Blind gehört Elīna Garanča

„Ah, das bin ja ich!“

Die Mezzosopranistin Elīna Garanča hört und kommentiert CDs von Kollegen, ohne dass sie erfährt, wer singt

Elīna Garanča © Holger Hage

Elīna Garanča

„In welcher Sprache wird das Interview sein?“, frage ich gerade noch zwischen Tür und Angel den Manager. „Auf Lettisch bitte“, tönt da schon eine tiefe Frauenstimme aus dem unerwartet nahen Nachbarzimmer. „Können Sie lettisch? Sonst geht’s nicht“, begrüßt mich Elīna Garanča lachend in nahezu akzentfreiem Deutsch. Dann drehen wir einen Sessel zu einem Fenster des Ritz-Carlton mit Blick auf den trubeligen Potsdamer Platz, und mit dem Rücken zum CD-Player lauscht die Mezzosopranistin den mitgebrachten Aufnahmen.

Rossini: L’Italiana in Algeri, Cruda sorte! Amor tiranno
Teresa Berganza (Mezzosopran), Silvio Varviso (Leitung)
1963. Urania 

Das ist natürlich Teresa Berganza in L’italiana in Algeri. Es ist komisch, dass ihre Stimme in so einer Studioaufnahme vielmehr nach einem Mezzo klingt als live. Ich habe sie nie „live live“ gehört, aber bei Radio oder TV-Übertragungen aus großen Sälen klang sie immer viel sopranistischer als hier. Für uns, die wir in Lettland studiert haben, war sie immer das beste Beispiel dafür, dass Mezzosoprane nicht so groß und schwer klingen müssen wie die russischen Vertreterinnen. Dass sie flexibel sein können, eine große Bandbreite an Partien zur Verfügung haben und auch eine leichtere, lyrische Farbe besitzen können. Und das hat mir auch Mut gegeben, denn ich wurde in Lettland von vielen so halb als Sopran bezeichnet. Ich habe immer gesagt: Nein, ich bin ein Mezzosopran! Denken Sie an Teresa Berganza, die ist als Mezzosopran weltweit anerkannt!

Händel: Alcina, Ah! mio cor, schernito sel
Joan Sutherland (Sopran), Ferdinand Leitner (Leitung)
1959. Deutsche Grammophon

Händel? Eigentlich kenne ich wenig von ihm. Aber das hier – die Worte erinnere ich teilweise, auch die Melodie. Wer singt da? Joan Sutherland? Wirklich? Sie ist sehr bedeutend für mich, aber hier habe ich sie nicht erkannt. Eigentlich habe ich akustisch von ihr in Erinnerung, dass sie den Mund immer sehr lang nach unten zog und dadurch den Text etwas verfremdete. Aber hier hat sie sehr viel Flexibilität in der Aussprache. Als sie älter wurde, hatte sie dann einen etwas seltsamen Personalstil. Es klingt sehr barock, nicht so, wie ich sie kenne.

Mozart: Laudate Dominum
Elīna Garanča (Mezzosopran), Karel Mark Chichon (Leitung)
2014. Deutsche Grammophon

  

Eine der schönsten Sopranarien, die in der geistlichen Musik geschrieben wurden, finde ich. Ich habe sie einmal in einem Konzert in Salzburg mit Riccardo Muti gehört, das war einer der Momente, wo für mich die Zeit stehengeblieben ist. Ah, das bin ja ich! Darauf war ich jetzt nicht eingestellt. Ich habe mich nicht sofort erkannt, weil ich mich bei Aufnahmen immer nur über Kopfhörer höre. Und das ist dann so brutal direkt, dass man den Raum-Oberton nicht hat. Das wollen wir bei den Korrekturproben auch nicht, da wollen wir diesen reinen Küchenklang haben, damit wir wissen, wo wir noch etwas ausbessern und zusammenkleben sollten. Und danach höre ich meine eigenen Aufnahmen eigentlich nicht mehr an. Ich muss sagen, einige Phrasen sind gar nicht so schlecht gesungen!

