Opern-Kritik: Staatstheater Karlsruhe – Tolomeo

Exil mit Meerblick

(Karlsruhe 14.2.2020) Die 43. Händel-Festspiele Karlsruhe sind mit dem selten zu hörenden, mit vielen prunkvollen Arienjuwelen gekrönten „Tolomeo Re d’Egitto“ glanzvoll eröffnet worden.

© Falk von Traubenberg

Jakub Józef Orliński (Tolomeo), Louise Kemény (Seleuce)

Jakub Józef Orliński (Tolomeo), Louise Kemény (Seleuce)

Es ist Privileg und Aufgabe von Händel-Festspielen, Opern des Barockmeisters jenseits des gängigen Repertoires auszugraben und für deren Umsetzung die Besten der Branche aufzubieten. Seit Jahren schließt das am Staatstheater Karlsruhe einen Aufmarsch der ersten Garnitur der Countertenöre ein. Max Emanuel Cencic, Franco Fagioli oder Valer Sabadus gehören hier zu den Stammgästen. Cencics große und in allen Vorstellungen ausverkaufte „Serse“-Show, die er im vergangenen Jahr als Regisseur und in der Titelpartie auf die Bühne brachte, steht auch bei den 43. Händel-Festspielen wieder auf dem Programm.

Sehr selten Hörchance

Eröffnet wurden der aktuelle Jahrgang jetzt allerdings mit einer Neuinszenierung von Händels „Tolomeo, Re d’Egitto“. Die laufende Nummer 25 seiner über 40 Opern kam im April 1728 im King’s Theatre am Londoner Haymarket heraus, bringt es aber im Aufführungsregister der Stiftung Händelhaus in Halle inklusive konzertanter Aufführungen auf insgesamt nur 25 Neuinterpretationen weltweit. In Halle war das 1996, in Göttingen 1998 der Fall.

Ein Fest der Stimmen – einst und heute

© Falk von Traubenberg

Jakub Józef Orliński (Tolomeo), Louise Kemény (Seleuce)

Jakub Józef Orliński (Tolomeo), Louise Kemény (Seleuce)

Die Musik ist recht arienlastig, die Rezitative knapp. Zwei Duette reichern die Arien-Perlenkette wie zwei besonders schön gearbeitete Schmuckstücke an. Die Dramatik im Libretto von Niccolò Francesco Haym hält sich in Grenzen, die finale Kurve hinein ins lieto fine birgt durchaus die Gefahr, hinaus getragen zu werden. In diesem Falle ist es besonders unwahrscheinlich, dass sich das barockübliche Gewirr aus Intrige und purer Bosheit im Wohlgefallen auflöst. Wenn man allerdings berücksichtigt, dass Händel für „Tolomeo“ Weltstars seiner Zeit wie den Kastraten Senesino sowie die Diven Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni antreten ließ, dann wird klar, dass es auch hier, wie damals üblich, vor allem um ein Fest der Stimmen ging.

Der polnische Countertenor Jakub Józef Orliński wagt den Schlusssprung in die Spitzenriege seines Fachs

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Jakub Józef Orliński (Tolomeo)

Jakub Józef Orliński (Tolomeo)

In dieser Beziehung bietet die aktuelle Karlsruher Besetzung Festspielglanz. Im Zentrum steht mit Jakub Józef Orliński der polnische Countertenor, der es in kurzer Zeit gleichsam im Schlusssprung in die Spitzenriege seiner Branche gebracht hat. Und das liegt nicht daran, dass er auch ein ausgewiesener Breakdancer ist. Er verkörpert jenen Ägypter Tolomeo, der fast den gesamten – brutto – dreistündigen Abend über mit einem Bein im Grab steht, sich mit Selbstmordgedanken trägt, aber auch das Ziel von Mordgelüsten seiner unfreiwilligen Gastgeber in Zypern ist. Wobei die Schwester des dortigen Königs, Elisa, mehr als ein Auge auf den Fremden geworfen hat, obwohl sie ihn zunächst für einen Hirten hält. Kompliziert wird dieses Wer-mit-Wem, weil der zyprische König für Tolomeos vermeintlich tote Geliebte Seleuce entflammt ist. Zu allem Überfluss rettet Tolomeo kurz vor (und sozusagen anstelle von) dem geplanten Selbstmord ausgerechnet den eigenen Bruder Alessandro aus den Fluten. Den hatte die intrigante Frau Mama am rechtmäßigen, erstgeborenen Erben vorbei, auf den ägyptischen Thron gehievt.

