Die Händel-Festspiele in der Geburtsstadt des Barockmeisters können sich rühmen, in Halle alle Händelopern mindestens schon einmal aufgeführt zu haben. Im Falle seines „Rinaldo“, mit dem er 1711 in London mit seiner Weltkarriere endgültig durchstartete, ist die diesjährige Inszenierung sogar schon die dritte. Die erste gab es nach dem zweiten Weltkrieg 1953 unter Horst-Tanu Margraf. Beim zweiten „Rinaldo“ 1986 sorgte vor allem die Inszenierung von Peter Konwitschny für Furore. Der war bereits vor 40 Jahren dabei, sich als einer der führenden deutschen Regisseure zu etablieren – und seine Händel-Inszenierungen in Halle gehörten dazu. Die Oper hat ihn und einige Mitstreiter von damals (wie Christian Kluttig und Axel Köhler) zu einem gemeinsamen Rückblick geladen, der haargenau ins aktuelle Festspielprogramm passt.
Passendes Festspiel-Motto: „Mannsbilder: Helden, Herrscher, Herzensbrecher“
Das wird zum ersten Mal vollinhaltlich von Florian Amort verantwortet, der im vorigen Jahr schon die Leitung der Festspiele übernommen hatte, die noch von seinem plötzlich verstorbenen Vorgänger Bernd Feuchtner geplant worden waren. In diesem Jahr heißt das Motto des vom 5. bis 14 Juni über 80 Veranstaltungen bietenden größten Musikfestivals in Sachsen-Anhalt und (neben Göttingen und Karlsruhe) größten der drei deutschen Händelfestspiele: „Mannsbilder: Helden, Herrscher, Herzensbrecher“. Da Amort zugleich Direktor der Stiftung Händel-Haus ist, gibt es dazu in den frisch renovierten Räumen in Händels Geburtshaus auch eine gut gemachte Ausstellung zum Thema Männlichkeit mit dem Titel „Mannsbilder. Too hot to Händel?“. Allein das Opernprogramm bietet mit der Wiederaufnahme der vorjährigen „Agrippina“, den beliebten Marionetten-Versionen in Bad Lauchstädt und konzertanten Aufführungen neun Positionen.

Die Sturm-und-Drang-Urfassung des Londoner „Rinaldo“
Im Zentrum steht dabei natürlich mit der energiegeladenen, quasi Sturm-und-Drang-Urfassung des Londoner „Rinaldo“ die alljährliche Neuproduktion des Opernhauses. Und nach dem Klangfuror, den Michael Hofstetter und das hauseigene Händelfestspielorchester (als Spezialorchester innerhalb der Staatskapelle Halle) in Hochform entfesseln, lässt sich nachvollziehen, wieso dieses Werk dem Hallenser den Durchbruch in London einbrachte. Es ist eine theaterwirksame, emotional mitreißende Musik, Temperament und Glanz, aber auch mit lyrischem Innehalten. Hofstetter setzt auf ein zupackendes Tempo und liefert musikalischen Festspielglanz vom Feinsten.

Entfesseltes Barocktheater
Für Puristen mag Regisseur Walter Sutcliffe zwar die Ursünde des sogenannte Regietheaters begangen haben, weil er die überlieferte Geschichte neu und anders erzählt, als sie im Buche steht. Aber er bietet stattdessen ein entfesseltes Barocktheater auf dem Weg zur „Rinaldo“-Uraufführung. Auf und hinter der Bühne. Mitreißend und mit etwas Konzentration und gutem Willen auch nachvollziehbar. „Barock backstage“ sozusagen und der Maestro mittendrin! Mit Bühnenarbeitern, denen nicht alles präzise gelingt, die aber gleichwohl recht selbstbewusst die Hand aufhalten und den Geldbeutel des Theaterleiters (wohlklingend sicher: Yulia Sokolik mit der Partie des Goffredo) strapazieren. (Die Statisten machen das hervorragend!) Es hat Witz, wenn Ki-Hyun Park als Sänger des Argante mit großem Effekt im Himmelswagen aus dem Schnürboden einschwebt, sich da aber Teile lösen, die Reparatur misslingt und er dann nur noch an Strippen zappelnd auf den Bühnenbrettern landet.