Schubert: An die Musik

Elisabeth Schwarzkopf (Sopran), Edwin Fischer (Klavier)

1952-1957. Urania

  

Das ist Schubert, An die Musik, aber wer singt es? Ist das Schwarzkopf? Schwarzkopf und deutsches Lied, das war für mich immer der am meisten typische Klang deutschen Gesangs. Ich weiß nicht, weshalb ich das immer mit Kunstlied verbunden habe. Es ist sehr kopfig, für italienische Musik fehlt etwas der Körperklang. Das wiederum würde nicht zu Schubert passen. Natürlich war sie berühmt für die Marschallin im Rosenkavalier, da hat mir aber immer etwas der tiefere Teil des Körpers gefehlt. In meiner Opernausbildung in Lettland wurde immer über die „Deutsche Schule“ gesprochen. Wenn nicht gerade Wagner gesungen wurde, dann war das Klischee: In der „Deutschen Schule“ singt man nur mit dem oberen Drittel des Körpers. Für die Partien, die ich jetzt studiere – Verdi und Verismo –, ist diese Art zu singen nicht geeignet.

Schubert: An die Musik

Hans Hotter (Bassbariton), Gerald Moore (Klavier)

1956-1957. Testament

  

Ich kenne die Stimme nicht. Hans Hotter? Den kenne ich durchaus! War er nicht an der Dresdner Oper? Der Haupt-Ochs für den Rosenkavalier? Er hat viel mehr Körper, ist weicher in den Übergängen oben. Schönes Legato … Ich setze mich immer wieder mit der Frage auseinander, wie Stimmen im Raum klingen. Ich bin der Überzeugung, dass es Stimmen gibt, die ideal für Aufnahmen sind. Die verlieren dann leider oft im großen Saal dieses Runde und Schöne. Und dann gibt es wiederum Stimmen, die scheinen bei der Aufnahme rau, nicht so fokussiert und mit viel Luft. Und dann hörst du die vor einem Publikum von 4 000 Leuten, und plötzlich gewinnt diese Stimme unglaubliche Kraft. Es gibt wenige Stimmen, die gut für beide Sachen sind. Ich glaube, meine Stimme klingt besser im Raum … ein eigener Impuls.

Massenet: Werther, Pourquoi me réveiller

Jonas Kaufmann (Tenor), Marco Armiliato (Leitung)

2007. Decca

  

Oooh, wer wird das jetzt sein? Der verrückte Poet! Das ist Jonas Kaufmann. Vor ein paar Jahren haben wir die ganze Szene zusammen in Baden-Baden gesungen: Seine Arie und das Duett noch anschließend. Man erkennt ihn sofort an seinem Timbre, das ist einfach sehr besonders. Er hat eine gewisse Manier, den Ton anzusetzen und dann aufblühen zu lassen. Ich glaube, das ist für einen Sänger der große Traum, an den ersten zwei, drei Noten erkannt zu werden. Ich habe von ihm bis jetzt live nur deutsches und französisches Repertoire gehört. Ich glaube, das ist seine wirkliche Stärke. So wie ich ihn kennengelernt habe. Das hängt auch mit seinem Timbre zusammen. Da ist so eine besondere Schwingung. Seine italienischen Partien sind für mich noch eher Neuland. Ich könnte Ähnliches über mich sagen, ich fange auch gerade erst mit dem italienischen Repertoire an.

 

Mozart: Le nozze di Figaro, Hai già vinta la causa

 Thomas Hampson (Bariton), Nikolaus Harnoncourt (Leitung)

 2009. Warner Classics

   

Thomas Hampson. Ein schöner Graf. Der erste Eindruck, den ich von Hampson hatte, kam von einer Met-Gala Anfang der 1990er Jahre im Fernsehen: Rossinis Barbiere, Largo al factotum. Ich sah das mit meiner Mutter, und wir waren vollkommen hin und weg. Er hatte so eine Eleganz, Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Er hat natürlich mittlerweile schwereres Repertoire gesungen, obwohl er eigentlich eine lyrische Stimme hat. Das Orchester ist größer, man muss lauter sein, die natürliche Farbe geht dann verloren. Kann sein, dass mir das auch passiert. Er war immer so perfekt und rund, wenn er nicht die volle Stimme geben musste. Man hätte sagen wollen: Bleib dort. Aber ich kann auch verstehen, dass so ein intelligenter Sänger nach so vielen Jahren Graf auch mal was anderes singen will. Und sein Mahler ist wirklich ungeschlagen.

