Porträt Pablo Heras-Casado

Neugier ohne Grenzen

Der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado ist ein Mann, der fast alles kann

© Sonja Werner

Dass ein Alte-Musik-Spezialist irgendwann am Pult eines Sinfonieorchesters steht, kommt vor. Dass er sich dann auch mal an Neuer Musik versucht, ist schon seltener. Schaut man sich aber den Jahresplan von Pablo Heras-Casado an, kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Auf John Adams‘ Nixon in China an der Kanadischen Oper folgen Sinfoniekonzerte mit Beethoven, Berg, Mahler, Mozart, Mendelssohn, Bruch, Dutilleux, Schnittke, Copland, Debussy, Haydn und Prokofjew, dazwischen ein Saariaho- und ein Tschaikowsky-Abend, ein Strawinsky-Programm, Teile aus Bachs Weihnachtsoratorium, das Violinkonzert von Weinberg sowie szenische Produktionen von Glucks Iphigenie auf Tauris und Toshio Hosokawas Matsukatse, letzteres als Uraufführung. Zwischendurch kündigt er eine künftige feste Zusammenarbeit mit dem Freiburger Barock-Orchester, einem der besten Alte-Musik-Ensembles der Welt, an und debütiert mit einem ganz und gar nicht alltäglichen Programm bei den Berliner Philharmonikern – mit Mendelssohn, Szymanowski und Berio.

Wer sich einen solchen Konzertkalender programmiert, ist entweder verrückt oder ein Genie. Pablo Heras-Casado ist vermutlich letzteres. Zumindest ist der 33jährige Spanier aus Granada der wohl Ungewöhnlichste unter den jungen Pult-Stürmern, die gerade die großen Orchester erobern. Nur zwei Dinge sucht man in seinem Kalender vergeblich: Chorkonzerte und Renaissancemusik. Aber nicht etwa, weil er das nicht könnte.

„Mit Musik bin ich im Schulchor in Berührung gekommen“, erzählt Heras-Casado. „Mit neun habe ich Klavier gelernt, mit zehn kam ich in einen Chor, wo wir bald Renaissance-Musik gesungen haben – das hat mich gepackt, und das Repertoire des 16. und 17. Jahrhunderts ist bis heute mein Fundament. Ich habe in kleinen Besetzungen gesungen und mit 17 mein erstes eigenes a-cappella-Ensemble gegründet. Nicht um Dirigent zu werden, sondern um meine eigenen Ideen zu dieser Musik umzusetzen und mit den Freunden weiterzuarbeiten. Nach einigen Monaten haben wir dann Instrumente hinzugenommen – und seitdem dirigiere ich.“

Nach der Schule studierte Heras-Casado an der Universität Kunstgeschichte, reiste zu Meisterkursen und fraß sich durch Tausende von Partituren. „Was ich mit Musiktheorie- und Klavierunterricht und an ersten Konzerthonoraren verdient habe, habe ich sofort in Noten und CDs und Reisen investiert, um Dirigenten zu sehen und Meisterkurse zu besuchen. Ganz wichtig aber war, dass ich weiterhin ein ‚richtiges‘ Leben als Dirigent meiner eigenen Ensembles hatte. Ich hatte immer den Bezug zur Praxis.“

Die Zeugnisse der Meisterkurse eröffneten Heras-Casado, der nie formell Dirigieren studiert hat, den Zugang zum andalusischen Jugendorchester, was zu ersten Familienkonzert-Dirigaten bei spanischen Profiorchestern führte. Durch einen weiteren Meisterkurs durfte er in die Arbeit der Pariser Oper hineinschnuppern, und bald kamen die ersten internationalen Anfragen. 2007 dann gewann er den Dirigierwettbewerb des Luzern-Festivals, mit Eötvös und Boulez in der Jury, und seitdem scheint seine Karriere unaufhaltsam.

Das Repertoire wird immer breiter, die Orchester immer besser – und Heras-Casados Neugier immer nur noch größer. „Man entdeckt immer mehr Dinge, die man noch studieren, wo man noch Zusammenhänge erkennen will. Viele Komponisten haben ihre mutigsten Werke in der Kammermusik geschrieben, deshalb muss man als Dirigent die Quartette von Haydn und Beethoven kennen, die Sonate von Liszt, die Klaviermusik von Chopin. Kunstgeschichte interessiert mich nach wie vor sehr, aber meine neueste Passion ist der Tanz. Es gibt so vieles zu entdecken.“

Wenn der Spanier in seiner freundlichen, bescheidenen Art von seinem Beruf schwärmt, glaubt man ihm aufs Wort, dass er gerade rundum glücklich ist. „Natürlich ist mein Leben im Moment wahnsinnig intensiv und ich muss hart arbeiten, aber für mich ist es, als wäre ein Traum wahr geworden, unbedingt.“ Angebote, Chefdirigent eines großen Orchesters zu werden, hat er bislang abgelehnt, lieber gastiert er bei seinen Lieblings-Orchestern und Ensembles oder lernt neue kennen: die Debüts beim Concertgebouw Orkest und an der Met sind bereits terminiert.

Im nächsten Jahr dirigiert Heras-Casado übrigens auch Richard Strauss und Ligeti, eine Uraufführung mit den Spezialisten vom Ensemble Intercontemporain und Donizettis L’elisir d’amore mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble in Baden-Baden. Der Mann ist wirklich verrückt oder ein Genie.

CD-Tipp

Castel: La Fontana del Placer
Eliana Bayon, Eugenia Enguita u.a.
Compania Teatro del Principe
Pablo Heras-Casado (Leitung)
Música Antigua Aranjuez

Termine

Sonntag, 10.05.2020 18:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Don Giovanni

Pablo Heras-Casado & Massimo Zanetti (Leitung), Claus Guth (Regie)

Samstag, 16.05.2020 18:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Don Giovanni

Pablo Heras-Casado & Massimo Zanetti (Leitung), Claus Guth (Regie)

Mittwoch, 20.05.2020 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Don Giovanni

Pablo Heras-Casado & Massimo Zanetti (Leitung), Claus Guth (Regie)

Samstag, 23.05.2020 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Don Giovanni

Pablo Heras-Casado & Massimo Zanetti (Leitung), Claus Guth (Regie)

Freitag, 29.05.2020 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Don Giovanni

Pablo Heras-Casado & Massimo Zanetti (Leitung), Claus Guth (Regie)

Samstag, 06.06.2020 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Don Giovanni

Pablo Heras-Casado & Massimo Zanetti (Leitung), Claus Guth (Regie)

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