Opern-Kritik: Oper Leipzig – Lulu

Große Oper als noch größeres Kino

(Leipzig, 16.6.2018) Lotte de Beer und Ulf Schirmer verantworten die Alban Berg-Premiere zum Jubiläum „325 Jahre Oper in Leipzig“

© Tom Schulze

Szenenbild aus "Lulu"

Lulu/Oper Leipzig

„Gibt es etwas Traurigeres auf der Welt als ein Freudenmädchen?“ Dieser Frage ihres Liebhabers Alwa stellt man sich an der Oper Leipzig bei Aufstieg und Fall Lulus nicht. Denn die Leipziger Erstaufführung einer der wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts, 81 Jahre nach der Uraufführung und fast 30 Jahre nach dem Mauerfall, ist zum Jubiläumswochenende „325 Jahre Oper in Leipzig“ vor allem festlich und bringt mit dekorativer Bitternis etwas Ernst in die schöne Nostalgie. Und sie zeigt, dass die Welt von gestern zwischen Kultur und grober Sexualität nur böse Reize hatte. Der Abend wird zum Triumph des überirdisch schön spielenden Gewandhausorchesters sowie der aus dem Vollen schöpfenden und etwas ausladenden Videokunst-Präsentation des Duos „fettFilm“.

Film-Expressionismus

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Szenenbild aus "Lulu"

Lulu/Oper Leipzig

Gute Idee: Umfangreiche Teile aus Frank Wedekinds „Monstretragödie“ erscheinen als Textbilder eines vielleicht zu langen Stummfilms, der jedes Geheimnis der Story in das gnadenlose Licht simplifizierender Überdeutlichkeit zerrt. Übertitel sind also kein Hilfsmittel, sondern integraler Teil der Inszenierung von Alban Bergs Oper in der von Friedrich Cerha ergänzten Fassung.

Die am Tag vor der Premiere in Leeunwarden mit dem „ISPA Award 2018“ ausgezeichnete Niederländerin Lotte de Beer greift die Vorgabe Bergs auf, dass die Befreiung Lulus aus dem Gefängnis durch die vier ihr verfallenen Menschenwesen als Film gezeigt werden solle. Also ist diese große Oper noch größeres Kino: In verpixeltem Schwarzweiß sieht man, wie ihr alkoholabhängiger Ziehvater Schigolch das kleine Mädchen Lulu für ein paar große Scheine dem „Gewaltmenschen“ Doktor Schön auf die Matratze schickt. Von ihrem Schänder erhält sie später ein bisschen Liebe und sogar etwas Bildung (Nietzsche!).

Die innere Geschichte von Lulu

Aber vor allem gibt es für die kleine Lulu Eintrittskarten in die Traumwelt des Zirkus als Tor zu einer besseren Welt. Und sie kann ganz schnell brauchen, was sie gelernt hat. Willig spreizt sie vor allen, die das wollen, im Liegen die Beine. Bei Lotte de Beer hat sie außerdem einen eigenen Kopf und eigene Gefühle, ist also nicht nur die Summe multipler Männerphantasien wie bei den ewig Vormodernen Wedekind und Berg. Lulu giert nach dem Leben. Aber sie ängstigt sich auch viel. Sie soll nicht mehr animalisch sein. Die Gleichsetzung von Lulu als ewiger Eva und der Schlange, die der Tierbändiger (Jonathan Michie) im Prolog eigentlich vorführt, passt nicht mehr ins Heute.

Dafür sieht man, wie Männer bei ihr Schlange stehen: Lotte de Beer will klare Fakten ohne symbolische Überfrachtung. Klar, dass man für diese Produktion einen ganz anderen Charakter suchte als die lange Zeit in dieser Rolle weltweit führende Marlis Petersen.

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Szenenbild aus "Lulu"

Lulu/Oper Leipzig

Rebecca Nelsens konditionsstarker Mädchensopran

Rebecca Nelsen ist tatsächlich ganz anders, weil an ihr alle Gebrauchsspuren des Lebens abprallen wie an einem weiblichen Dorian Gray. Am Ende steht sie als ewig naives Mädchen im Sumpf Londons, selbst wenn sie in ihren besten Tagen als blauer Engel auf dem von ihr geliebten Doktor Schön reitet und ihn als scharfe Revueprinzessin in liebender Routine quält. Der eiskalt spielende, aber heldenbaritonal satt glühende Simon Neal muss sich nicht in Jack the Ripper verwandeln. Als allerletzter todbringender Freier sichert er sich seine Lust genauso wie am Anfang, wenn er im Film Lulus Jungfräulichkeit brutal nimmt und uns ab da ihre Augen in Großaufnahme immer wieder ausdruckslos malträtieren. Im Tod kommt Lulu endlich wieder in den Zirkus, ihre schönere Welt.

