Die Zustände sind nur allzu bekannt. Totalitarismus, Technizismus, beginnende Verselbständigung der Künstlichen Intelligenzen. Eine aseptische, jederzeit als Operationssaal oder Serverstandort taugliche Welt. Zugleich eine, deren Gesellschaft nach und nach der Boden unter den Füßen wegbricht. Denn sie selbst gräbt sich durch Raubbau an der Natur die sichere Standfläche ab. Gegenwärtig vor allem durch die unersättliche Gier nach Seltenen Erden. Bühnenbildnerin Katrin Connan stellt ihren klinisch weißen Einheitsraum in der Staatsoper Stuttgart hart an die Abbruchkante eines Tagebaus. Unweigerlich führt der immense Rohstoffbedarf zur Selbstvernichtung der Konsumenten. Doch wird der Umstand um jeden Preis verdrängt. Empfindungen sind hinderlich. Für Solidarität und Erbarmen ist kein Platz. Grausamkeit – die von Turandot angeordneten Hinrichtungen um sie freiender Prinzen in Serie – verschafft den Kick eines Computerspiels. Immerfort auf ihre Displays starrend, hat sich die Menge ohne der Ursache irgend Bedeutung beizumessen vor dem Tagebau auf inzwischen arg begrenztes Terrain zurückgezogen.

Dystopie und Liebesprinzip
Regisseurin Anna-Sophie Mahler nutzt Opernklischees abgelebter Zeiten wie hochgerissene Arme für die Mechanik und Sinnentleertheit im Verhalten der Masse. Leicht zu bewerkstelligende Pflichtübungen, die wenig Aufmerksamkeit fordern. Zumal letztere weitgehend von der Beschäftigung mit Informationstechnologie und Unterhaltungselektronik absorbiert wird. Freilich setzten Mahler und Connan ihrer bildstarken, doch gängigen Dystopie eine geradezu kosmische Dimension entgegen: Liebe als das All durchwaltendes Eigentliches. Ein Prinzip jenseits individuellen Gefühlslebens, das verschiedene Gestalt annehmen kann. In Liù, deren Opfertod Turandot die Kraft und Selbstlosigkeit der Liebe lehrt und Calaf, dass Liebe den schieren Affekt und bloßes Begehren nach Erfüllung weit übersteigt. Der Prinz verkörpert die Beharrlichkeit, Kühnheit und das Feuer, derer die Liebe bedarf. Turandot befreit sich aus ihrem Eispanzer, mit dem sie sich wider zudringliche Männlichkeit gerüstet hat, auf dass ihre Neigung zum rätsellösenden Freier sich einen Weg bahne.

Der Weltraum, unendliche Weiten
Mag sein, ein „amor vincit omnia“ wie dieses mutet gar zu utopisch an. Die Stuttgarter „Turandot“ dünkt denn auch nicht ganz von dieser Welt. Ebenso wie die Erde könnte ein ihr ähnlicher Exoplanet den Schauplatz abgeben. Spacige Uniformen für die drei Minister, Timur und den Mandarin sowie Turandots Mantel und Hosenanzug samt des im Hintergrund aufgehenden Blauen Globus legen den Verdacht nahe. Doch allererst jene monumentale Träne, in der Turandot wie im Einpersonenraumschiff vom Himmel herabfährt, um ihm gleich einer aus der Stase gelösten Astronautin zu entsteigen. Nur, dass der Flugapparat durch häufigen Einsatz ein wenig Effekt einbüßt. Macht aber wenig. Nicht anders die nur scheinbar possierlichen Roboterhündchen, in Wahrheit – zaghaft angedeutet – Liù zusetzende Kampfmaschinen und Folterwerkzeuge. Verzichtbar hingegen die sich nach Calafs Nähe Zuwendung und Nähe sehnende kindliche Doppelgängerin der Prinzessin. Wenngleich deren Darstellerin ganz fabelhaft agiert. Der Besetzungszettel verschweigt ihren Namen. Schade.

