Musiksoziologie: Konzerthäuser als ideale Orte der Demokratie

Machet die Tore weit!

Was uns jetzt wirklich fehlt. Live-Konzerte sind ein Lebensmittel und eine soziale Handlung jenseits des genussreichen Luxus der Happy Few.

© Monika Ritterhaus

Leere Zuschauerränge, Abstandsgebot auf der Bühne: Nur so durfte das diesjährige Europakonzert der Berliner Philharmoniker stattfinden

Leere Zuschauerränge, Abstandsgebot auf der Bühne: Nur so durfte das diesjährige Europakonzert der Berliner Philharmoniker stattfinden

Kindergärten oder Konzerthäuser? Wer öffnet als erstes? Wer oder was ist wichtiger für das Überleben und Funktionieren, für die Gesundheit und Harmonie einer Gesellschaft? Nur das Krankenhaus und dessen effektiv ausgebaute Intensiv­medizin? Oder auch der Kulturtempel mit seiner Rundumversorgung aus Sinn und Sinnlichkeit, Glücksempfinden und Gemeinschaftsgefühl?

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn der Pandemie ihre viel beachtete, über alle Parteigrenzen hinweg respektierte und enorm einfühlsame Fernsehansprache hielt, würdigte sie im Besonderen jene Menschen, die als Angestellte in Supermärkten „den Laden am Laufen“ hielten, da gerade sie doch die Gesellschaft als Ganzes mit dem existenziell Lebensnotwendigen versorgten. Das war zu jenem Zeitpunkt ein so wichtiger wie richtiger Satz. Doch umso entscheidender ist in den nun folgenden Phasen einer Rückkehr vom Lockdown in die offene Gesellschaft des Miteinander-Lebens die Erkenntnis: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier brachte den zwingenden Zusammenhang zu Beginn des ohne Publikum veranstalteten Europakonzerts der Berliner Philharmoniker am 1. Mai zum Ausdruck, in dem Deutschlands Eliteorchester in minimierter, weil pandemiekonformer Besetzung Gustav Mahlers dem Leben so zugewandte Sinfonie Nr. 4 spielte: Kunst und Kultur sind „keine verzichtbaren Neben­sachen.“ Das Staatsoberhaupt betonte: „Gerade in diesen Tagen erfahren wir: Kunst und Kultur sind, in einem sehr buchstäblichen Sinn, Lebensmittel.“

Fressen ohne Moral ist barbarisch

Brot und Spiele gehören zusammen. Das wussten schon die alten Römer. Über Bertolt Brechts Priorisierung „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ aus seinem haifischbissigen Evergreen „Die Dreigroschenoper“ lässt sich zwar philosophisch, politisch und soziologisch trefflich streiten, fest steht freilich: Fressen ohne Moral ist barbarisch. Denn die kulturellen Praktiken einer Gesellschaft, die nicht zuletzt in den gemeinschaftlichen Ritualen von Konzerten, Theater- und Opernvorstellungen immer wieder neu erprobt und damit auch in ihrer Wirksamkeit getestet werden, sie sind ein genuin demokratischer Akt, sie sind eine soziale Handlung jenseits des genussreichen Luxus der Happy Few. Aus den vorbildhaften Frühzeiten der europäischen Demokratie, wie sie erstmals im antiken Griechenland gelebt wurde, wissen wir: Kultur ist die Verhandlung der res publica im Forum und dessen künstlerisch konkreten Orten wie jenen der weit ausschwingenden Reihen des Amphitheaters. Moderne, dem alten Ideal vielfach abgeguckte Orte der demokratischen Selbstvergewisserung sind der Konzertsaal und das Opernhaus, die Arena und das Stadion.

Die res publica allerdings verträgt keine Pause, allenfalls eine der höchsten Not geschuldete Atempause oder aber eine jährliche Sommerpause, während der sich Politiker und Künstler erholen können und während der (wiederum den alten Griechen abgeschaut) allerhand Festspiele ihrerseits für den sogar noch vertiefenden Austausch und die gesteigerte Wahrnehmung künstlerischer Inhalte sorgen. Die Demokratie muss gelebt werden, sie muss sich verteidigen und beweisen können. Sie kann sich dazu sehr wohl auch digitaler Kanäle der Kommunikation bedienen; wer seine Interessen durchsetzen will, muss auf ihrer Klaviatur erfolgreich und vor allem vernehmlich spielen können.

