Opern-Kritik: Staatsoper Berlin – Der Rosenkavalier

Eine wienerische Maskerade und weiter nichts

(Berlin, 9.2.2020) An der der Staatsoper Unter den Linden verhebt sich André Heller ausgerechnet mit der populärsten Oper von Richard Strauss, am Pult rettet Altmeister Zubin Mehta musikalisch, was zu retten ist.

© Ruth Walz

Nadine Sierra (Sophie) und Michèle Losier (Octavian)

Nadine Sierra (Sophie) und Michèle Losier (Octavian)

Wenn sich zwei Genies wie Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ans Werk machen, dann können sie halt eine ganze Welt erfinden. So wie jenes fiktive (oder „alternative“) Maria-Theresia-Wien mit ihrem „Rosenkavalier“ anno 1911. Ein Schmuckstück ganz eigener Art, das musikalisch genauso opulent funkelt, wie es mit seinem sprachlichen Charme verführt. Und obendrein zu berühren vermag. Für die Dresdner Semperoper und die Wiener Staatsoper gehört der „Rosenkavalier“ sozusagen zur Kernkompetenz. Im Strauss-Opernhaus und am Ort des Geschehens. Und natürlich liefern auch die schmuck aufpolierte Staatsoper Unter den Linden in Berlin und Barenboims Staatskapelle einen passenden Rahmen für diese Wiener Maskerade. Diesmal steht Zubin Mehta am Pult und geht altersweise gelassen und betont langsam zu Werke, blickt nicht allzu scharf in die lauernden Abgründe, verlegt sich eher auf’s Schwelgen im Wohlklang. Das ist alles fein gewoben.

Dem Haus gemäß kann man auch die Stars aufbieten, die es braucht, um den rechten Wiener Ton zu treffen. Die Lebensklugheit der Feldmarschallin, die jugendliche Leidenschaft Octavians, der Funke, der zwischen Sophie und Octavian überspringt, wenn er die Silberrose überreicht, und natürlich die polternden Unverschämtheiten des Ochs sowie das ganze gesellschaftliche Drum und Dran beim morgendlichen Lever der Marschallin, den neureichen Faninals und dann beim Mummenschanz im Beisl.

Der erwartete große Regiecoup bleibt aus

© Ruth Walz

Maximilian Glücksmann (Lehrbube des Papierkünstlers), Lorenzo Torres (Papierkünstler), Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg), Chiara Keyßelt (Lehrbube der Friseurin) und Franziska Petersdorf (Friseurin)

Maximilian Glücksmann (Lehrbube des Papierkünstlers), Lorenzo Torres (Papierkünstler), Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg), Chiara Keyßelt (Lehrbube der Friseurin) und Franziska Petersdorf (Friseurin)

In Berlin hatte man offenbar den großen Regiecoup im Sinne, als man André Heller als Regisseur und mit Malerin Xenia Hausner für die Bühne und Arthur Arbesser als Kostümdesigner gleich noch zwei weitere Österreicher für den szenischen Rahmen engagierte. Opernregie-Debüts in reiferen Jahren sind zwar immer so eine Sache, aber im Falle des multibegabten Ästheten André Heller (72) durfte man schon auf ein Gesamtkunstwerk der eigenen Art mit Überwältigungseffekt hoffen. Doch genau das blieb er schuldig. Vielleicht war es ein übergroßer Respekt vor dem Werk, dass allzu konventionell vom Blatt gespielt wurde und sich die wenigen Regieeinfälle, in ihrer Kleinteiligkeit gleichsam folgenlos verläpperten.

Bei einem Bühnentraum-Magier wie André Heller erwartet man viel, nur nicht fade Langeweile

Der Bezug auf eine Benzefizvorstellung der Oper am 9. Februar 1917 für die Kriegswaisen und -versehrten wird durch einen projizierten Programmzettel behauptet, bleibt aber ohne Folgen. Die drei Waisen beim Lever denunzieren die Idee eher, als dass sie sie aufnehmen. Auch, dass beim Vortrag des Tenors (Atalla Ayan) sich plötzlich ein paar Bühnenarbeiter in der Kulisse verirren, gebannt zuhören und zurückgepfiffen werden, bleibt eine Episode der Verfremdung. Auch, dass der zweite Akt wie eine Vernissage des Klimt-Frieses in der Wiener Sezession in Anwesenheit des (allzu zu kleindarstellerisch besetzten) Meisters selbst, oder wie eine entsprechende Kostümpartie anhebt, bleibt nur Verzierung, bei der obendrein ein semiprofessioneller Choraktionismus herrscht. So ist zwar genügend Zeit, um dem obendrein in vorbildlicher Diktion gesungenem Text zu folgen und die Musik zu genießen, aber szenisch breitet sich aus, womit man bei einem Bühnentraum-Magier wie André Heller nun wirklich nicht gerechnet hatte: fade Langeweile.

