Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36

(UA Moskau 1878)

Von Weitem wirkt die Sinfonie klassisch: vier Sätze, der erste lang, mit einer getragenen Einleitung vor dem lebhaften, sonatenförmigen Hauptteil, die weiteren Sätze kürzer und übersichtlich. Canzona und Scherzo dreiteilig (ABA), das Finale rondoartig – ein richtiger Rausschmeißer.

Von Nahem allerdings erweist sich die Vierte als Seelendrama – das erste in der Folge der drei letzten großen Sinfonien von Tschaikowsky. Dabei steht die klassische Form dem musikalischen Bekenntnischarakter im Wege – wie gesellschaftliche Normen der Selbstverwirklichung des Einzelnen im Wege stehen. Erst in seiner sechsten und letzten Sinfonie Pathetique verwarf Tschaikowsky die klassischen Normen und erreichte Kongruenz zwischen seinem persönlichen Ausdrucksbedürfnis und der musikalischen Form.

Die Einleitung ist ein Fatum: Hörner blasen zur Jagd – auf einen Menschen. In greller harmonischer Beleuchtung wiederholen die Trompeten den Schicksalsspruch, zwei erbarmungslose Tuttischläge, dann verblasst der Albtraum – zurück bleibt ein verstörter Außenseiter ... das Fatum droht über allen Portalen des Sonatensatzes: zu Beginn der Durchführung, vor der Reprise, in der Coda. Trotzdem: Das wiegende Seitenthema – von der Klarinette angestimmt – ist unvergesslich: berückende Illusion eines erträumten Glückes ...

Nach dem Drama des ersten Satzes ist die Ruhe der Canzona wohltuend. Eine melancholische Melodie wandert durch das Orchester in gleichmäßiger, sanft phrasierter Bewegung ...

Das Scherzo ist eine Groteske: Bizarr springen die Pizzicati zwischen den Streichergruppen hin und her; fast parodistisch wirken die Bläsereinwürfe in ihrem aufgeregten Marschgehabe ...

Finale – endlich wacht das Schlagzeug auf! Ein wildes Volksfest – wie es das Ego erlebt: erst begeistert, dann depressiv und panisch. Das Ego versucht zu fliehen, aber das Fatum vertritt ihm den Weg: Zurück auf Anfang!

Nach einer langen Fermate führt ein sehr allmählich, aber unaufhörlich wachsender Paukenwirbel zum taumelnden, schweißtreibenden, opernhaft applausträchtigen Schluss – ist da jemand unter die Räder geraten?

(Mathias Husmann)

Werk der Woche - Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 4

Seelendrama und Bekenntniswerk

Mit seiner vierten Sinfonie komponierte Tschaikowsky wohl sein persönlichstes Werk,… weiter