Doch die Dominanz der digitalen Kommunikation und die damit einhergehende Wahrnehmung von Wirklichkeit und die scheinbar schwindende Bedeutung der wahren Welt des Analogen stehen in einem Spannungsverhältnis. Wir dürfen nicht dem Irrtum erliegen, dass die (gerade in den aktuellen Krisenzeiten so willkommene) digitale Kulturvermittlung den Zauber des unmittelbaren Live-Erlebens für eine wie lange auch immer dauernde Zeitphase ersetzen könne. Es könnte sich als ein so verständlicher wie sympathischer Fehler der Kulturindustrie erweisen, in diesen Krisenzeiten die nahezu ganze kreative Kraft in die Präsenz künstlerischer Inhalte durch oftmals kostenlose Strea­mings zu investieren. Damit rufen Konzert- und Opernhäuser zwar vernehmlich hinaus in die Welt: „Wir sind noch da“ und „Wir spielen weiter“ oder auch „Unsere Stimmen sind nicht verstummt.“ Aber sie nivellieren auch die Einzigartigkeit und Einmaligkeit des gemeinschaftlichen Berührtwerdens im nicht wiederholbaren magischen Moment der Aufführung. Erst das zeitweise vollständige Verstummen der Musik würde uns auch vollends vor Ohren und Augen führen, was wir aktuell verlieren, was uns gerade wirklich fehlt oder auch – einmal bewusst romantisch gefragt: wonach wir solche Sehnsucht haben.

© Monika Ritterhaus

Als man „social distancing“ noch nicht kannte: Das Boulez Ensemble unter der Leitung von Daniel Barenboim im Pierre Boulez Saal im Dezember 2019

Als man „social distancing“ noch nicht kannte: Das Boulez Ensemble unter der Leitung von Daniel Barenboim im Pierre Boulez Saal im Dezember 2019

Aber was ist es eigentlich, das uns fehlt? Der musikalisch hellhörige Philosoph Friedrich Nietzsche könnte es geahnt haben, als er in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen resümierte: „Damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen, und der große Sinn derer, die es erleben.“ Der Denker zielte mit Blick auf Richard Wagners Bayreuther Festspielvisionen auf „dieses Sich-Entsprechen von Tat und Empfänglichkeit“, somit auf das Zusammenspiel von Klang und Resonanz, auf den direkten energetischen wie emotionalen Austausch zwischen Sendern und Empfängern, zwischen Künstlern und Publikum.

Konzerthäuser als ideale Orte der Demokratie

Das Gelingen eines Konzerts oder einer Opernvorstellung bemisst sich danach weniger am Urteil von nach strengen Maßstäben bewertenden Kritikern, das Glück des Gelingens und Vollbringens ereignet sich vielmehr im Augenblick der Aufhebung einer Trennung – jener zwischen aktiven Produzenten und passiven Rezipienten. Der Gemeinde eines Gottesdienstes nicht unähnlich verschmelzen Vollbringende und Erlebende in einem durchaus rituell zu nennenden Akt, sie transzendieren dabei die Unterschiede von Geschlecht und Herkunft, Zahlungskraft und Status. Der Segen der staatlichen Subventionen für derlei genuin soziale Handlungen sichert hierzulande die prinzipielle Gleichberechtigung des Zugangs zu Konzerthäusern als gleichsam idealen Orten der Demokratie.

Huldigte das italienische Logentheater in seinem hierarchischen Bauplan einst den höfischen Herrschern als Bauherren und Geldgeber, geht gerade die zeitgenössische Denkart des Konzerthauses in der Anordnung ineinander geschachtelter Weinberge direkt auf das antike Amphitheater und seine Ideale der Integration des Heterogenen einer Gesellschaft zurück, die sich in einem kollektiven Ritual der Musikrezeption hingibt und damit einen demokratischen Akt der Gemeinschaftsbildung und Selbstvergewisserung verschreibt. Es stimmt hoffnungsvoll, dass Angela Merkel an einem weiteren Wendepunkt der Pandemie die Kultur jüngst zur Chefsache machte. Kindergärten und Konzerthäuser gehören so sehr zusammen wie Fressen und Moral, beide sind grundlegend für Werden und Wachsen, für Wohlbefinden und Wohlstand eines Gemeinwesens. Konzerte dienen eben nicht nur dem Hören und Genießen in Zeiten der Saturiertheit, sie werden im besten Falle zu einer Schule der Wahrnehmung feinster Unterschiede, der Empathie und des Gemeinsinns – gerade jetzt in Phasen größter gesellschaftlicher Herausforderungen. Machet die Tore weit! Natürlich verantwortungsvoll, mit Masken – und Musik für alle.

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