Ein in unauffälliges Graubeige gewandeter, nicht mehr ganz junger Herr mit Melone auf dem Kopf tritt vom Seitenportal des Theater Lübeck an den bedrohlichen Eisernen Vorhang und legt seine Arme an das Ungetüm, das den Zugang zur Bühne hermetisch abriegelt. Er schafft es in der Tat, das Schwergewicht in Gang zu setzen, das nun den Blick freigibt auf den Einheitsraum, den Bettina Munzer für Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Alban Bergs „Wozzeck“ ersonnen hat: Es ist ein nicht eindeutig definierter öffentlicher Versammlungsort zwischen Kaserne, Fabrik- oder Hotelhalle, der an den Seiten je zwei Türen aufweist, die in private Gefilde führen, und der nach hinten über diverse Öffnungen ins Freie führt. Farblos, aber durchaus nicht heruntergekommen ist dieses Interieur, das durch die wiederum von Bettina Munzer konzipierten Kostüme ins zeitliche Umfeld der Jahre zwischen den Weltkriegen einzuordnen ist. Zumal der graugrüne züchtige Zweiteiler, den Marie trägt, verweist auf die Entstehungszeit des Stücks, das am 14. Dezember 1925 an der Staatsoper Unter den Linden Berlin seine Uraufführung feierte.

Ein clownesker Beobachter des Wahnsinns
Auf deutliche visuelle Setzungen sozialer Ungleichheit verzichten Brigitte Fassbaender und ihr Team; Wozzecks weißes Hemd scheint frisch gewaschen, nur der Overall, den er darüber trägt, grenzt ihn von den hier den militärischen Ton angebenden Herren des Hauptmanns und des Tambourmajors ab. Naturalistisches Dekor des Prekären aber braucht Fassbaender mitnichten, da sie stattdessen die Mechanismen durchleuchtet, mit denen Menschen andere Menschen demütigen, sie in Abhängigkeit zu sich bringen, sie maßlos demütigen, um sich damit selbst zu erhöhen. Einer, der all dieser Grausamkeit zuschaut, aber nicht selbst daran beteiligt zu sein scheint, ist der die Handlung in Gang setzende kleine Herr mit Melone.
Er sitzt fast die ganzen pausenlosen 95 Minuten dieses bezwingenden Abends an der rechten Seite des Geschehens und entpuppt sich alsbald als der Narr, jener Typus, der wie Hauptmann, Tambourmajor, Doktor und die beiden Handwerksburschen namenlos bleibt. „Lustig, lustig“ singt er (Thomas Stückemann mit still konzentrierter Präsenz), wenn es wirklich nichts zu lachen gibt. Und wir verstehen verblüfft, dass dieser hellsichtige Clown, der eigentlich die kleinste Rolle des Stücks spielt, als Anteil nehmender Beobachter die womöglich einzig lebbare Wahrnehmungshaltung gegenüber einer Welt im Wahnsinn einnimmt. Diese verrückte Kriegswelt von Georg Büchner und Alban Berg könnte wahrlich, leider die unsere sein. Ganz am Ende dann, wenn Maries und Wozzecks Knabe Vollwaise geworden ist, spielt der Narr das Pferdchen, auf dem der Bub nichts ahnend reitet und mit dem Kinderchor das finale „Hopp, Hopp!“ intoniert.

Die Regiekunst des Weglassens und der Verdichtung
So ganz schnörkellos, unsentimental und präzise, so ganz ohne wohlfeile Regieeinfälle führt uns die Fassbaender nun Wozzecks Schicksal vor Augen. Just in der Kunst des Weglassens und der Verdichtung entfaltet sie die maximale Intensivierung des Erzählens. Zwei Requisiten, zwei zentrale Zeichen von Abhängigkeit und Gewalt, erscheinen im „Wozzeck“ sonst als nahezu unverzichtbar; doch die Regisseurin, die einst legendäre Sängerin war, braucht sie nicht, ersetzt sie einfach durch szenische Genauigkeit und die Präsenz des Ensembles: Erstens ist dies das Geld, das Wozzeck („Wir arme Leut“) fehlt, zweitens ist es das Messer, mit dem er seine Marie am Ende umbringt und das er nicht sicher entsorgt hat. Bo Skovhus, dessen Karriere als Wozzeck anno 1998 in der Regie von Peter Konwitschny an der Hamburgischen Staatsoper den entscheidenden Schub nach ganz oben erhielt, bringt nun an der Trave seine ganze gigantische Rollenerfahrung als Sängerdarsteller ein.
„Verhetzt“, wie es ihm von seinen Peinigern zugeschrieben wird, erscheint dieser stille Schmerzensmann in Fassbaenders Regie mitnichten. Eher in sich gekehrt, das Geschehen um ihn herum reflektierend, sein Leid in sich hineinfressend und aushaltend, strahlt er lange eine trügerische Ruhe aus. Die Gewalt, die ihm widerfährt, bricht zunächst nicht als Gegengewalt aus ihm heraus. Fast meint man, der späte innige Kuss mit Marie, die ihn mit dem schneidigen Tambourmajor betrogen hat, könnte ein Wendepunkt des Verzeihens und der erneuen Annäherung des Paars sein. Seine emotionale Hochspannung entlädt sich dennoch kurz darauf in der Tötung der Geliebten.