Rebecca Nelsens konditionsstarker Mädchensopran berührt vor allem in den Kantilenen, in denen Lulus existenzielle Nöte aufreißen. Für diesen Ansatz verzichtet sie auf alle reiferen Vokalschattierungen. Deshalb sieht man hier endlich, dass Alban Berg bei der ungetreuen Lulu und ihren vier Liebhabern von Strauss‘ Komödiantin Zerbinetta gründlich abgekupfert hat. Durch Rebecca Nelsen und Lotte de Beer wird das Paris-Bild kurzweilig wie fast nie.

Schwarze Champagneroperette

Schwarzweiß ist alles in diesem großen Raum, bis auf die Blütenköpfe der Blumen für die Damen und die von allen drei Geschlechtern in Mengen genossenen Liqueurs. Sonst bleiben das Ambiente und die Kostüme Jorine van Beeks düster und die Bühne um Alex Broks variable Wände leer. Der Untergang des Abendlandes als Champagneroperette „Maske in Schwarz“. Die Gesetze der spätbürgerlichen Amüsierbetriebe gelten allerdings nicht mehr.

Deshalb überspringt man das umständliche Kokettieren mit dem Geschlechtsverkehr und nimmt sich die Lust mit direkter Grobheit: Sensiblere Regungen, Flirts und Annäherungen sind von läppischer Unbeholfenheit statt knisternd oder gar wärmend. Kathrin Görings Gräfin Geschwitz hat in der Stimme emotionale Kompetenz und verbirgt ihre beeindruckende Ausstrahlung im Nadelstreifen-Hosenanzug. Kaum hätte man vermutet, dass hinter dem kindlichen Gymnasiasten Leipzigs Ausnahme-„Cenerentola“ Wallis Giunta steckt.

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Szenenbild aus "Lulu"

Lulu/Oper Leipzig

Die Herren Patrick Vogel, Randall Jakobsh und Yves Saelens sind prächtiges Sänger- und Menschenmaterial für diese fast vierstündige Opernballade von der sexuellen Hörigkeit. Lotte de Beer macht diese großartige Oper über weite Strecken zum milden Klassiker über einen Menschenpark, vor dessen Gefühlsleere und szenischem Funktionalismus einen das blanke Grausen packt. Besonders sinnfällig wird das bei Martin Blasius als Schigolch, den Lotte de Beer hinunter in das abstoßende Souterrain der Penner und Kuppler stößt, weil sie schon schäbige Eleganz als zu starke Doppelbödigkeit scheut.

Spätromantischer Glanz aus dem Orchestergraben

Ulf Schirmer und das Gewandhausorchester pochen mit Nachdruck darauf, dass Alban Berg das harmonische Gerüst seiner Zwölftonoper dem Orchester als betörenden Malstrom menschlicher Sinnlichkeit überantwortete. Deshalb machen sie aus „Lulu“ ein Trinklied vom Jammer der Erde, das mit Samt und Seide in eine lyrische Symphonie mündet. Nicht nur die Synkopen der den Abend erwartenden Mahagonny-Männer tickern aus dem Orchestergraben. Edle Streicheropulenz wie bei Korngold umspielt sentimentalisierend Lulus erstickten Ausruf „Man hat mich satt“, und manchmal ahnt man sogar die Alternative einer Liebe als Himmel auf Erden wie von Lehár.

Diese „Lulu“, die man an der Oper Leipzig also auch musikalisch als Klassiker in Greifweite des geliebten Richard Strauss inthronisiert, zeigt die zerstörende Kraft des Eros in einem längst vergangenen 20. Jahrhundert mit Konfliktpotenzialen, gegen die „#MeToo“ im frontalen Gegenkurs zu Felde zieht. Beim Schlussapplaus verbeugen sich auch die Musiker auf der Bühne. Ihre goldschimmernden Blasinstrumente degradieren die dunkel gewandeten Sänger zu grauen Mäusen im Sonntagsstaat. Da merkt man also äußerst deutlich, woher der Glanz kommt, nach dem sich die kleine Lulu sehnt wie das kunstseidene Mädchen.

Oper Leipzig
Berg: „Lulu“

Ulf Schirmer (Leitung), Lotte de Beer (Regie), Alex Brok (Bühne), Jorine van Beek (Kostüme), fettFilm (Video), Rebecca Nelsen (Lulu), Kathrin Göring (Gräfin Geschwitz), Wallis Giunta (Theater-Garderobiere / Gymnasiast / Groom), Joshua Morris (Medizinalrat / Professor / Diener), Patrick Vogel (Maler / Neger), Simon Neal (Dr. Schön / Jack The Ripper), Yves Saelens (Alwa), Martin Blasius (Schigolch), Randall Jakobsh (Athlet), Alvaro Zambrano (Prinz), Carlos Osuna (Marquis / Kammerdiener), Gewandhausorchester Leipzig

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Weitere Termine: 24.6. & 1.7.2018

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