist immer eine gewagte Sache. Einerseits weiß man, dass diese Musik Improvisatorisches braucht und plant das schon fast ein“, erklärt der Tastenkünstler. „Andererseits führt genau dieses doch ganz leicht zu einer falschen eigenen inneren Haltung – und dann ist die Spontaneität weg. It’s tricky.“ Was den Wahl-Londoner nicht davon abhält, einen wunderbaren Mozart zu spielen.

Fasziniert von Klang und Spielmöglichkeiten des Hammerflügels

Das typische Virtuosenrepertoire hingegen, das sei nie seine Sache gewesen. „Brahms, Chopin, Rachmaninow – das hat mich nie sonderlich gereizt. Doch Bach, Haydn und Mozart, das war schon früher meine Welt – und das ist bis heute so geblieben.“ Wer dann noch hört, mit welcher Begeisterung Bezuidenhout über den Klang und die Spielmöglichkeiten von Hammerflügeln spricht, dem erscheint es nur konsequent, dass sich der Pianist inzwischen ganz diesem Instrument verschrieben hat. Ja, der Künstler plant sogar, sich demnächst am Hammerklavier mit den frühen Beethoven-Sonaten auseinanderzusetzen. Allein für dessen mittleres und spätes Klavierschaffen vermag er sich dieses Instrument (noch) nicht vorzustellen. „Dafür braucht man dann wirklich den großen modernen Flügel.“

CD-Tipp

Termine

Samstag, 28.08.2021 19:30 Uhr Nikolaisaal Potsdam

20 Jahre Kammerakademie Potsdam

Anna Prohaska (Sopran), Kristian Bezuidenhout (Klavier), Kammerakademie Potsdam, Antonello Manacorda (Leitung)

Freitag, 10.09.2021 20:00 Uhr Die Glocke Bremen
Samstag, 18.09.2021 15:00 Uhr Johann-Sebastian-Bach-Kirche Arnstadt

J. S. Bach: Johannes-Passion

Thüringer Bachwochen
Samstag, 02.10.2021 11:00 Uhr Reitstadel Neumarkt

Isabelle Faust, Kristian Bezuidenhout

Jubiläumsfestival der Neumarkter Konzertfreunde
Sonntag, 05.12.2021 16:30 Uhr Alte Oper Frankfurt

Kristian Bezuidenhout

Mozart: Rondo a-Moll KV 511, Klaviersonaten B-Dur KV 570, F-Dur KV 533 & c-Moll KV 457

Sonntag, 05.12.2021 21:00 Uhr Alte Oper Frankfurt
Sonntag, 12.12.2021 16:00 Uhr Kölner Philharmonie

Kristian Bezuidenhout, Stuttgarter Kammerorchester, Thomas Zehetmair

Bartók: Divertimento Sz 113, Haydn: Sinfonie d-Moll Hob. I:80 & Klavierkonzert D-Dur Hob. XVIII:11

Montag, 24.01.2022 19:30 Uhr Galerie Herrenhausen

Kristian Bezuidenhout, Rachel Pdger

Mozart: Violinsonaten e-Moll KV 304, D-Dur KV 306, G-Dur KV 301 & B-Dur KV 454

Montag, 31.01.2022 15:00 Uhr Mozart Ton- und Filmsammlung Salzburg
Dienstag, 01.02.2022 19:30 Uhr Mozarteum Salzburg

Auch interessant

Interview Kristian Bezuidenhout

„Und dann wird Beethoven zum Serienkiller!“

Kristian Bezuidenhout über Mozart-Interpretationen am Steinway, Beethovens wahren Charakter und Bach als Kosmopoliten. weiter

ECHO Klassik 2017: Kristian Bezuidenhout

Besessen von Mozart

Kristian Bezuidenhout und das Freiburger Barockorchester erhalten einen ECHO Klassik für ihre gemeinsame Aufnahme mit Mozart-Klavierkonzerten, die Lust auf mehr macht weiter

Rezensionen

Rezension Kristian Bezuidenhout – Beethoven

Beethoven-Entdecker

Kristian Bezuidenhout entdeckt Beethoven: Zum gelungenen Auftakt liefert er die Konzerte Nr. 2 und 5 gemeinsam mit dem Freiburger Barockorchester. weiter

Rezension Kristian Bezuidenhout – Mendelssohn

Euphorischer Aufbruchston

Schwungvoller, inniger und technisch versierter als Kristian Bezuidenhout kann man Mendelssohn kaum spielen. weiter

Rezension Kristian Bezuidenhout – Haydn: Klaviersonaten

Aufpoliert

Bei Kristian Bezuidenhout wird der Hammerflügel zum rhetorischen Medium für eine Musik, die leider immer noch von vielen unterschätzt wird. weiter

Kommentare sind geschlossen.