R. Strauss: Salome, Ah, du wolltest mich nicht einen Mund küssen lassen

 Cheryl Studer (Sopran)

 1991. Deutsche Grammpohon

  

Cheryl Studer, wirklich? Also, die Stimme geht hier an die Grenze, richtig an die Grenze, meiner Meinung nach. Man sagt ja, dass es einige Dirigenten gibt, die Stimmen kaputt gemacht haben. Wenn ich persönlich so eine Partie mit dieser Intensität singen würde, würde ich wohl in zwei Jahren kaputt sein, wäre ich ein Sopran. Normalerweise hat sie Mozart und Belcanto gesungen. Manche Stimmen sind für manche Partien einfach nicht gemacht. Für mich wird jetzt die Santuzza auch ein Ausflug. Ich habe 20 Jahre Erfahrungen mit ganz anderen Dingen gesammelt. Bei ihr jedenfalls hört man einen Tonansatz, der in dieser Musik nicht üblich ist. Bei diesem Sprechgesang von Wagner und Strauss, der schnell rauf und runter geht, müssen Sänger ihre Stimme sehr schnell auf die jeweiligen Tonhöhen einstellen, und das höre ich bei ihr nicht. Die Stimme stellt sich immer dann gut ein, wenn sie längere Töne zu singen hat.

 Verdi: Don Carlos, O don fatale

 Grace Bumbry (Sopran), ROH, Georg Soltl (Leitung)

 1966. Decca

  

Ist das Fiorenza Cossotto? Aha, Grace Bumbry. Ich erkenne sie nicht! Was ist denn das für eine Aufnahme? Kenne ich überhaupt nicht! Wow. Schön. Ah, am „L“ erkennt man jetzt doch das Amerikanische, das war bei ihr immer sehr hart. Danach hat sie ja auch sehr viele Sopranpartien gesungen, denn sie hat eben eine gewisse Sonne, einen Schein, wenn sie von der ersten Oktave nach oben geht. Hören Sie das? Sie hat das sogenannte Squillo, den Kuppelklang, der Klang entfaltet sich quasi als Fächer über dem Kopf. Man darf da nicht reindrücken, das entsteht einfach, wenn man gut singt. Ich bin überrascht. Ich denke, so organisch hat sie später nicht mehr gesungen. Von 1965 ist die Aufnahme? Muss ich mir anhören. Ich werde die Eboli bald auch singen. Ich bin eigentlich ein lyrischer Mezzo – und meiner Stimme eine solche Dramatik zu geben, ohne zu drücken, ist eine echte Herausforderung. Hinzu kommt, dass diese Partie in jüngerer Vergangenheit von einigen Kolleginnen aus einer russisch-bulgarischen Schule gesungen wurden. Bei denen klingt diese Mezzopartie wie ein Alt, und seitdem wird Eboli auch oft so besetzt.

 

CD-Tipp

Revive –
Werke von Berlioz, Cilea u. a.

Elīna Garanča (Mezzosopran),
Roberto Abbado (Leitung)
Deutsche Grammophon

Termine

Dienstag, 21.05.2019 20:00 Uhr Gasteig München

Elīna Garanča, NDR Radiophilharmonie, Karel Mark Chichon

Arien & Romanzen aus Frankreich, Italien und Spanien
Freitag, 24.05.2019 20:00 Uhr Tonhalle Düsseldorf

Elina Garanca, NDR Radiophilharmonie, Karel Mark Chichon

Arien und Romanzen von Tosti, Lara, Curtis, Montes u. a.
Sonntag, 26.05.2019 19:00 Uhr Philharmonie Essen

Elina Garanca, NDR Radiophilharmonie, Karel Mark Chichon

ieder und Romanzen von Curtis, Lara, Montes,Tosti u. a.

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