INTERVIEW Piotr Anderszewski

„Ich weiß nicht, wer ich bin!“

Der polnische Pianist Piotr Anderszewski spricht über sein Sabbatical, die Risiken der Rückkehr und Heimatgefühle

© Simon Fowler/Warner Classics

Piotr Anderszewski

Piotr Anderszewski

Piotr Anderszewski ist zurück – und nachdenklich wie immer. Wir treffen uns zum Interview in der Bar des Design-Hotels SIDE in Hamburg, und die kahle Betonstruktur wird zur Leinwand für die Ausführungen des nach seiner Auszeit völlig problemlos wieder auf die Bühnen zurückgekehrten Pianisten.

In Ihrem letzten concerti-Interview im Oktober 2010 haben Sie Ihr Sabbatical angekündigt. Stellen Sie sich einmal vor, dass jemand in der Zwischenzeit ein großer Fan klassischer Musik geworden ist, von Ihnen aber noch nichts gehört hat. Wie würden Sie ihm erklären, wer Sie sind, was Sie tun und was Ihre Ziele sind?

Das ist sehr schwierig. Wer ich bin? Um das zu beantworten, bräuchte ich ein ganzes Leben! Ich weiß nicht, wer ich bin! Und was ich mache? Ich versuche, ein guter Interpret von Musik zu sein. Das heißt für mich, zu versuchen, die Ideen, die Komponisten zu Papier bringen, in Klänge zu übersetzen und einem Publikum begreifbar zu machen. Somit sind meine Arbeit und meine Ziele eigentlich eins.

Im Interview sagten Sie damals auch, dass Ihre Zielsetzung während Ihrer Auszeit sei, wieder „Musik zu machen ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen“…

Was ich damit meinte, war, zu arbeiten, ohne auf das nächste Konzert hinzuarbeiten. Das habe ich während des Sabbaticals leider wenig umsetzen können, obwohl ich mir einige Zeit richtig freigenommen habe! Es waren nur eineinhalb Jahre und die sind so schnell vorübergegangen – ich musste mir sehr früh wieder Gedanken machen über Konzertprogramme für ganz konkrete Konzerte, bestimmte Häuser, und damit habe ich meinen Effizienz-Modus von ganz alleine wieder angeschaltet. Ich glaube, ich bräuchte drei ganze Jahre, um ein wirkliches Sabbatical zu haben. Dann besteht aber das Risiko, dass man nicht zurückkommt.

Worin genau sehen Sie da die Risiken?

Die Schwierigkeit besteht darin, den Druck wieder aufzubauen. Das Musikerleben ist ein Leben unter konstantem Druck. Für einige Monate habe ich diesen Druck tatsächlich von mir abfallen gefühlt, und es war für mich sehr schwer, ihn in der Zeit vor meiner Rückkehr auf die Bühne für mich selbst wieder zu etablieren. Ich denke, dass es zum Beispiel nach drei Jahren sehr schwer sein würde, in die alten Bahnen zurückzufinden, und ich fürchte, ich würde den Weg aus den Augen verlieren.

Haben Sie diese „freie” Zeit denn genießen können?

Sehr! Ich habe sie aber nur genießen können, weil ich wusste, dass ich schon Konzerttermine im Kalender stehen hatte und meine Rückkehr geplant war. Das ist gänzlich verschieden zu einem völlig freien Leben, beim dem man nicht weiß, was der morgige Tag bringt. Ich weiß nicht, wie sich das für mich anfühlen oder was es mit mir machen würde. Aber es ist natürlich eine verführerische Vorstellung.

Gibt es für Sie denn eine Alternative zum Pianistendasein, den berühmten „Plan B”?

Ich habe viele Interessen in meinem Leben. Aber Interesse ist das eine, Beruf das andere. Einer Sache professionell nachzugehen, bedeutet für mich, effizient zu sein, Dinge auch dann zu tun, wenn man keine Lust darauf hat – aber so ist das ja in jedem Job! Ich schreibe sehr gerne. Aber als Broterwerb? Das wäre ein ganz anderer Lebensstil. Ich glaube, als Schriftsteller ist man für sich, man arbeitet zu Hause, hat mehr Beständigkeit, kann Freundschaften und Beziehungen eher aufbauen als in diesem Zustand konstanten Reisens. Denn das ist es, was einen als Musiker einsam macht: Man trifft zwar unglaublich viele Menschen, aber es kommt immer der Moment, in dem einen die Einsamkeit einholt: Wenn du alleine in deinem Hotelzimmer sitzt und niemand da ist, mit dem du reden kannst. Dann bist du ganz allein. Dieser harte Kontrast ist schrecklich – vor allem, weil man sich den Zeitpunkt des Alleinseins nicht selbst aussuchen kann.

Wäre das ein Grund für Sie, Ihre Karriere zu beenden?

