Werk der Woche - Sibelius: Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43

So klingt Finnland

Mit seiner zweiten Sinfonie betrat der finnische Nationalkomponist Jean Sibelius musikalisches Neuland

Jean Sibelius © Wikimedia Commons

Jean Sibelius

Eine Luftveränderung tut jedem gut, dachte auch ein großzügiger Mäzen, als er Jean Sibelius im Februar 1901 samt dessen Familie nach Italien schickte. Umgeben von blühenden Exoten in der Villa eines gewissen Signor Molfino, inmitten der Berge von Rapallo, stellte sich die erhoffe Inspiration schon nach kurzer Zeit ein.

Sibelius begann über mehrere ambitionierte Projekte nachzudenken, darunter ein viersätziges Tongedicht basierend auf „Don Juan“ sowie eine Vertonung von Dantes „Divina Commedia“. Während keiner dieser Pläne jemals verwirklicht wurde, fanden einige der Skizzen ihren Weg in den zweiten Satz der D-Dur Sinfonie. Wegen der intensiven Beschäftigung mit dem Don Juan-Mythos nannte er sie sogar einmal sein „Sündenbekenntnis der Seele“.

Wenn das Paradies fern der Heimat liegt

Italien war Sibelius nicht fremd. Bereits 1897 hatte er in Gesellschaft eines Jugendfreundes verschiedene Städte wie Venedig, Ascona oder Florenz als Tourist besucht. Trotz dieser traumhaften Umgebung, in der viele Ideen herangereift sind, war der Süden keineswegs nur ein Paradies für den Komponisten. Er war nach wie vor ruhelos und vermisse zudem seine Heimat. Zu allem Überfluss erkrankte im März auch noch seine Tochter Ruth an Typhus.

Doch kaum hatte sich seine Tochter soweit erholt, ergriff der Vater die Flucht nach Rom. Denn arbeiten könne er nur in völliger Einsamkeit. Und tatsächlich machte er dort schnell Fortschritte an seiner „Orchesterfantasie“, wie er die Skizzen zunächst betitelte. In gewisser Weise spiegelt sich das Innenleben des Komponisten während seines viermonatigen Italienaufenthalts voller Höhen und Tiefen auch in seiner zweiten Sinfonie wider.

Auf der Rückreise nach Finnland legte Sibelius einen bedeutungsvollen Zwischenstopp ein. „In Prag war ich bei Dvořák, der durch seine rücksichtslose Ehrlichkeit (nicht zuletzt gegen sich selbst) imponiert“, schrieb Sibelius in einem Brief. Durch dieses Treffen gelangte Sibelius zu neuen Sichtweisen, besonders was das Thema Nationalismus in der Musik betrifft. Zwar wird die zweite Sinfonie gerne als eine Mischung aus slawischer Schwermut und mediterraner Leichtigkeit bezeichnet, niemals aber war es seine Absicht, einen „finnischen Tonfall“ zu erfinden oder gar Folklore in seine Musik einfließen zu lassen, etwa so wie Antonín Dvořák.

Drei Töne erschaffen eine neue Welt

Die Uraufführung am 8. März 1902 führte in Finnland deshalb auch zu kontroversen Reaktionen. Vor allem die heroischen sowie optimistischen Ecksätze scheinen den Nerv des finnischen Publikums inmitten der russischen Unterdrückungsperiode getroffen zu haben. Ob das letztendlich auch Absicht des Komponisten war, ist nicht belegt. Auf jeden Fall gilt die zweite Sinfonie als das Ende von Sibelius’ Frühromantik.

Jean Sibelius, Sinfonie Ne. 2, Beginn des 1. Satzes

Jean Sibelius, Sinfonie Ne. 2, Beginn des 1. Satzes © gemeinfrei

Auch wenn die vier Sätze rhythmisch wie melodisch klar voneinander getrennt zu sein scheinen, erkennt man beim genaueren Hinhören den in den Streichinstrumenten aufgefächerten Dreiklang vom Beginn des ersten Satzes, der raffiniert die komplette Sinfonie durchzieht. In den späteren Werken verstärkte sich Sibelius’ Interesse, neue formale Methoden auf der Basis von Fragmentierung und Neukombination zu verfolgen.

Durch ihre neuartige, individuelle Tonsprache hat sich die zweite Sinfonie ihre außerordentliche Popularität bewahrt – nicht zuletzt auch wegen des überwältigenden Schlusssatzes, den Mathias Husmann in seinen „99 Präludien fürs Publikum“ wie folgt beschreibt: „Die letzten, hymnisch strahlenden Takte sind kaum auszuhalten. Nach dem Schlussakkord dieser traumartigen Sinfonie des Glücks muss man erst erwachen.“

Die wichtigsten Fakten zu Jean Sibelius’ Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43:

Satzbezeichnungen:

1. Satz – Allegretto
2. Satz – Tempo andante, ma rubato
3. Satz – Vivacissimo
4. Satz – Allegro moderato

Spieldauer:

ca. 45 Minuten

Uraufführung:

Die Uraufführung in Helsinki am 8. März 1902 mit dem Orchester der Philharmonischen Gesellschaft dirigierte Sibelius selbst. Die revidierte sowie endgültige Fassung wurde zum ersten Mal am 10. November 1903 in Stockholm unter der Leitung von Armas Järnefelt aufgeführt.

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Referenzeinspielung

The Absolute Sibelius
Sibelius: Violinkonzert & Sinfonie Nr. 2
Pekka Kuusisto (Violine), Helsinki Philharmonic Orchestra, Leif Segerstam (Leitung)
Ondine

Leif Segerstam und das Helsinki Philharmonic Orchestra interpretieren Sibelius’ zweite Sinfonie mit überwältigender Beherztheit. Linien werden ausmusiziert, harmonische Spannungsbögen werden nachvollziehbar. Die Kombination aus lebendiger Klarheit und greifbarer Unmittelbarkeit schafft ein durch und durch ineinander verwobenes und lebendiges Klangbild, die jedes noch so kleine Detail der wohl bekanntesten aller Sibelius-Sinfonien zum Vorschein bringt.

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