Opern-Kritik: Komische Oper Berlin – M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Eines Mörders Selbstsuche

(Berlin, 5.5.2019) Hausherr Barrie Kosky und Feuilleton-Liebling Moritz Eggert veropern Fritz Langs frühen Tonfilm – und feiern einen verdienten Erfolg.

© Monika Rittershaus

Scott Hendricks (M)

Scott Hendricks (M)

Über fünfzehn eigene Opern hat der 52-jährige Darling des Feuilletons bereits herausgebracht. Jetzt zieht Moritz Eggert an einem Strang mit Barrie Kosky, dem inszenierenden und bei diesem Auftragswerk gemeinsam mit Dramaturg Ulrich Lenz als Textbuch-Autor auftretenden Hausherrn der Komischen Oper Berlin. Selbst wenn nach 110 Minuten beim Erscheinen des Komponisten der Applaus vom Siedepunkt etwas herunterkühlt und durch ein Buh leicht verunstaltet wird: Bei „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ handelt es sich um einen großen, verdienten Erfolg. Mit einem 88 Jahre alten Sujet operiert Eggert an der Popularisierung der Neuen Musik gegen die Überalterung des Opernrepertoires. Fritz Langs und Thea von Harbous „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, einer der ersten deutschen und mit einer erstaunlichen Sound-Kulisse unterlegten deutschen Tonfilme, stammt aus dem Jahr 1931.

Oper nach einem Film

© Monika Rittershaus

Scott Hendricks (M)

Scott Hendricks (M)

Aber es zählt nicht nur die Ambition, sondern vor allem das Resultat. In Musik und Text ist es Eggert und Kosky hervorragend gelungen, viele dramatische Bezüge von Fritz Langs raffinierter Klang- und Geräuschdramaturgie aufzugreifen und dennoch aus einer ganz anderen Perspektive zu agieren. Kindergedichte und expressionistisch bänkelhafte Poems von Walter Mehring (1896-1961) kommen als Zäsuren zum Einsatz, wo die Scharniere der Veroperung sonst versagen könnten. Anstelle der jagenden, von der Polizei und ihren eigenen Ängsten angetriebenen Massen steht „M – der Mörder“ im Zentrum der Partitur.

Fluidum des Gefährlichen, Nebulösen, Tabuisierten

Bewahrt wird in der Komischen Oper Berlin das Fluidum des Gefährlichen, Nebulösen, Tabuisierten: Immer ist M umgeben von Kindern, die ihn auch in Fernchören bedrängen. Da kann man sich viel dazudenken – und trotzdem geschieht auf der Bühne kaum etwas Gefährliches oder Anstößiges, selbst wenn M am Ende mit einem Gebinde von Luftballons in Kontakt zu halbwüchsigen Mädchen tritt. Die mit kalkuliert musikalischem Furor aufgekochte Musik macht vergessen, dass die Frage nach Schuld, Schuldfähigkeit und Bestrafung ein zentrales Thema sein soll. Doch es wird deutlich, dass es um den Menschen M und sein Innenleben geht.

Atmosphäre zwischen Projektcamp und Liliput

© Monika Rittershaus

Scott Hendricks (M), Statisterie der Komischen Oper Berlin

Scott Hendricks (M), Statisterie der Komischen Oper Berlin

Der baumhohe Bariton Scott Hendricks mit überdies elektroakustisch verstärkter Riesenstimme ist hier wie ein Gulliver im Land Liliput mit von Kindern dargestellten Erwachsenen. Aber anders als in einem Feriencamp, in dem Kinder eine möglichst ideale Erwachsenengesellschaft imitieren, jagt und zersetzt sich eine urbane Gesellschaft im Ausnahmezustand: Misstrauen, Schrecken, das Erliegen von Arbeitsprozessen. Die Darsteller tragen Kopfmasken, spielen dezent karikierte Kleinbürger, Spießbürger, Wutbürger und Gossenproletariat. Die über 60 Sänger des Kinderchors (bravourös einstudiert von Dagmar Fiebach und David Cavelius) sind, beflügelt und skandierend attackiert von hinter der Bühne agierenden Studierenden und Absolventen der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, die Stars dieser Produktion. Sie agieren genau das aus, was eigentlich als nicht kindgerecht betrachtet wird.

Ein Mann unter Trollen

Klaus Grünberg und Anne Kuhn haben das Portal der Bühne mit einem weißen Rahmen verdeckt. Auf einem Podest definieren lange Paravents die Spielfläche als öffentliche Räume mit Polizeistation. M selbst sitzt davor an einem für ihn viel zu kleinen Kinderstuhl mit Kindertisch. Ein Mann unter Trollen, der das Liedchen vom Bi-Ba-Butzemann herausdröhnt und wie im Film von dem orgiastischen Motiv aus der Halle des Bergkönigs in Edvard Griegs „Peer Gynt“-Musik getrieben wird. Katrin Kath steckt M in Jeans und Polohemd, während alle anderen Zeitloses mit Anklängen an das Berlin in den legendären Zwanziger Jahren tragen.