Liebestod
„Poi Tristano“ – „danach Tristan“, schrieb Puccini auf eines seiner Skizzenblätter für das Finale seines opus summum. In Stuttgart Anlass, sich weder des Alfano- noch des Berioschlusses zu bedienen, geschweige denn das Werk – wie es Toscanini in der Uraufführung tat – nach dem Trauerchor für Liù abzuklopfen. Stattdessen steigt „Isoldes Liebestod“ in der Konzertfassung aus dem Graben. Wie in „Turandot“, so wirkt nach Auffassung des Leitungsteams auch in „Tristan und Isolde“ Liebe weniger in individueller Ausprägung, sondern weit eher als allgemeines Prinzip ins Leben hinein. Gut möglich, nur kommt des nun indifferenten Bühnengeschehens halber „Isoldes Liebestod“ als orchestrale Zugabe daher.

Musikalisch überragend
Unerachtet solcher Erwägungen, erweist sich die musikalische Seite dieser Stuttgarter „Turandot“ als hochkarätig. Bernhard Moncado beflügelt den Staatsopernchor zu enormer Klangpracht, Durchschlagskraft und Präzision. Das Kollektiv formiert sich zu einer beinahe expressionistischen „Masse Mensch“. Valerio Galli lässt das Staatsorchester Stuttgart unerhörte dramatische Verve entfalten. Die Partitur wächst zum ragenden Koloss auf. Nuancen und Lyrisches geraten dennoch nicht unter die Räder, werden vielmehr feinsinnig herausgearbeitet. Ewa Vesins Titelfigur agiert spielerisch und vokal wie ein frostiger Gast auf Erden oder einem Schwesterplaneten. Der Eisberg taut freilich an, wenn die Prinzessin ihre Empfindungen für den fremden Prinzen nicht ganz und gar zu verbergen weiß. Für Calaf bietet Diego Godoy soviel Poesie wie möglich und soviel Heldisches wie nötig auf. Sein „Nessun dorma“ arbeitet sich – ohne Machoattitüde – zur liebenden Siegeszuversicht empor. Herzrührend verkörpert Esther Dierkes Liù. Blühende Lyrik und jene Stärke, die unter der Folter den Persönlichkeitskern beweist, Dierkes verfügt über beide. Adam Palka gibt einen balsamischen Timur. Ping, Pang und Pong lassen bei Shigeo Ishino, Alberto Robert und Joseph Tancredi unbedingt aufhorchen.
Staatsoper Stuttgart
Puccini: Turandot
Valerio Galli (Leitung), Anna-Sophie Mahler (Regie), Katrin Connan (Bühne & Kostüme), Pascale Martin (Kostüme), Ivan Estegneev (Choreografie), Valentin Däumler (Licht), Bernhard Moncado (Chor u. Kinderchor), Ewa Vesin (Turandot), Heinz Göhrig (Altoum), Adam Palka (Timur), Diego Godoy (Calaf), Esther Dierkes (Liù), Shigeo Ishino (Ping), Alberto Robert (Pang), Joseph Tancredi (Pong), Jaewoung Lee (Mandarin), Staatsorchester Stuttgart, Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Staatsoper Stuttgart
Termintipp
Sa., 13. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Ewa Vesin (Turandot), Heinz Göhrig (Altoum), Adam Palka (Timur), Diego Godoy (Kalaf), Esther Dierkes (Liu), Valerio Galli (Leitung), Anna-Sophie Mahler (Regie)
Termintipp
Fr., 26. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Ewa Vesin (Turandot), Heinz Göhrig (Altoum), Adam Palka (Timur), Diego Godoy (Kalaf), Esther Dierkes (Liu), Valerio Galli (Leitung), Anna-Sophie Mahler (Regie)
Termintipp
Mo., 29. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Ewa Vesin (Turandot), Heinz Göhrig (Altoum), Adam Palka (Timur), Diego Godoy (Kalaf), Esther Dierkes (Liu), Valerio Galli (Leitung), Anna-Sophie Mahler (Regie)
Termintipp
So., 05. Juli 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Ewa Vesin (Turandot), Heinz Göhrig (Altoum), Goran Jurić (Timur), Diego Godoy (Kalaf), Esther Dierkes (Liu), Valerio Galli (Leitung), Anna-Sophie Mahler (Regie)
Termintipp
Mi., 08. Juli 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Turandot
Ewa Vesin (Turandot), Heinz Göhrig (Altoum), Goran Jurić (Timur), Diego Godoy (Kalaf), Esther Dierkes (Liu), Valerio Galli (Leitung), Anna-Sophie Mahler (Regie)




