In der europäischen „Ring“-Schmiede mit ihren Standorten in München, Köln, Rom und Paris hat die Opéra national de Paris derzeit die Nase vorn. Bayreuth und die Salzburger Osterfestspiele stehen in den Startlöchern. Der Grüne Hügel hat fürs „Ring“-Jubiläumsjahr ein KI-Experiment zu den Festspielen angekündigt, Salzburg beginnt zu Ostern mit dem „Rheingold“. An der Opéra Bastille sind Pablo Heras-Casado und Calixto Bieito jetzt beim „Siegfried“ angekommen. Der längst auch in Bayreuth als „Parsifal“-Dirigent etablierte Heras-Casado wurde auch für diesen „Siegfried“ völlig zurecht bejubelt. Er spielt die Wagner-Kompetenz des in der Pariser Nationaloper heimischen französischen Spitzenorchesters voll aus, füllt die riesige Bastille vor gebannt folgendem Publikum passgenau, lässt sich auf die lyrischen Feinheiten genauso sensibel ein, wie er den großen auftrumpfenden Ton blühen lässt.

„Siegfried bin ich…“ – Andreas Schagers Triumph
Dazu kommt mit Andreas Schager ein Siegfried, der derzeit kaum zu toppen sein dürfte. Als der Österreicher in dieser Rolle 2012 in Halle debütierte, war ziemlich klar, dass seine Stimme ein paar Nummern zu groß für das vergleichsweise kleine Haus war. Die riesige Bastille-Oper mit ihrem über 2700 Plätze fassenden Saal aber passt wie maßgeschneidert. Wenn er Brünnhilde auf ihre Frage „Wer ist der Held, der mich erweckt?“ sein „Siegfried bin ich…“ kraftvoll Pris und dennoch wohldosiert entgegenschleudert, dann ist das nicht nur die Antwort auf eine gut nachvollziehbare Frage. Man könnte sie getrost als Motto über dem ganzen Abend prangen lassen. Schagers pure Kraft konnte man schon immer bestaunen, seit er sich als Heldentenor an die Spitze der Zunft gesungen hat. Manchmal wirkte das auch genauso: als pure Demonstration der vokalen Heldenpose. Diesmal ist es anders. Er stellt sie in den Dienst einer durchgängig überzeugenden, wirklich gesungenen Rollengestaltung. Selbst beim großen Finale, wenn der Langstreckenläufer Siegfried auf die ausgeruhte Einsteigerin Brünnhilde trifft, die bei der Amerikanerin Tamara Wilson in einer schon in der „Walküre“ bewährten Kehle liegt, ist er mit seiner Kondition gleich auf. Der sich ohne eine kleine Notreserve für alle Fälle ins Zeug legende und verausgabende Schager ist jedenfalls das Ereignis des Abends!

Reklamation im Opernbaumarkt
Vor allem Wilson und der Mime des eloquent wendigen Gerhard Siegel lassen sich von diesem vokalen Höhenflug am ehesten mitreißen und halten mit. Brian Mulligan als Alberich, Mika Kares als Fafner und Ilanah Lobel-Torres als Waldvogel komplettieren das Protagonisten-Ensemble solide. Die als Erda erstaunlich hell gefärbte Altistin Marie-Nicole Lemieux hat sich bei der Begegnung mit ihrem Ex Wotan dessen eskalierender Übergriffigkeit zu erwehren, bleibt dafür aber länger auf der Szene als üblich. Als Wanderer ringt Derek Welton in Bietos Lesart offensichtlich mit seiner Rolle als Gott auf Wanderschaft. Bei Welton klingt das streckenweise auch so verzagt. Abgesehen davon beneidet man ihn nicht um die Aufgabe, während der Wissenswette seinen in Einzelteile zerlegten Speer zusammenzusetzen und die entsprechenden Steckverbindungen mit Klebeband zu verstärken. Dieser bei seinem ersten Auftauchen ziemlich lavede wirkende Speer ist eines der Requisiten, die man genauso im Opernbaumarkt reklamieren müsste wie manchen der willkürlich daherkommenden Regieeinfälle, mit denen Bieto den Herausforderungen des Stückes regelrecht auszuweichen scheint. Immerhin verpasst er diesem Speermodell eine Zusatzbedeutung. Als sich der Wanderer seinem Enkel in den Weg stellt, zerhaut Siegfried das Teil nicht, sondern nimmt es ihm einfach weg. Dass Wotan daraufhin wie blind herumtapst, ist eine der Behauptungen, die einfach so im Wald abgelagert werden.

