Interview Konrad Junghänel

„Lieber an diesem Punkt aufhören als zu spät“

Der Lautenist und Dirigent Konrad Junghänel verabschiedet sein Originalklangensemble Cantus Cölln beim Felix!-Festival in der Philharmonie.

© Stefan Schweiger

Genießt auch als Gastdirigent internationales Renommee: Der 1953 in Gütersloh geborene Konrad Junghänel

Genießt auch als Gastdirigent internationales Renommee: Der 1953 in Gütersloh geborene Konrad Junghänel

Er gehört zu den wirklichen Pionieren der Alte-Musik-Szene: Vor 35 Jahren gründete Konrad Junghänel das Originalklang­ensemble Cantus Cölln und leitet nun beim Felix!-Festival in der Kölner Philharmonie dessen Abschiedskonzert. Der Lautenist ist auch vielfach als Operndirigent gefragt und wird allerorten für klare Phrasierung, kernigen Ton und beglückende Textinterpretationen gerühmt. Im Interview spricht der 69-Jährige über die Folgen der Pandemie, die Pionierzeit der Wiederentdeckung der Alten Musik und den richtigen Moment aufzuhören.

Wie sind Sie als freies Ensemble durch die Pandemie gekommen?

Konrad Junghänel: Sowohl für Cantus Cölln als auch für die großen Klangkörper, die ich dirigiere, gab es eine ­Totalpause von elf Monaten. Insgesamt habe ich während der Pandemie vielleicht drei Monate arbeiten können.

In Basel fahren ehemalige Sänger jetzt Straßenbahn. Ein Einzelfall?

Junghänel: Dieses Extrembeispiel ging durch die Presse. In meinem eigenen Ensemble haben drei Instrumentalisten ihren Beruf an den Nagel gehängt. Als Freelancer hat man ja sowieso immer schon am Existenzminimum gelebt, das belegen die Statistiken der Künstlersozialkasse.

Was machen die drei jetzt?

Junghänel: Sie haben zu Musiklehrern umgesattelt. Das ist ein harter Einschnitt. Dazu kommt noch, dass Pandemie und Krieg den Staat unglaublich viel Geld kosten, was sich auf die Kulturfinanzierung niederschlagen wird.

Bis zu ihrer Emeritierung 2018 waren Sie vierzig Jahre lang als Lehrer an der Kölner Musikhochschule beschäftigt. Was würden Sie heute Ihren Studierenden raten?

Junghänel: Denen habe ich immer schon gesagt, dass sie es versuchen sollen, wenn sie bereit sind, alle materiellen Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, und wenn sie davon überzeugt sind, dass nur dieser Beruf sie zufrieden und glücklich macht im Leben. Die Hauptaufgabe eines Lehrers ist es, seine Studenten von Anfang mit der Realität zu konfrontieren, ohne ihre Träume zu ­zerstören.

Sie haben selbst einst als Lautenist angefangen. Wie haben Sie ausgerechnet dieses Instrument für sich entdeckt?

Junghänel: Das haben meine Eltern für mich getan, als ich zehn Jahre alt war. Sie waren begeisterte Hobby­musiker der Alten Musik und standen sogar mit Nikolaus Harnoncourt im Kontakt, mit dem sie selbst spartierte und neu arrangierte Noten getauscht haben, die es aus der Epoche ja kaum gab. Ich bin das jüngste von fünf Kindern, die alle ein Instrument in die Hand gedrückt bekamen und später alle Musiker wurden. Für mich blieb dann eben die Laute übrig.

1963 dieses Instrument zu lernen, war sicher ein ambitioniertes Projekt.

Junghänel: Das war am Vorabend der 68er so was von anachronistisch, schlimmer ging es eigentlich nicht! Es war schon schwierig genug, einen Professor dafür zu finden. Alle zwei Wochen musste ich damals von Gütersloh nach Köln zum Unterricht fahren.

In den Sechzigerjahren war die Alte-Musik-Bewegung noch vollkommen unbekannt. Waren Sie und Ihre Familie so etwas wie Pioniere?

Junghänel: Das kann man so sagen. Als ich selbst in Köln anfing zu studieren, wurde die Idee der Original­klangfraktion ja noch belächelt, auch von den Professoren, die selbst in der Alten Musik ­unterwegs waren. Bis sich die authentischen Instrumente durchgesetzt haben, hat es ja noch viel länger gedauert.

Als Sie 1987 schließlich Cantus Cölln gegründet haben, waren Sie aber eher schon historisch informiert unterwegs – ohne die Ambition, Ihre Interprationen unbedingt so klingen zu lassen, wie es im 17. oder 18. Jahrhundert der Fall war.

