Sommerreihe: Starke Frauen – Sofia Gubaidulina

Das Kreuz als Kompositionsauftrag

Ein mächtiges Œuvre mit tief religiöser Verwurzelung: Von Klanggärtnerin Sofia Gubaidulina kann die Szene der zeitgenössischen ernsten Musik immer wieder etwas lernen

Collage Komponistinnen © gemeinfrei (13), F. Hoffmann La Roche Ltd., Yamaha, shutterstock, Christophe Abramowitz

Collage Komponistinnen

An der zarten aber willensstarken Komponistin aus Russland kommt heutzutage keine Musikerin und kein Musiker vorbei. Zum Glück! Denn in den 1960er und 70er Jahren war die Schublade noch der einzige Ort, an dem die Werke von Sofia Gubaidulina landeten. Die politisch motivierte Drangsalierung von Kreativschaffenden zu Zeiten des Sozialistischen Realismus‘ sollte Klassikliebhabern nicht fremd sein: So ist Dmitri Schostakowitsch der wohl bekannteste leidtragende Komponist jener sowjetischen Problematik.

Ähnlich, nämlich eine Generation später, musste sich auch die 1931 in Tschistopol geborene Gubaidulina ihren eigenen Weg suchen. 1963 schloss sie ihr Kompositionsstudium ab und verdiente sich hiernach mit Filmmusik einen mehr schlechten als rechten Hungerlohn. Die Filmbranche hatte dabei den Vorteil, nicht der staatlichen Zensur zu unterliegen – anders jedoch ihre ernsten Kompositionen. Nachdem ein Komitee ihren ersten Sinfonie-Versuch als „Irrweg“ bezeichnet hatte, wurde die Musikstudentin von keinem Geringeren als Jury-Mitglied Schostakowitsch zur Tür begleitet. Bevor sie jedoch hinausging, raunte er ihr zu, sie solle ihren Weg dennoch fortführen. Geehrt von dieser prominenten Ermutigung zählt Schostakowitsch neben Anton Webern nach wie vor zu Gubaidulinas größten Einflüssen.

Politische und kulturelle Käfige

Doch so einfach und gerade war Gubaidulinas Weg trotz dieser Ermunterung nicht. Auch wenn ihr respektierter Lehrer Nikolai Pejko ihr viele Türen öffnete, sie Alexander Skrjabins Tonstudio kennenlernte, KollegInnen und Musiker-Freunde ihr zusprachen und ihre Kompositionen dank dieser Subkultur auch mal die Schublade verlassen durften: Gubaidulina konnte den politischen Käfig der Sowjetunion und somit den Käfig einer gewissen kulturellen Isolation nicht verlassen.

Sofia Gubaidulina

Sofia Gubaidulina © Priska Ketterer

Ende der 70er aber wendete sich das Blatt. Vollkommen angetan von ihrer Klangsprache schlug Gidon Kremer – er war anlässlich des Moskauer Herbsts zu Besuch – während einer gemeinsamen Taxifahrt vor, sie möge doch ein Violinkonzert schreiben. Zunächst tat sie eine solche Aufgabe ab, überraschte den Violinisten 1981 jedoch mit der ihm gewidmeten Partitur ihres ersten Violinkonzerts “Offertorium” (lat. „das Opfer“). “Ich hatte gehört, wie er sich selbst opferte, für den Ton, für Einzelheiten, für die Liebe.”, sagte Gubaidulina über ihre Kehrtwende. Geehrt und euphorisch widmete Kremer ihr später im Gegenzug den thematischen Schwerpunkt seines damals noch jungen Kammermusikfestes Lockenhaus 1986. In jenem Jahr gelang ihr der Durchbruch in Westeuropa. Dank Michail Gorbatschows Perestroika durfte sie mittlerweile das Land verlassen und wurde für die Musikwelt zur greifbaren Persönlichkeit. Es folgten viele Reisen und letztendlich der Umzug in ein Dorf in der Nähe von Hamburg.

Komponiert im Nirgendwo: Sofia Gubaidulina

Ein Dorf ohne Geschäfte, umgeben von Natur, und höchstens per Brief erreichbar – hier hat Sofia Gubaidulina seither ihren heilig stillen Ort des Schaffens gefunden. Ohne die Stille könnten die Spaziergänge in der Natur, die ihre Hauptinspirationsquelle sind, nicht nachklingen. Erklärt Gubaidulina ihren Kompositionsprozesss, so spricht sie von einer amorphen Inspirationsmasse und einer gestaltlosen Klangvorstellung, die sie als undefiniert geschichtete Vertikale beschreibt. Als Komponistin fühlt sie sich dazu berufen, diesen Eindruck in eine Horizontale zu bringen, nämlich in eine klingende Partitur. Mit der richtigen Umformung könne der Zuhörer letzten Endes wieder einen vertikalen Klangeindruck gewinnen – ein Weg der Gefühlsübersetzung in der Musik.

Von Horizontalen und Vertikalen

Ein Weg, der über Vertikale und Horizontale geht, welche übereinander gelegt nämlich das christliche Symbol des Kreuzes ergeben; das Kreuz ist für die gläubige Gubaidulina zentrales Motiv sowie zentrale Motivation. Das Horizontale stehe dabei für das Irdische, während das Vertikale die Verbindung zu Gott darstellt. Und diese Verbindung müsse sie – ganz im Dienste des ursprünglichen Verständnisses von „Re-ligio“, also der Wiederherstellung der Verbindung zu Gott – mit ihrer Kunst (er-)schaffen.

Inspiriert von ihrem Idol verfolgt sie ein gewisses „Prinzip Bach“, indem sie Intellekt und Emotion verbindet. Durch Zahlenreihen wie die Lukasreihe oder die Fibonacci-Folge rhythmisiert sie die Form ihrer Kompositionen; dieses Vorgehen findet sich vor allem in den jüngeren Partituren. Auch wenn der emotionale Übersetzungsweg eines Klangeindrucks schematisch klingen mag, ist dieser Prozess bei ihr natürlich und verinnerlicht. So vergleicht Sofia Gubaidulina sich dabei selbst mit einem Gärtner, der Musik und Werke züchte, vom stabilen Wurzelwerk bis hin zu überraschend neuen Ästen und Blättern.

Mit diesen kreativen Blüten berührt und beeindruckt die Komponistin nun seit fast vierzig Jahren die zeitgenössische Musik und gilt neben Edisson Denissow und Alfred Schnittke als bedeutendste russische Komponistin nach der Ära Schostakowitsch. Doch noch viel mehr hat sie es geschafft, selbst zu einer Ära zu werden: zur Ära Gubaidulina.

Das Violinkonzert “Offertorium” von Sofia Gubaidulina, gespielt von Vadim Repin, dem die Komponistin jüngst ihr drittes Violinkonzert widmete:

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