Eine groteske Gesellschaft und ein exzellentes Ensemble
Aus Sicht der Regisseurin müssten dem Entwürdigten mildernde Umstände zugebilligt werden. So sehr er selbst immer mehr dem Verfolgungswahn anheimfällt, ist es doch sein ihn demütigendes Umfeld, das ihn schuldig werden lässt. In Fassbaenders nie platt überzeichneter Darstellung einer grotesken Gesellschaft wird deutlich, wer denn in diesem Stück die eigentlichen Verrückten sind: der Hauptmann (Peter Lodahl mit enorm schönem gleißendem Heldentenor), der Doktor (Changjun Lee mit gewandtem Bass), der Tambourmajor (Roman Payer mit wohl dosiertem präpotentem Tenorstrahl). Überhaupt kommt man aus dem Staunen nicht heraus, welch‘ ein charakterstarkes Ensemble am Theater Lübeck auf der Bühne steht, das selbst an den bedeutendsten Opernhäusern reüssieren könnte. Adrienn Miksch ist eine hoch dramatische Marie, die im dem Tambourmajor entgegengeschleuderten „Rühr‘ mich nicht an!“ geradewegs an Beethovens heroische Leonore und ihre Sentenz „Töt‘ erst sein Weib“ gemahnt.
Da hat Stefan Vladar als Operndirektor höchste Kompetenz in der Auswahl des Ensembles bewiesen. Und als Generalmusikdirektor an der Trave bekräftigt er Fassbaenders Erkenntnis, dass in diesem Werk eigentlich alles in den Noten steht. Denn das Philharmonische Orchester Lübeck schärft unter Leitung seines Chefs jede Geste der Partitur derart wissend und konzis, dass es in der Tat keines Messers auf der Bühne bedarf, um uns die ganze Dramatik der Geschichte deutlich vor Augen und Ohren zu führen. Vladar liest Alban Berg nicht aus dem Geist der Spätromantik, sondern zeigt mit vorwärtsdrängenden Tempi und der extremen Ausarbeitung der Charakterstücke und Inventionen, wie modern diese exzeptionelle Partitur geblieben ist. Auf nach Lübeck!
Theater Lübeck
Berg: Wozzeck
Stefan Vladar (Leitung), Brigitte Fassbaender (Regie), Bettina Munzer (Bühne & Kostüme), Falk Hampel (Licht), Jan-Michael Krüger (Chor), Gudrun Schröder (Kinder- und Jugendchor), Michael Sangkuhl (Dramaturgie), Bo Skovhus, Roman Payer, Noah Schaul, Peter Lodahl, Changjun Lee, Robin Frindt, Steffen Kubach, Adrienn Miksch, Frederike Schulten, Thomas Stückemann, Chor des Theater Lübeck, Kinder- und Jugendchor Vocalino des Theater Lübeck und der Musik- und Kunstschule Lübeck, Statisterie des Theater Lübeck, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Termintipp
Sa., 02. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Berg: Wozzeck
Bo Skovhus (Wozzeck), Roman Payer (Tambourmajor), Noah Schaul (Andres), Adrienn Miksch (Marie), Frederike Schulten (Margret), Stefan Vladar (Leitung), Brigitte Fassbaender (Regie)
Termintipp
So., 17. Mai 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Berg: Wozzeck
Bo Skovhus (Wozzeck), Roman Payer (Tambourmajor), Noah Schaul (Andres), Adrienn Miksch (Marie), Frederike Schulten (Margret), Stefan Vladar (Leitung), Brigitte Fassbaender (Regie)
Termintipp
So., 24. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Berg: Wozzeck
Bo Skovhus (Wozzeck), Roman Payer (Tambourmajor), Noah Schaul (Andres), Adrienn Miksch (Marie), Frederike Schulten (Margret), Stefan Vladar (Leitung), Brigitte Fassbaender (Regie)
Termintipp
Sa., 30. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Berg: Wozzeck
Bo Skovhus (Wozzeck), Roman Payer (Tambourmajor), Noah Schaul (Andres), Adrienn Miksch (Marie), Frederike Schulten (Margret), Stefan Vladar (Leitung), Brigitte Fassbaender (Regie)
Termintipp
Fr., 19. Juni 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Berg: Wozzeck
Bo Skovhus (Wozzeck), Roman Payer (Tambourmajor), Noah Schaul (Andres), Adrienn Miksch (Marie), Frederike Schulten (Margret), Stefan Vladar (Leitung), Brigitte Fassbaender (Regie)




