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Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – L’italiana in Algeri

Geschichten von der Straße

Von wegen Buffa-Komödie mit pointiertem politischem Hintergrund: An der Deutschen Oper Berlin erfindet Rolando Villazón Rossinis „L’italiana in Algeri“ zwischen Tacos und Wrestling als volkstümliche Komödie aus der mexikanischen Vorstadt neu.

vonPatrick Erb,

„Alles dreht sich in meinem Hirn, bumm bumm“ singt Mustafá hier gegen Ende des ersten Akts in seinem Diwan. Doch sind es in der wirren Hektik des Harems nicht Kanonendonner, die der Bey von Algier vernimmt; auch nicht die Krähenschreie für Taddeo und erst recht nicht das autosuggestive Hämmern für den wüsten Handlanger Haly, der Taddeo an den Pfahl binden möchte. Es ist der Schlag gegen den Kopf, ein gezielter Kinnhaken mit der rechten Hand, ein Sprung vom Rand des Rings in die Arena. Wie toll und leicht sich mit gezielter Feinjustierung weniger Schrauben ein Schauplatz umdeuten lässt – und das völlig frei vom Verdacht spröden Regietheaters. An der Deutschen Oper Berlin gelingt Rolando Villazón mit „L’italiana in Algeri“ ein sehr souveräner Neuzugang zum Stoff.

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Gekonnt umschifft der an der Sängerpraxis geschulte Regisseur die für die Buffa-Oper typischen klischeehaften Exotismen und überzeichneten nationalen Stereotype, macht gar einen weiten Bogen darum: durch eine subtile Umetikettierung des Schauplatzes von einem politischen Italien-Algerien-Konflikt hin zu einem bandenähnlichen Aufeinandertreffen im Lucha Libre, jener ikonischen mexikanischen Schaukampfszene, die dort Massen begeistert, längst Kultstatus besitzt und für den in Mexiko-Stadt geborenen Villazón gewissermaßen ein Heimspiel ist.

Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“
Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“

Fern jeder ermüdenden Exotismusdebatte

So ist das aus der Orientbegeisterung eines Mozart bereits bekannte „Seraglio“ hier kein von Frauen bevölkerter Hort sexueller männlicher Lust, sondern – um 180 Grad gedreht – als Gym der Ort, an dem die Männer im Kollektiv ihrem Macho-Gehabe frönen. Chef ist auch hier Mustafà, der nicht Bey von Algier ist, sondern als Unternehmer mit seiner Clubkette die kleineren Lucha-Libre-Gyms in ihrer Existenz bedroht, so auch das der italienischen Fraktion in der Stadt. Nicht Sklaverei, sondern finanzieller Ruin und ein Knebelvertrag fesseln den jungen Lindoro ans „Seraglio“ – der Rest ergibt sich aus Situationskomik und durchaus spürbaren Eingriffen in die Rezitative, manchmal sogar in die Chortableaus.

Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“
Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“

Bühne und Kostüme mit dem gewissen Etwas

Der freilich wenig tiefsinnige Buffastoff gibt das mit nur wenigen Logikschürfungen zwischen Libretto und Handlung her, die wiederum vernachlässigbar sind angesichts der erstklassigen Bühne von Harald Thor. Auf einer Drehbühne entsteht ein Mikrokosmos zwischen Ringkampfarena, Restaurantbar und Buchhaltung – alles im Stil der 1940er Jahre, der Blütezeit des Lucha Libre.

Brigitte Reiffenstuel entwirft dazu passende Kostüme: Die Algerier erscheinen gern und oft entweder in Trainingsanzügen, seidenen Mänteln oder eben in jenen kitschigen, dem Superheldenkult entlehnt scheinenden Wrestlingkostümen mit bunten Glitzermasken; die Italiener tragen das stilvollere, wenngleich ebenfalls auf Selbstwirksamkeit nach außen zielende Zivil jener Zeit.

Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“
Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“

Sympathische Ensemblewirkung

Nicht nur das skurrile Thema verleiht dieser Inszenierung von „L’italiana in Algeri“ Charisma, vielmehr wirkt das Ensemble insgesamt ausgesprochen sympathisch. Als titelprägende Italienerin Isabella ist die Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina zu erleben, die mit technisch sauberen Koloraturen punktet, mehr noch aber durch jene jugendliche Energie und findige Durchsetzungskraft, die den bei Rossini eigentlich als Freiheitskampf mit Heimatsehnsucht angelegten Konflikt zu einer charmanten Geschichte aus dem Leben umwendet.

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Ebenso pathosfrei präsentiert sich der junge Tenor Jonah Hoskins, der als Lindoro in Blaumann und Kellnerdress spielfreudig sämtliche Frondienste Mustafàs übernehmen muss und sehnsuchtsvoll mit leuchtenden Augen und Wischmopp in der Hand von seiner Isabella träumt.

Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“
Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“

Buffa-Elemente nach außen tragen

Mehr noch überzeugen die Herren der tieferen Stimmlagen durch die Bank mit dynamisch raumfüllender Präsenz. Tommaso Barea hinterfragt als hübscher, athletischer Typ das Rollenbild des männlich unangenehm ausufernden Mustafà gehörig. Mit selbstverliebtem, eher dem Tenorheldentum zuschreibbarem Bariton scheitert dieser Unternehmer fast schon mehr an seinem Rückenleiden und seiner zwanghaften Eitelkeit als an den Intrigen der Italiener.

Für die Komik des Stücks sind Misha Kiria als Taddeo und Artur Garbas als Haly prägend. Ihre kongenialen buffonesken Baritone nutzen sie schauspielerisch wie stimmlich für so manche lautmalerische Witzelei.

Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“
Szenenbild aus „L’italiana in Algeri“

Orchester mit vornehmer Zurückhaltung

Alessandro De Marchi am Pult des Orchesters der Deutschen Oper verzichtet auf üppigen Verzierungswahn. Die eher sparsame Auskleidung der Musik wie auch die sorgfältige Zurückhaltung des Orchesters zahlen sinnvollerweise auf das Konto von Chor und Schauspiel ein, die dank einer lebendigen Bühnenchoreografie Villazóns deutlich mehr bieten als bloße Illustration der frühen Musik Rossinis.

Ein Faible für den etwas speziellen, knalligen Geschmack – für Wrestlingkostüme und ruppigen Hautkontakt – muss man für diese Fassung von „L’italiana in Algeri“ allerdings mitbringen. Dann aber ist es ein durchweg unterhaltsamer Abend.

Deutsche Oper Berlin
Rossini: L’italiana in Algeri

Alessandro de Marchi (Leitung), Rolando Villazón (Regie), Harald Thor (Bühne), Brigitte Reiffenstuel (Kostüme), Stefan Bolliger (Licht), Ramses Sigl (Choreografie), Ahmed Chaer (Wrestling-Einstudierung), Jeremy Bines (Chor), El Comandante Rambo & Pascal Spalter (Wrestling), Tommaso Barea, Hye-Young Moon, Arianna Manganello, Artur Garbas, Jonah Hoskins, Nadezhda Karyazina, Misha Kiria, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin






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