Günther Groisböck widersetzt sich: mit seinem grandiosen Ochs

© Ruth Walz

Michèle Losier (Octavian) und Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau)

Michèle Losier (Octavian) und Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau)

Leider ist es diese Nebenwirkung der Regie, die auf die Figurenporträts zurückwirkt. Dem vermag sich vor allem der Star des Abends, Günther Groisböck, mit seinem Ochs zu widersetzen. Er singt, spielt und ist die überbordende, eroberungsversessene Männlichkeit in Person. Ein Machogrobian vor dem Herrn, aber im Habitus viel zu elegant. Er ist nicht die Erinnerung an den maßlosen Verführer, der sich einredet, er wäre es noch. Hier ist er es. Groisböcks nie aufgesetzter Tonfall, die prachtvolle Stimme und sein Spiel sind für sich genommen ein Genuss. Der Wotan des kommenden Bayreuther Sommers ist in Hochform! Auch Camilla Nylund überzeugt als Feldmarschallin mit Noblesse in Glanz und Diktion. Doch berührendes Mitfühlen kommt nicht auf. Dass sie ausgerechnet im großen Zeit-Monolog für einen Teil der Zuschauer nicht zu sehen war, war dafür fast typisch. Es ging eh weniger um das Wechselspiel zwischen den Personen, als ums Abliefern, gerne auch an der Rampe mit Blick ins Publikum. Michèle Losier passte als Octavian im Kontrast zur reifen Frau mit ihren knabenhaften Figur allerdings fabelhaft in die Rolle des jugendlichen Liebhabers. Nadine Sierra findet sich schnell in eine lyrisch singende und selbstbewusst auftretende Sophie. Roman Trekels Faninal bleibt trotz seines goldenen Anzugs zu farblos und seltsam steif.

Fanfraktion des Allround-Künstlers vs. Buhs

Was die Szene an Wien-Hommage bietet (vor allem im zweiten Akt) zündet nicht wirklich. Xenia Hausners Bühnen-Farbästhetik ist in sich stimmig, bleibt aber letztlich beliebig und Geschmacksache. André Heller hatte im Vorfeld gesagt, dass er mit diesem Opernregiedebüt einen weißen Fleck auf seiner Erfahrungslandkarte tilgen wollte. Die starke angereiste Wiener und angerückte deutsche Fanfraktion des Allround-Künstlers konnte die Buhs, die es für ihn gab, gleichwohl nicht überdecken. In der Staatsoper Unter den Linden fragt man sich nach dieser Premiere nicht zum ersten Mal, ob Intendant Matthias Schulz wirklich ein Konzept hat, um jenseits der zugkräftigen Namen und gängigen Stücken der Konkurrenz der Deutschen Oper und der Komischen Oper in Berlin Stand zu halten.

Staatsoper Unter den Linden Berlin
R. Strauss: Der Rosenkavalier

Zubin Metha (Leitung), André Heller (Regie), Xenia Hausner (Bühne), Arthur Arbesser (Kostüme), Camilla Nylund, Günther Groissböck, Michèle Losier, Roman Trekel, Nadine Sierra, Anna Samuil, Karl-Michael Ebner, Katharina Kammerloher, Erik Rosenius, Florian Hoffmann, Linard Vrielink, Jaka Mihelač, Andrés Moreno García, Atalla Ayan, Victoria Randem, Lorenzo Torres, Staatskapelle Berlin

Auch interessant

Konzert-Tipp 18.3.: Live aus dem Konzerthaus Berlin

Kreativ durch die Krise

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg und das Konzerthaus Berlin bringen heute Abend Weltstars live ins Wohnzimmer. weiter

Konzertabsagen Corona-Virus

Absagen von Konzerten und Opernaufführungen

Lesen Sie hier aktuelle Informationen zu Konzertausfällen bedingt durch das Corona-Virus in Ihrem Bundesland. weiter

Das Publikum des Jahres 2019: Jurysitzung in Berlin

Wenn die Jury tagt…

In einer Woche startet die Jurysitzung für „Das Publikum des Jahres 2019“ in Berlin. weiter

Kommentare sind geschlossen.