Rekonstruierte Inszenierungen

Blick in die Vergangenheit

Ruth Berghaus, Heiner Müller und Wolfgang Wagner sind lange tot - ihre rekonstruierten Inszenierungen sorgen jetzt aber erneut für Aufsehen

© Osterfestspiele Salzburg/Forster

Szenenbild aus "Walküre"

Walküre/Osterfestspiele Salzburg

Jene Meisterwerke der Architektur, die als stilbildend für eine Epoche gelten, stehen unter Denkmalschutz. Im Falle der Oper funktioniert die Sicherung unseres kulturellen Erbes dadurch, sie mittels bedeutender Inszenierungen immer wieder zu neuem Leben zu erwecken. Aber können diese Interpretationen ihrerseits eine solche Gültigkeit erlangen, dass wir ein besonders gelungenes Gesamtkunstwerk aus Bühne, Farbstimmungen, Kostümen, Gesten und Blicken Jahrzehnte später erneut auf die Bühne bringen? Wer sich derlei dezidiert Rückwärtsgewandtes wünschte, gehörte bislang in die Kategorie jener ewig gestrigen Opernfans, die mit Neuinszenierungen nie zufrieden sind und gern behaupten: „Früher war alles besser“. Das nach Neuigkeiten gierende Regietheater aber verbietet den Rückblick, es postuliert den Fortschritt, dekoriert die Dokumente von Mozart und Wagner zeitgeistig um, dekonstruiert die Denkmäler, die wir nicht anhimmeln, sondern hinterfragen sollen.

© Osterfestspiele Salzburg/Forster

Szenenbild aus "Walküre"

Walküre/Osterfestspiele Salzburg

Just das Erinnern aber wird jetzt zum Trend erklärt. Für die Osterfestspiele in Salzburg wagten dessen künstlerische und intellektuelle Köpfe, Christian Thielemann und Peter Ruzicka, die Rekonstruktion jener Inszenierung von Wagners „Walküre”, für die vor 50 Jahren Herbert von Karajan verantwortlich zeichnete. Die Bühnenbilder von Günther Schneider-Siemssen wurden detailgenau nachgebaut, einzig die damalige Personenregie passte Vera Nemirova behutsam heutigen Sehgewohnheiten an. Als leicht angestaubt entpuppte sich diese Rekreation denn doch, sie öffnete indes die Ohren für Thielemanns orchestrale Wagnerwunder so viel weiter, als dies bei handelsüblichen Trash-Inszenierungen in Bayreuth und anderswo sonst der Fall ist. Just die aktuelle Hüterin vom Grünen Hügel aber gibt sich der Mode der Retro-Regie nun ihrerseits hin, nur nicht auf heimischem Boden: Katharina Wagner erarbeitet in Prag den „Lohengrin” nach den Regie-Büchern ihres Vaters Wolfgang.

Zurück in die Zukunft

Bleibt diese szenisch verstandene historische Aufführungspraxis in den genannten Fällen jeweils ein Einzelexperiment, machte beim Festival „Mémoires“ der Opéra de Lyon deren genialischer Intendant Serge Dorny das beherzte Zurück-in-die-Zukunft zum Konzept. Verblüffenderweise degradiert das Wiedersehen mit legendären Inszenierungen die Oper mitnichten zum Museum. Denn das Wiedersehen wird gezielt zum Nachsinnen über die bleibende Wirkung solcher Inszenierungen. Heiner Müllers romantikentrümpelnde Sicht auf „Tristan und Isolde” aus dem Jahr 1993 bei den Bayreuther Festspielen gewinnt in Lyon sogar noch an Direktheit und brechtianischer Desillusionierung. Und wir kapieren auf einmal, wie ein Christoph Marthaler in seiner Bayreuther Folgeinszenierung das Regie-Rad keineswegs neu erfand, sondern schlicht bei seinem Kollegen Müller anknüpfte. Letzerer wiederum führt fort, was Ruth Berghaus zuvor für die Staatsoper in Hamburg schuf. Übrigens gleicht deren unfasslich präzise „Elektra”, die nun just von der Dresdner Semperoper nach Lyon gewandert ist, einer Vorstudie zu ihrer „Tristan”-Produktion.

© Stofleth

Szenenbild aus "Tristan und Isolde"

Tristan und Isolde/Opéra de Lyon

War früher alles besser?

Die dank Dirigent Hartmut Haenchen auch musikalisch überwältigend intensiven Wiederbegegnungen demonstrieren eindrucksvoll, wie exemplarisch, wahrhaftig und gültig diese Musterinszenierungen bis heute sind. „Landmarks“, Referenzpunkte der Regie sind das, stilbildende Dokumente, die das interpretatorische Fortschrittsdogma sehr wohl in Frage stellen. Der Weg zurück zu den Müttern und Vätern des Regietheaters lohnt sich, nicht zuletzt, weil die Meisterinnen und Meister von damals den Werken demütiger, wissender, bewusster, feinfühliger und oft auch mit viel mehr handwerklicher Souveränität gegenübertraten als jene Dekonstruktions-Dilettanten der Gegenwart, die sich, oft aus dem Schauspiel- und Filmmetier kommend, zeitgeistig oberflächlich an den Werken abarbeiten. Früher war nicht alles besser, doch der Blick zurück ist erhellend, auch weil er hilft, die Maßstäbe für die Beurteilung von aktuellen Inszenierungen neu zu justieren.

Opern-Tipps

Mannheim
So. 4.6., 16 Uhr Nationaltheater
Wagner: Parsifal. Alexander Soddy (Leitung), Hans Schüler (Regie)
Weitere Termine: 15.6.17, 30.3., 14.4. & 31.5.18

Prag
Do. 8.6., 18 Uhr (Premiere) Nationaltheater
Wagner: Lohengrin. Constantin Trinks (Leitung), Katharina Wagner (Regie)
Weitere Termine: 10., 14. & 17.6., 2., 10. & 23.9.

Termine

Sonntag, 17.11.2019 20:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Berg: Wozzeck

Hartmut Haenchen (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Mittwoch, 20.11.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Berg: Wozzeck

Hartmut Haenchen (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Samstag, 23.11.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Berg: Wozzeck

Hartmut Haenchen (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

Montag, 25.11.2019 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Berg: Wozzeck

Hartmut Haenchen (Leitung), Andreas Kriegenburg (Regie)

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Eine Antwort zu “Blick in die Vergangenheit”

  1. Matthias Pfützner sagt:

    Nicht zu vergessen Ruth Berghaus‘ Mannheimer Elektra, auch jetzt an Pfingsten wieder zu sehen. Der erwähnte Parsifal in Mannheim ist wirklich eher „historisch interessant“, aber nicht so wegweisend, wie die fünf noch immer gespielten Ruth Berghaus Dinge (Barbier und Pelleas an der Lindenoper, Traviata in Stuttgart, Tristan in Hamburg und eben Elektra in Mannheim). Es gibt leider nur eine einzige Ruth Berghaus Produktion auf DVD, ihren Freischütz aus Zürich.

    Wichtig auch die Arbeiten von Peter Konwitschny, der ja zum Glück noch lebt, dennoch sind auch seine älteren Arbeiten absolut wichtig und sehenswert.

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