„Krieg der Diven“
Barockoper – das sind natürlich vor allem die exaltierten Stars. Die Kastraten von damals werden heute von zwei fantastischen Countertenören vertreten. So, wenn der US-Amerikaner Christopher Lowrey mit vokaler Prachtentfaltung und Intonationssicherheit die Mordspartie des Rinaldo ohne Konditionsschwäche durchsteht. Und, wie der gerade mal 27-jährige Schweizer Constantin Zimmermann (aus der Kategorie der Namen, die man sich merken muss) als Eustazio (alias Händel) glänzt. Mit Diven, die aufeinander losgehen, bis die Fetzen fliegen. Zwar ohne, dass das Mannsbild Händel eine von ihnen am ausgestreckten Arm aus dem Fenster hält, wie die Legende berichtet. Aber man denkt automatisch an diese kolportierte Anekdote.
In dem mit Witz und angemessen distanzierter Parodie in Szene gesetzten „Krieg der Diven“ kann man in Halle auf die Händelkompetenz der Ensemblestützen Vanessa Waldhart (als auftrumpfende Zauberin Armida bzw. Prima Donna) und Franziska Krötenheerdt als Rinaldo-Favoritin Almirena bauen. Beide machen das sowohl vokal als Inkarnation ihrer Partien, als auch als exzentrische Diven großartig. Wobei es Almirena gelingt, sich den Superhit der Oper zu sichern. Aus dem berühmten „Lascia ch’io pianga“ (Laß mich weinen) macht sie einen der emotionalen Höhepunkte des Abends, der auch für sich (an der Rampe) stehen und wirken darf und von dem sich auf der Bühne und im Saal alle gefangen nehmen und berühren lassen.

Purer Augenschmaus
Dass der Zugang der Regie so funktioniert, liegt vor allem an der so opulenten, praktikablen Bühne von Hartmut Schörghofer und an der laufstegtauglichen Barockmode von Dorota Karolczak. Wenn die bewegliche Barockbühne mit einem Portal aus Memento-Mori-Versatzstücken und ihren Kulissengassen beiseitegeschoben wird, dann sieht man eine Front aus Logen auch mal mit Claqueuren oder Zuschauern. Bei einer exklusiven Probe für ein paar privilegierte Adlige interessieren sich diese Herren mehr für die Reize der hinreißend aufgedonnerten Sirenen (Isabelle Serafin und Rebecca Suta) als für das Stück. Die Roben sind durchweg eine Show für sich! Angesichts dessen, was man sonst so an Kostümhässlichkeit (oder Belanglosigkeit) geboten bekommt, ist das eine Pracht, und man staunt nicht schlecht, was die Werkstätten so zustande bringen.
Allein, wenn Rinaldo (als würde der König tanzen) nach der originellen Vogelgezwitschernummer mit seinem Kopfputz und allem Drum und Dran aus Samt und Seide den royalen Pfau gibt, ist das, mal ganz altmodisch gesagt, purer Augenschmaus. Wer da nach der Pause einen Absturz (von wegen Fallhöhe) befürchtet hatte, wurde angenehm enttäuscht. Den beiden „Machern“ im Stück (also dem Komponisten und dem Theaterleiter) gelingt es, alle Streitereien ihres singenden und kulissenschiebenden Personals zu schlichten und die Proben mit einem flotten und oft witzigen Durchlauf zentraler Szenen für ihren „Rinaldo“ zu Ende zu führen. Inklusive des Deus-ex-machina-Auftritts von Aco Bišćević mit einem gefühlt endlos gehaltenen Ton, der der Streiterei Einhalt gebietet.
Nach guten drei Stunden begänne dann in dieser Lesart das eigentliche überlieferte Stück mit der barocktypischen Melange aus Kreuzzug, Zauberin und verwickelten Liebeshändeln vor dem Happy End. Wer diese brave Nacherzählung möchte, dem bieten die Festspiele in Bad Lauchstädt die Wiederaufnahme des Marionetten-„Rinaldo“. Die Barock-backstage Version bleibt – wie in Halle für die Festspielnovitäten üblich – erstmal im Programm.
Händel-Festspiele Halle
Händel: Rinaldo
Michael Hofstetter (Leitung), Walter Sutcliffe (Regie), Hartmut Schörghofer (Bühne), Dorota Karolczak (Kostüme), Jorge Cousineau (Video), Toni Burghard Friedrich (Dramaturgie), Yulia Sokolik, Franziska Krötenheerdt, Christopher Lowrey, Constantin Zimmermann, Ki-Hyun Park, Vanessa Waldhart, Aco Bišćević, Isabelle Serafin, Rebecca Suta, Händelfestspielorchester Halle
Termintipp
So., 07. Juni 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Händel: Rinaldo
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Mo., 08. Juni 2026 14:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
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Fr., 12. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
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So., 14. Juni 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Händel: Rinaldo
Händel-Festspiele Halle