Das ist hier die Frage: „Ich und das Leben“ oder „Sie und der Tod“

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Louise Kemény (Seleuce), Jakub Józef Orliński (Tolomeo)

Louise Kemény (Seleuce), Jakub Józef Orliński (Tolomeo)

Das Personal bleibt nach diesem Intrigen-Hin-und-Her nur vollständig, weil Tolomeos kleiner Bruder Alessandro, den der chinesische Counter Meili Li mit nicht ganz so betörendem Timbre wie Orliński, aber doch sehr präzise singt, sich nicht verleiten lässt, den Bruder als Konkurrenten bei dieser günstigen Gelegenheit aus dem Weg zu räumen. Er besinnt sich auf brüderliche Gefühle und wechselt auf seine Seite. Und weil Eléonore Pancrazi als machtbewusste, eloquent und mezzosatte Elisa eben doch noch einen Rest Skrupel hat und dem sie verschmähenden Tolomeo doch kein Gift, sondern nur ein Schlafmittel in den Pokal geträufelt hat, den er ausleert. Als Antwort auf Elisas Frage: „Ich und das Leben“ oder „Sie und der Tod“. Als er getrunken hat und meint, dass er stirbt, klingen die Streicher im Graben zwar wie ein Anklopfen an die Pforten der Unterwelt, aber sie leiten nur das große Happyend ein. Zu dem noch ein zweites, hinreißendes und bei Händel nicht allzu häufig zu findendes Duett zwischen Tolomeo und Seleuce gehört, bei dem Louise Kemény ihren leuchtend lyrischen Sopran auf betörende weise mit Orlińskis Stimme verbindet. Das gehört zu den vokalen Höhepunkten des Abends. Die Chance, mit machtvoll aufbrausender Bravour abzuräumen, bietet sich vor allem für den australischen Bariton Morgan Pearse mit seinem zyprischen König Araspe.

Betörender Orchesterklang der Deutschen Händel-Solisten unter Federico Maria Sardelli

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Jakub Józef Orliński (Tolomeo)

Jakub Józef Orliński (Tolomeo)

Das Ensemble verbreitet helle Freude – zumal die Deutschen Händel-Solisten unter der geschmeidig temperamentvollen Leitung von Federico Maria Sardelli einen betörenden Orchesterklang beisteuern und sich mehr Verdienste um die selten gespielte Oper erwerben als die Regie von Benjamin Lazar, der nach seinem „Riccardo Primo“ im Kerzenschein vor sechs Jahren als Festspielregisseur nach Karlsruhe zurückkehrte. Adeline Caron (Bühne) hat einen Salon als einen Einheitsbühnenraum gebaut, der im Verlaufe des Abends einen Blick aufs Meer freigibt. Er wartet mit Wolkengrau und Sonnenuntergang, leicht Gekräuseltem und, passend zu einer Ich-bin-der-Fels-in-der-Brandung-Arie, auch mit stürmischem Wellengang auf. Die Kostüme von Alain Blanchot machen einen erkennbaren Unterschied zwischen Herrschereleganz und dem betonten Zivil der gestrandeten Ägypter. Lazar versucht sich gar nicht erst an raumgreifender Handlung, sondern setzt eher auf gefühlsbetonte Soli an der Rampe. Da können die Protagonisten meistens einfach abseits auf der Szene bleiben. Einen optischen Coup bietet die geschlossene Ästhetik, wenn eine Riesenwelle alles unter Wasser setzt. Zumindest hängen jetzt selbstleuchtende Quallen von der Decke, und der Panoramablick zeigt eine opulente Unterwasserlandschaft (Video: Yann Chapotel).

Szenische Vollbremsung? Es gibt in paar Buhs für die Regie

Nach dem entfesselten „Serse“ des Vorjahres mag dieser „Tolomeo“ für manchen wie eine szenische Vollbremsung gewirkt haben. So gab es denn nach dem allzu großzügig alles vergebenden Finale neben der begeisterten Zustimmung für alle Interpreten auch ein paar Buhs für die Regie.

Staatstheater Karlsruhe
Händel: Tolomeo, Re d’Egitto

Federico Maria Sardelli (Leitung), Benjamin Lazar (Regie), Adeline Caron (Bühne), Alain Blanchot (Kostüme), Yann Chapotel (Video), Jakub Józef Orliński, Louise Kemény, Eléonore Pancrazi, Meili Li, Morgan Pearse, Deutsche Händel-Solisten

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