Schwert ohne Schmiede
Den Versuch, das Schmieden des Wunderschwertes in irgendeine Art von technischer Metapher zu übersetzten, schenkt sich Bieito gleich ganz. Statt zu schmieden oder ersatzweise irgendetwas Vergleichbares zu machen, tobt Siegfried nur wie ein hyperaktives Kind im Wald herum, zerfetzt ein Kleid (vermutlich ein mütterliches Erbstück) und findet das Wunderschwert dann einfach im Grünen. Besonders scharf ist dessen Klinge übrigens nicht, denn Siegfried hält immer nur die Klinge in Händen, den Griff höchstens zufällig. Das Ding gehört wohl auch zurück in den Baumarkt.

Imponierende Waldeskulisse
Immer ist der Bühnenwald im ersten und zweiten Aufzug eine Show für sich. Die postapokalyptische Gerüstkulisse aus „Rheingold“ und „Walküre“ ist jetzt hinter einem imponierenden Wald verborgen.Rebecca Ringst (Bühne) lässt das betörend üppige Waldesgrün allerdings kopfüber wuchern. Die meisten der Bäume haben ihre Wurzeln im Schnürboden, zwei ragen in der Horizontalen von links und rechts in diesen imaginären Wald. Optisch gehört es zum Besten dieses seltsam vom Wege abgekommenen Abends, wenn dieser herunterhängende Wald durch die Überblendung mit den zauberisch schimmernden Videos von Sarah Derendinger optisch raunend wogt.

Brünnhilde on ice
Offensichtlich macht die große Weltkatastrophe mit einer ergrünenden Anomalie Pause. Die Welt, zu der all das gehört, ist jedenfalls aus den Fugen. Denn auch Brünnhilde findet sich am Ende nicht auf flammenumlodertem Felsen, sondern wartet tiefgefroren hinter einer Milchglasscheibe in der Höhe, so wie man es aus der „Walküre“ in Erinnerung hatte. Wie sich zeigt, ist es Folie, die der arme Siegfried auch noch mühsam zerfetzen muss. Wenn sich Siegfried ans Auftauen macht, gönnt sich Bieito (ob nun bewusst oder unbewusst) einen Kalauer: Bei „Komm, mein Schwert, schneide das Eisen…“ lässt er szenisch die Endung von Eisen einfach weg und lässt Siegfried tatsächlich auf einen Eisblock einschlagen. Lodernde Kälte, gefrorenes Feuer – Dialektik zum Selberbauen? So recht weiß man es nicht.
Dass die Pariser den Siegfried Andreas Schager begeistert feierten, ist nachvollziehbar und vollkommen in Ordnung. Wie sie diesen seltsam im Wald verirrten „Siegfried“ als Ganzes fanden, lässt sich kaum beurteilen, da sich das Regieteam erst nach der „Götterdämmerung“ dem Publikum stellt. Immerhin bleibt spannend, wie Bieito in der „Götterdämmerung“ aus dem Wald zurückfinden will, um dann tatsächlich die große Katastrophe zu zelebrieren.
Opéra national de Paris
Wagner: Siegfried
Pablo Heras‐Casado (Leitung), Calixto Bieito (Regie), Rebecca Ringst (Bühne), Ingo Krügler (Kostüme), Michael Bauer (Licht), Sarah Derendinger (Video), Bettina Auer (Dramaturgie), Andreas Schager (Siegfried), Gerhard Siegel (Mime), Derek Welton (Der Wanderer), Brian Mulligan (Alberich), Mika Kares (Fafner), Marie-Nicole Lemieux (Erda), Tamara Wilson (Brünnhilde), Ilanah Lobel-Torres (Waldvogel), Orchestre de l’Opéra national de Paris