Natürlich nicht – es gibt so viele schöne Momente. Manchmal frage ich mich allerdings, wie lange ich dieses Leben führen kann und möchte. Auf der anderen Seite ist es aber fast wie eine Sucht nach Adrenalin, als wäre man auf Droge. Während meines Sabbaticals war ich sozusagen „clean“, und das war eine schöne Erfahrung.

Der Geiger Vadim Repin sagte vor kurzem, dass die Geige „das Spielzeug seines Lebens“ sei. In aller Ernsthaftigkeit: Könnten Sie das Gleiche über das Klavier sagen?

Das Klavier wäre schon ein sehr großes Spielzeug! (lacht) Geiger können ihr Instrument überall mit hinnehmen und entwickeln eine sehr intime Beziehung zu ihm. Für mich ist das Klavier ein Fremdkörper, zu dem ich als solchem keinen Bezug habe. Mein Spielzeug wäre vielmehr die Musik an sich! Für mich stellen sich die Fragen: Wie entsteht aus den unterschiedlichen Informationen des Notentextes und meiner Interpretation ein homogenes Ganzes? Wie organisiere ich dieses Ganze im Konzert oder für eine CD-Aufnahme? Mit allen Möglichkeiten zu jonglieren, das ist für mich Spielen mit Musik!

Das klingt sehr intuitiv …

Als erstes kommt immer die Intuition … und als letztes auch … und dazwischen wird gearbeitet! (lacht) Wenn ich mich mit einem neuen Stück auseinandersetze, steht das immer in Zusammenhang mit meinen aktuellen Lebensumständen: Wer bin ich heute, wo bin ich gerade. Man begibt sich auf unbekannte Pfade und verliert sich in den Details, nur um am Schluss meist zum ersten, ganz intuitiven Gedanken zurückzukehren, der durch das Arbeiten jedoch um viele Aspekte bereichert ist.

Wirkt für Sie Ihr Konzertkalender da als Strukturgeber?

Überhaupt nicht. Eine der Schwierigkeiten dieses Berufs ist ja, mit den unterschiedlichsten Aufgaben und Anforderungen klarzukommen. Heute gebe ich ein Kammerkonzert, muss gleichzeitig jedoch ein neues Stück für nächsten Monat vorbereiten. Und dann soll ich auch noch ein Programm zusammenstellen, das ich in einem Jahr spielen möchte. Man muss mit seinen Gedanken zur gleichen Zeit an vielen verschiedenen Orten sein.

Würden Sie sich dann selbst als Multitasker bezeichnen?

In diesem Beruf muss man das sein! Ich glaube, manche haben das einfach im Blut – aber ich von Natur aus nicht. Wahrscheinlich spreche ich deshalb überhaupt darüber. Jemand, für den Multitasking Normalität ist, macht sich darüber sicherlich keine Gedanken! Für mich ist das nicht so einfach. Eigentlich würde ich mich gerne nur auf eine Sache konzentrieren und diese dann von vorne bis hinten richtig machen.

So wie bei CD-Aufnahmen…

Genau! Eine Aufnahme gibt mir die Möglichkeit, meinem Klangideal so nah wie möglich zu kommen. Die Auswahl der Stücke, der Flügel, die zahllosen Wiederholungen, die man machen kann – all das trägt zum idealen Ergebnis bei. Im Konzert hat man genau eine Chance, das zu erreichen. Alles ist abhängig vom eigenen Gefühl, von der Reaktion des Publikums.

Wir sprachen bereits über das „heute hier, morgen dort”-Gefühl als Musiker. Sie sind viel umgezogen in den letzten Jahren und leben derzeit in Paris und Lissabon. Beeinflussen Sie die unterschiedlichen Mentalitäten verschiedener Länder?

So sehr, dass ich mich manchmal absolut verloren fühle! (lacht) Wie ich anfangs sagte: Ich weiß nicht, wer ich bin! Ich führe drei oder mehr Leben zwischen Paris, Lissabon und dem Flugzeug! Es hängt immer absolut davon ab, was ich zu tun habe: Muss ich üben? Wie hoch ist mein Stresslevel? Was muss ich organisieren? In Lissabon habe ich mehr Zeit für mich, ich laufe manchmal einfach durch die Stadt und genieße die Ziellosigkeit. In Paris würde ich das nie machen – ich mag die Stadt auch nicht wirklich.

Hat der Begriff „Zuhause“ für Sie dann überhaupt eine Bedeutung?

Ich suche seit 20 Jahren ein Zuhause! Lissabon ist der Ort, den ich mir selbst als Zuhause ohne logische Überlegung ausgesucht habe. Die Stadt ist für mich mein Ruhepunkt, ein Ort der Einsamkeit, Nostalgie, Introspektive und Selbstreflektion. London ist das Zuhause, wo für mich musikalisch alles anfing und das ich mit echten und langjährigen engen Freundschaften verbinde. Und New York ist das Zuhause, wo ich am glücklichsten bin. Ich glaube, ich könnte einen sehr sehr subjektiven Reiseführer schreiben! (lacht)

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