Klänge des Zeitgeists

© Monika Rittershaus

Statisterie der Komischen Oper Berlin

Statisterie der Komischen Oper Berlin

Gut verständlich, dass der dem Berliner Großstadttheater dieser Jahre verfallene Barrie Kosky das Sujet von „M“ mit seiner Außenseiterthematik, aber auch dessen turbulente Kontrastweite zwischen Huren, Ordnungshütern und Normalos anspringt. Moritz Eggert fordert vom Orchester der Komischen Oper und seinem diesem am Ende mit einem emphatischen Kniefall dankenden Chef Ainārs Rubiķis alles. In den durch Verstärkung noch größeren Lautstärken gibt es knackende Zäsuren und kurzes Innehalten, Geräuscheffekte und A-cappella-Stellen zuhauf. Doch gleich brausen erneut rauschende und die Hintergrund-Solostimmen von Alma Sadé und Tansel Akzeybek mit verschwenderischer Dezibel-Fülle umwogende Klangmassen auf. Ein tönender Schwall kurz vor der amorphen Implosion ist das. Am Beginn des moralischen Infernos glaubt man das Agamemnon-Motiv aus der „Elektra“ von Richard Strauss wie in einer Metamorphose für singende Säge zu hören. Wenn M am Ende immer mehr in die emotionale Erschöpfung gleitet, mahlert es aus einem Trauermarsch, und eine Portion „Götterdämmerung“-Chromatik gibt es auch.

Eggert bringt uns den Zeitgeist der Weimarer Republik mit einem dessen geistiges Leben in Tönen spiegelnden Musikdesign nahe. Er beherrscht die Überrumpelung seiner Hörer. Jetzt wird es spannend für die zweite Produktion der Oper „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, wie tragfähig die Musik ohne das suggestive Equipment der Komischen Oper sein wird, ob sich das mörderische Songspiel auch in einer mehr statuarischen Form als szenisches Oratorium oder dramatische Kantate bewähren wird.

Komische Oper Berlin
Eggert: M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Ainārs Rubiķis (Leitung), Barrie Kosky (Regie), Klaus Grünberg (Bühne und Licht), Anne Kuhn (Co-Bühne), Katrin Kath (Kostüme), David Cavelius (Chor), Dagmar Fiebach (Kinderchor), Ulrich Lenz (Dramaturgie), Scott Hendricks (M, der Mörder), Alma Sadé, Tansel Akzeybek, Absolventen und Studierende der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin: Emilia Giertler, Noëlle Haesling, Laura Kiehne, Max Haase, Jan Eric Meier, Daniel Warland (Stimmen), Kinderchor und Kinderkomparserie der Komischen Oper Berlin, Sänger des Opernstudios und des Vocalconsorts Berlin

Moritz Eggert spricht über „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“:

Termine

Samstag, 16.11.2019 19:30 Uhr Komische Oper Berlin

O. Straus: Die Perlen der Cleopatra

Adam Benzwi (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

Freitag, 22.11.2019 19:30 Uhr Komische Oper Berlin

O. Straus: Eine Frau, die weiß, was sie will!

Adam Benzwi (Leitung),
Barrie Kosky (Regie)

Sonntag, 24.11.2019 19:30 Uhr Komische Oper Berlin

Bernstein: Candide

Jordan de Souza (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

Mittwoch, 04.12.2019 19:00 Uhr Komische Oper Berlin

Händel: Semele

Konrad Junghänel (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

Donnerstag, 05.12.2019 19:30 Uhr Komische Oper Berlin

O. Straus: Die Perlen der Cleopatra

Adam Benzwi (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

Sonntag, 08.12.2019 18:00 Uhr Komische Oper Berlin

Weill: Lonely House

Katharine Mehrling (Gesang), Barrie Kosky (Klavier)

Donnerstag, 12.12.2019 19:00 Uhr Komische Oper Berlin

Händel: Semele

Konrad Junghänel (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

Samstag, 14.12.2019 19:30 Uhr Komische Oper Berlin

O. Straus: Die Perlen der Cleopatra

Adam Benzwi (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

Sonntag, 15.12.2019 18:00 Uhr Komische Oper Berlin

Händel: Semele

Konrad Junghänel (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

Mittwoch, 18.12.2019 19:00 Uhr Komische Oper Berlin

Händel: Semele

Konrad Junghänel (Leitung), Barrie Kosky (Regie)

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