Das Hessische Staatstheater Wiesbaden reagiert auf Corona-Lockerungen

„Dass man sich vergisst, gehört zum Leben“

Seit dem 18. Mai ist das Staatstheater Wiesbaden wieder für Besucher geöffnet. Doch von einem normalen Spielbetrieb mag Intendant Uwe Eric Laufenberg noch nicht reden.

© Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Einmal mit dem Finger schnippen, schon steht das Konzert, die Opern- oder Ballettaufführung – schön wär’s! Kulturveranstaltungen brauchen viel Vorlaufzeit und Planungssicherheit. Eben diese ist im Korsett des Corona-Lockdowns nicht gegeben. Die befristeten Auflagen zur Eindämmung der Pandemie verfallen gefühlt schneller als eine Packung Frischkäse. Man fährt auf Sicht und drängt die Kulturschaffenden an den Straßenrand, wo sie vorerst ausharren müssen. Doch langsam lichtet sich der Nebel. Als erstes Bundesland hat Hessen die Schutzbestimmungen gelockert und das Staatstheater Wiesbaden reagierte prompt.

„Mit Abstand spielen ist Unsinn“

„Als am 7. Mai die Verordnung kam, dass wir ab 9. Mai unter Beachtung der Hygienemaßnahmen wieder spielen können, habe ich in einer Woche den Spielplan vom 18. Mai bis 6. Juni auf die Beine gestellt“, berichtet Intendant Uwe Eric Laufenberg. Ein Spielplan als Kompromiss zwischen Kunst und Corona. Opernaufführungen wie „Der fliegende Holländer“ oder „Arabella“, die eigentlich im Rahmen der abgesagten Internationalen Maifestspiele stattfinden sollten, werden nun in möglichst keimfreien Versionen nachgereicht. So beklagen Andreas Schager und Catherine Foster als Tristan und Isolde ihre unterfüllte Liebe zu den Klängen von Klavier und Geige. An anderen Stellen der mit einem Sängerquintett besetzten Wagner-Oper werden Orchesteraufnahmen eingespielt.

© Lena Obst

Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Nahekommen dürfen die beiden sich auf der Bühne selbstredend nicht. Nur bei Richard Strauss’ „Arabella“ kann man auf Tuchfühlung gehen: Hier verkörpert das Sängerehepaar Michael Volle und Gabriela Scherer die Liebenden – ein Glücksfall. „Theater spielen mit 1,5 Metern Abstand ist eigentlich Unsinn“, bekennt Intendant Laufenberg und sieht in der gegenwärtigen Situation „eher ein Zeichen, ein Symbol, das ein Fenster öffnet für die Zukunft, wobei wir hoffen, so schnell wie möglich wieder unter normalen Bedingungen arbeiten zu können.“

Endlich wieder echte Menschen sehen

Der österreichische Bass Günther Groissböck entdeckt in der zaghaften Wiederaufnahme des Spielbetriebs immerhin „einen Hauch von Normalität“. Er eröffnete den dreiwöchigen Corona-Spielplan am 18. Mai mit einem Liederabend in Begleitung von Pianistin Alexandra Goloubitskaia. Vorbereitungszeit: zehn Tage. „Ich habe mich wahnsinnig gefreut, wieder loslegen zu können, dass das Leben wieder losgeht, die Leute aus ihren Löchern gekrochen kommen und Lust haben, echte Menschen zu sehen!“ Seit Beethovens Neunter mit den Wiener Philharmonikern Ende Februar in Paris gab es für Groissböck keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Doch im 1000-Plätze-Saal in Wiesbaden sitzen der Abstandsvorschrift gemäß nur 200 Besucher.

Ein Hauch von Revolution

© Dominik Stixenberger

Günther Groissböck

Günther Groissböck

„Als ich vor dem Auftritt auf dem Monitor den Zuschauerraum gesehen habe, war ich doch etwas schockiert. Aber im gleichen Moment macht man sich bewusst: Die geringe Besucherzahl hat nichts mit uns oder dem mangelnden Interesse des Publikums zu tun.“ Ein sehr zeitbezogenes und anspielungsreiches Programm hat Groissböck zusammengestellt mit Liedern aus Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“ und Schuberts Goethe- und Mayrhofer-Vertonungen. Prometheus begehrt darin auf, Ganymed fragt nach den Grenzen der Menschheit und Dichter Mayrhofer stürzte sich als Zensor wider Willen aus dem dritten Stock seines Dienstgebäudes in den Tod.

Überschrieben ist der Abend mit einem revoltierenden Schiller-Zitat: „Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit“. Diesen Wunsch nach Ausbruch aus den bedrückenden Zuständen will Groissböck auch unter den Zuhörern gespürt haben: „Beim Betreten des Saals gab es Maskenpflicht, danach durfte man die Maske abnehmen. Am Ende hat kaum noch einer eine getragen. Es tut einfach gut zu sehen, wie die Leute sich dieses Symbol der Übervorsicht und Angst herunterreißen. Es hatte einen Hauch von Revolution, wie nach der Zugabe die alte Begeisterung wieder da war. Dass man sich in so einem Moment vergisst, gehört zum Leben. Das ist gut und sehr erfrischend.“

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