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Musical-Kritik: Deutsche Oper am Rhein – On the Town

Landgang ins metropolitane Spektakel

(Duisburg, 25.4.2026) Leonard Bernsteins Broadway-Hit „On the Town“ zündet dank Regisseurin Louisa Proske, Choreografin Marie-Christin Zeisset, Dirigent Stefan Klingele und einem perfekten Ensemble nicht nur am Hudson River, sondern auch am Rhein.

vonMichael Kaminski,

Ein Sonnenumlauf, vierundzwanzig Stunden, das kann einerseits das Zeitmaß für die griechische Tragödie vorgeben, die bis zur Katastrophe bemessene Frist. Andererseits den Rahmen für Rasanz, Vitalität, Amüsement, liebenswerte Turbulenzen und urbane Großzügigkeit. So in Leonard Bernsteins erstem Musical „On the Town“. Ende 1944 am New Yorker Broadway aus der Taufe gehoben, plädieren der Tonsetzer und sein kongeniales Librettistenduo aus Betty Comden und Adolph Green in der Schlussphase des zweiten Weltkriegs umwerfend charmant für Freiheit, Toleranz und Spaß an der Freud‘. Weltoffenheit und metropolitaner Way of Life, am Hudson River regiert die Leichtigkeit des Seins. Bernsteins Partitur verbindet die Eleganz und Ironie Gershwins und Cole Porters, die Symphonik Coplands und den Jazz der New Yorker Nachtclubs zu einer überwiegend schon eigengeprägten Faktur. Hinreißend.

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Szenenbild aus „On the Town“
Szenenbild aus „On the Town“

Fesche Matrosen, toughe Frauen

Regisseurin Louisa Proske nimmt die drei zu vierundzwanzigstündigem Landgang in die Metropole losgelassenen Matrosen an der Deutschen Oper am Rhein als das, was sie sind: Sympathiebolzen. Freilich jeder auf seine Art: dem tagträumerischen und dann doch immer wieder recht zielstrebigen Gabey auf der Suche nach der Traumfrau in Gestalt der „Miss-U-Bahn“, dem bildungsbeflissenen und dennoch umstandslos in eine heftige Liebschaft zu einer Taxifahrerin verstrickte Chip, schließlich der in einer auf Männer der Urzeit spezialisierten Anthropologin seine Meisterin findende Macho Ozzie. Doch wertet Proske die weiblichen Zentralfiguren entschieden auf. Die an ihrer Gesangskarriere arbeitende „Miss U-Bahn“ Ivy finanziert ihre Ausbildung mit dem Job in einem Striplokal. Keine Frage, sie ist Gabey zugetan. Job, Ausbildung und Karriereplanung aber gehen vor.

Taxifahrerin Hildy bugsiert den eher auf touristische Sehenswürdigkeiten als Damenbekanntschaften versessenen Chip in ihr Gefährt, um ihn auf ihr Zimmer abzuschleppen. Und Anthropologin Claire de Loone rückt Ozzie ganz nach den Regeln ihrer Wissenschaft mit dem Maßband zu Leibe. Um Objekt der Begierde zu werden, bedarf es der biometrischen Übereinstimmung mit den Urzeitmännern. Dass Claire vor der Verlobung mit Strafrichter Pitkin steht, ficht weder sie noch den Juristen an. Zumal Pitkin sich Männern und einer Ménage-à-trois zugeneigt zeigt. Proske schildert die erotischen Turbulenzen mit unverhohlenem Wohlwollen.

Szenenbild aus „On the Town“
Szenenbild aus „On the Town“

Broadwayglamour und Ausdruckstanz

„On the Town“ wäre undenkbar ohne die das Musicalgenre beinahe sprengenden Tanzszenen. Merklich fußt das Werk auf Bernsteins Ballett „Fancy Free“. Nicht musikalische Übernahmen anlangend, sondern den Plot von drei Matrosen auf Landgang. Als Inspirationsquelle ging das Ballett Bernstein nicht aus dem Kopf. Choreografin Marie-Christin Zeisset verfügt gleichermaßen über das Sensorium für mitreißende Ensembleszenen in bester Broadwaymanier, Pas de deux und zum Ausdruckstanz tendierende Szenen. Gabey und Ivy finden sich im Vergnügungspark auf Coney Island in einer Art Boxring wieder, wo sie tanzend ihrer Beziehung – wie der von Mann und Frau überhaupt – auf den Grund gehen.

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Für alles dies kombiniert Momme Hinrichs Bühne dreidimensionale Elemente und Video zu Hinguckern. Im Naturkundemuseum, worin Ozzie auf Claire de Loone trifft, verbinden sich Projektionen von Architektur und Exponaten mit einem Saurierfossil, bei dem die Theaterplastiker ganze Arbeit geleistet haben. Massive Kulissen und Projektionen ergänzen einander auch in der U-Bahn und diversen Nachtclubs. Esther Bialas bedenkt das Ensemble mit dem New Yorker Modechic der Uraufführungszeit, in den Nachtlokalen mit gebührendem Showbizz.

Szenenbild aus „On the Town“
Szenenbild aus „On the Town“

Fetzig, jazzig

Wie die szenische, so nimmt die musikalische Seite für sich ein. Stefan Klingele jazzt mit den Duisburger Philharmonikern einher, dass es nur so fetzt. Gleichen Sinn beweisen Kapellmeister und Klangkörper für die coolen Nummern aus dem Erbe Gershwins und Porters. Keine Frage, der Broadwaysound aus dem Graben entfaltet beträchtlichen Sog. Das Ensemble zeigt sich perfekt gecastet. Jede und jeder singt, spielt und tanzt ausgezeichnet. Leon de Graaf verfügt für Gabey über poetisches Gemüt und des Matrosen Sehnsucht nach „Miss U-Bahn“ beglaubigende Stimme. Tänzerisch ist de Graaf eine Wucht. Gewinnend Maria Joachimstaller als Ivy. Chips Bildungsbeflissenheit kapituliert einnehmend unsentimental vor der in New York üblichen Direktheit auch in Sachen Liebe. Bezwingend, wie Taxifahrerin Hildy in Gestalt Laura Magdalena Goblirschs da keinen Widerspruch duldet. Ozzie, wie Peter Lewys Preston ihn über die Rampe bringt, bewahrt die von der begehrten Anthropologin gewünschte Restdosis an Urzeitimage. Berechnend und zugleich ein erotischer Sausewind Valerie Lukschs Claire de Loone.

Deutsche Oper am Rhein
Bernstein: On the Town

Stefan Klingele (Leitung), Louisa Proske (Regie), Marie-Christin Zeisset (Choreografie), Momme Hinrichs (Bühne & Video), Esther Bialas (Kostüme), Amith Chandrashaker (Licht), Leon de Graaf, Julius Störmer, Peter Lewys Preston, Maria Joachimstaller, Laura Magdalena Goblirsch, Valerie Luksch, Morenike Fadayomi, Peter Bording, Kevin Dickmann, Duisburger Philharmoniker






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