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Opern-Kritik: Semperoper – Siegfried/Götterdämmerung

Thielemanns Triumph

(Dresden, 18./20.1.2018) Christian Thielemanns ersten Dresdner „Ring“-Zyklus würde man gern für die Nachwelt festhalten

vonKirsten Liese,

Schlafwandlerisch sicher beherrscht er die Partitur, aber kein Moment besteht die Gefahr, dass sich auch nur eine Spur von Routine einschleichen könnte. Denn Christian Thielemann durchlebt Wagners Musik mit Leidenschaft. Solche Hingabe färbt unweigerlich auf die Musiker der Sächsischen Staatskapelle ab, die sich auch in der zweiten Halbzeit von Thielemanns erstem Dresdner „Ring“-Zyklus in Hochform präsentieren.

Windet sich der Riesenwurm da direkt aus dem Trichter der Basstuba?

Herrlich golden tönen die Streicher, liebreizend die Holzbläser, stolz strahlt das Blech. Und was für unheilvolle, düstere Klänge steigen aus dem Graben auf, wenn im „Siegfried“ die Basstuba einsetzt! In den Tiefen grummelt es da so gewaltig, dass man meinen könnte, der den Nibelungen-Hort hütende Riesenwurm würde sich unmittelbar durch den Trichter des imposanten Instruments herauswinden. In den dynamisch klug disponierten Aufführungen erbeben allerdings nicht wie bei vielen anderen Dirigenten gleich beim ersten Crescendo die Wände. Thielemann lotet die Spitzen nuancenreicher aus, spart die mächtigsten Tuttiklänge für die dramatischen Kulminationspunkte auf. Sie sind zu „Siegfrieds Tod“ und in den letzten Takten von Brünnhildes Schlussgesang erreicht.

Szenenbild aus "Siegfried"
Siegfried/Semperoper Dresden © Klaus Gigga

Fein ziselierte Übergänge

Der Mann an der Pauke versteht sich auf die geforderten vielen Zwischenstufen zwischen Forte und Fortissimo. Und wenn er ausholt, gehen einem die Schläge ins Mark wie in jener Szene der „Götterdämmerung“, in der Waltraute zu Brünnhilde auf den Felsen stürzt, um sie verzweifelt an den Fluch des Rings zu gemahnen. Der allein zwei Stunden währende erste Aufzug des letzten Abends vergeht in Dresden wie im Fluge, dies auch deshalb, weil Thielemann die Übergänge zwischen Szenen und Zwischenspielen fein ziseliert. In magischen Pianoklängen baut sich etwa nach dem Auftritt der Nornen (eine Klasse für sich: Monika Bohinec, Simone Schröder, Christiane Kohl) große Spannung im Graben auf. In solchen Momenten stört freilich jedes Nebengeräusch, sei es ein leises Rumpeln auf der Bühne bei der szenischen Verwandlung oder knisterndes Bonbonpapier aus dem Saal.

So erstklassig wird man den „Ring“-Zyklus so bald nicht wieder hören und sehen

Schade, dass keine Kameras die Produktion aufgezeichnet haben, so erstklassig wird man den „Ring“ als Ganzes so bald nicht wieder hören und sehen, zumal sich auch auf der Bühne ein ideales Ensemble versammelt. Ihm gehörten lang gediente, großteils bayreutherprobte Wagnersänger wie Albert Dohmen (Alberich), Gerhard Siegel (Mime), Christa Mayer (Erda, Waltraute) oder Edith Haller (Gutrune) ebenso an wie frische Kräfte noch jüngerer Generationen in den großen Partien: Vitalij Kowaljow (Wanderer), Stephen Milling (Hagen), Andreas Schager (Siegfried) und Petra Lang (Brünnhilde).

Szenenbild aus "Götterdämmerung"
Götterdämmerung/Semperoper Dresden © Klaus Gigga

Petra Lang als Brünnhilde wird hier zur Sensation

Insbesondere die phänomenale, vom Dresdner Publikum für ihre herausragenden Qualitäten gar nicht genug gewürdigte Petra Lang wird hier zur Sensation. Über die gebotene Durchschlagskraft und eine sichere Höhe verfügen gewiss auch Andere, aber keine Kollegin singt die Brünnhilde derzeit in allen Registern derart kultiviert, textverständlich und glutvoll in der Mittellage. Nicht nur manche Phrasen („Welch banger Träume Mären“) lassen da Erinnerungen an die große Heroine Martha Mödl aufscheinen, die wie Lang ebenfalls ursprünglich aus dem Mezzofach zur Hochdramatischen aufstieg, sondern auch die schonungslose Art, wie sich eine Sängerin hier mit Haut und Haaren für ihre Rolle verausgabt. Und auch Schager, der in wenigen Jahren schon an vielen Bühnen Siegfried, Parsifal und Tristan gesungen hat, auf den er sich gerade in einer Neuproduktion unter Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper vorbereitet, schont seine Kräfte nicht. Seinen ganzen Part singt er mit großem Strahl, und ein paar lustige Szenen beschert der agile, wendige Darsteller auch. Dies vor allem in der Schmiedeszene, wenn er wie ein jugendlicher Rabauke von heute übermütig, forsch und mit ungeduldigem Fingerschnippen den kauzig-mürrischen Ziehvater Mime foppt.

Szenenbild aus "Götterdämmerung"
Götterdämmerung/Semperoper Dresden © Klaus Gigga

So wie die Sänger die emotionalen Achterbahnfahrten ihrer Partien allesamt bewegend durchleben, entsteht ohnehin in Wolfgang Gussmanns von Stühlen und Stuhlreihen bestimmten Kulissen zu Willy Deckers Inszenierung aus dem Jahr 2003 packendes Musiktheater. Der größte Beifall des Dresdner Publikums aber gilt dem genialen Dirigenten Christian Thielemann.

Semperoper Dresden
Wagner: Siegfried/Götterdämmerung

Christian Thielemann (Leitung), Willy Decker (Regie), Wolfgang Gussmann (Bühne & Kostüme), Frauke Schernau (Kostüme), Petra Lang (Brünnhilde), Andreas Schager (Siegfried), Vitalij Kowaljow (Wanderer), Stephen Milling (Hagen), Albert Dohmen (Alberich), Gerhard Siegel (Mime), Christa Mayer (Erda & Waltraute), Edith Haller (Gutrune), Staatskapelle Dresden

Termine Ring-Zyklus 2: 29.1. Das Rheingold, 30.1. Die Walküre, 1.2. Siegfried, 4.2. Götterdämmerung

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