Junghänel: Die Musik muss uns Heutigen etwas zu sagen haben, ich arbeite ja nicht fürs Museum. Als wir das Ensemble gegründet haben, war uns klar, dass wir aufführungspraktische Erkenntnisse berücksichtigen wollen, aber in der Gegenwart musizieren. Wir wollten von Anfang an auf unser modernes Publikum wirken. ­Geschichte und Umwelt beeinflussen uns ja alle, das konnten und wollten wir gar nicht verhindern.

Heutzutage spielen sogar die großen Orchester anders als vor dreißig Jahren.

Junghänel: Das hat auch mit der Alte-Musik-Szene und ihren Vordenkern wie eben Harnoncourt zu tun. Ich sitze gerade im Dirigentenzimmer des Staatstheaters Wiesbaden, wo ich im Rahmen von zwei Wochen alle sieben großen Mozart-Opern in szenischen Aufführungen dirigiere. Wie sich der Orchesterklang auch hier gewandelt hat, hätte man sich vor einigen Jahren kaum vorstellen können.

Parallel zur Gründung von Cantus Cölln begann die Alte-Musik-Bewegung richtig aufzublühen. Warum gerade in dieser Zeit?

Junghänel: Alle großen Barockorchester, die bis heute ­existieren, wurden tatsächlich Mitte der Achtzigerjahre gegründet. Da lag etwas Neues in der Luft.

Was war das?

Junghänel: Angefangen hat es 1968, das hat etwas mit der Abkehr vom Establishment, vom Althergebrachten, vom Bräsigen zu tun. Man wollte mit der spätromantischen Musizierhaltung brechen, denn eine eigene Interpretationstradition dieser Zeit gab es quasi gar nicht. In Holland und England ging es ja schon früher los. Alle Gründungen sind letztlich von Musikstudenten initiiert, die etwas Neues wollten. Bis es so weit war, daraus Klangkörper mit historischen Instrumenten zu bilden, dauerte es natürlich einige Jahre.

Es wurden allerdings auch einige Irrwege beschritten und Glaubenskriege um Dogmen geführt, die nicht hätten sein müssen.

Junghänel: Doch! Für eine wirkliche Erneuerung ist eine Evolution nicht stark genug. Es muss schon eine Revolution sein. Und dass die auch mal übers Ziel hinaus schießt, liegt in der Natur der Sache. Davon sind wir inzwischen schon wieder weiter entfernt, und trotzdem war die Auseinandersetzung wichtig.

Der klischeehafte „Alte-Musik-Pionier“ sitzt mit schlechten Augen in staubigen Bibliotheken und hebt alte Schätze. Wie war das bei Ihnen?

Junghänel: Nicht ganz, denn ich konnte mich vielfach auf Sekundärliteratur beziehen. Mittlerweile gibt es da sehr viel, auch kritische Urtextausgaben, die sehr gut recherchiert sind. Aber in Bibliotheken bin ich auch gewesen und habe für Cantus Cölln ganz neues Repertoire erschlossen, das bis dahin unbekannt war, etwa von Johann Rosenmüller.

Einige Ihrer Kollegen haben die Konsequenz gezogen, auch über die sogenannte Alte Musik hinaus bis hinein ins 20. Jahrhundert aufführungspraktisch informiert zu spielen. War das für Sie nie eine Option?

Junghänel: Dafür habe ich zu spät angefangen und würde zu sehr auf rohen Eiern balancieren. Hätte ich noch fünfzig Jahre vor mir, würde ich damit bestimmt experimentieren. Ich finde es absolut folgerichtig. Wir sind ja auch längst darüber hinweg, den Begriff „Alte Musik“ auf die frühen Jahrhunderte zu beschränken. Letztlich ist ja alles alt, was nicht zeitgenössisch ist – auch Strauss oder Strawinsky. Heutige Orchestermusiker interessieren sich inzwischen sehr für historische Instrumente späterer Jahre, etwa für die Wagnertuben. Es setzen sich immer wieder Menschen mit alten Dingen neu auseinander. Sonst könnten wir ja vermeintlich endgültige Referenzaufnahmen hinlegen und die Bücher schließen. Das wäre das Ende des Musik­lebens.

Nach 35 Jahren hören Sie aber nun mit Cantus Cölln auf. Warum?

Junghänel: Wir hatten eine wunderbare Zeit. Noch können wir auf höchstem Niveau antreten. Es ist besser, an diesem Punkt aufzuhören, als wenn es zu spät ist.

Festival-Tipp

Felix! Original. Klang. Köln.
16.8.–21.8.2022
Véronique Gens, Les Siècles, François-Xavier Roth, Ensemble Sarbacanes u. a.
Köln

CD-Tipp

Silvius Leopold Weiss: Suiten für Laute

Konrad Junghänel (Laute)
Glossa Cabinet

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